DIE ZEIT: Herr Kraemer, die Märkte und viele Politiker erwarten, dass Griechenland bald umschulden muss. Wann ist es so weit?

Moritz Kraemer: Die Gerüchte verdichten sich zwar, das ist unübersehbar. Griechenland hat seine Ziele für Einsparungen und Steuereinnahmen 2010 verfehlt , was für 2011 wenig Gutes verheißt. Die Kapitalmärkte gehen beharrlich davon aus, dass dies keine Übergangsprobleme sind, sondern strukturelle Probleme, die eine Umschuldung unumgänglich machen.

ZEIT : Sie sehen das anders?

Kraemer : Was Griechenland betrifft, haben die Märkte früher kaum Unterschiede zu Ländern mit bester Bonität gemacht. Inzwischen haben sie aber umso schneller und heftiger reagiert. Heute hält der Markt Griechenlands Kreditwürdigkeit für deutlich niedriger als wir bei Standard & Poor’s und die Wahrscheinlichkeit einer Umschuldung für deutlich höher als wir.

ZEIT : Geht es etwas genauer?

Kraemer : Die Ausfallwahrscheinlichkeit ist gestiegen. In unseren Augen beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass Griechenland umschulden muss, fast ein Drittel. Dies entspricht dem historischen Wert für die spekulative Kategorie, in die wir Athen seit einiger Zeit einordnen.

ZEIT : Mit welchen Einschnitten rechnen Sie?

Kraemer : Wenn es zu einer Umschuldung der Verbindlichkeiten Athens kommt, erwarten wir je nach Modalitäten einen Schnitt um 50 bis 70 Prozent des aktuellen Werts.

ZEIT : Das würde massive Verluste für die Gläubiger bedeuten – vor allem für die Banken!

Kraemer : Zwar fehlt es in Europa an Erfahrungswerten, aber die Geschichte legt solche Größenordnungen nahe. Es ist denkbar, dass Europas Politik im Ernstfall zunächst moderate Schritte erwägt, etwa eine Streckung von Laufzeiten oder eine Reduzierung von Zinszahlungen. Wir aber halten es für wenig sinnvoll – und daher auch für wenig wahrscheinlich –, die enormen Folgen eines solchen Schrittes für den Marktzugang und die Finanzierungskosten eines Landes in Kauf zu nehmen, wenn man die Schuldenlast zugleich nur von aktuell 160 Prozent auf 130 Prozent senkt. Dieser Schritt lohnt sich nur, wenn man die Schulden tatsächlich nachhaltig reduziert.

ZEIT : Jüngster Anwärter für Hilfen Europas ist Portugal. Wie schwierig wird dessen Rettung?

Kraemer : Die Lage Portugals ist prekär , aber längst nicht so dramatisch wie die Griechenlands. Portugals Ausgangssituation ist deutlich besser. In der Vergangenheit waren bereits Erfolge in der Haushaltskonsolidierung festzustellen.

ZEIT : Portugal braucht binnen Wochen viele Milliarden, Europa will aber nur helfen , wenn Lissabon zuvor harte Sparmaßnahmen zusagt. Es gibt jedoch Wahlen, die neue Regierung und das neue Parlament werden erst Ende Juni stehen.

Kraemer : Wir sehen in dieser Frage keine großen Unterschiede zwischen den Parteien und daher keine Gefahr. Alle wissen, dass es keine Alternative gibt. Ein Scheitern der Gespräche über internationale Hilfen ist ein Szenario, das sich weder Portugiesen noch Europäer ausmalen wollen, und daher wenig wahrscheinlich.