Größere Stücke, die die einzelnen Punkte zu einem Bild verbinden, erscheinen erst vom Spätsommer 2006 an – etwa in der ZEIT, im Spiegel, in der Wirtschaftswoche . In der Le Monde Diplomatique, die der taz beiliegt, schlägt der damals 74-jähriger Historiker Gabriel Kolko den großen Bogen, der mit einer großen Wirtschaftstheorie beginnt und mit Finanzderivaten endet.

Ein paar Monate später war es auch schon so weit: Die Immobilienpreise sanken, die Märkte für ABS und CDOs froren ein. Die Finanzkrise hatte begonnen, der Tsunami, wie sie genannt wurde, weil sie die Welt überraschte wie eine Naturkatastrophe. Aber das war sie nicht: Banken, Politiker, Rating-Agenturen, Theoretiker hatten über Jahre zusammengewirkt am größten Korruptionsskandal des Jahrhunderts. Und die Zeitungen? Hatten es nicht geschafft, die Öffentlichkeit zu alarmieren.

Journalisten suchen übrigens nicht nach der Wahrheit, sondern nach Geschichten. Eine Geschichte ist eine Geschichte, wenn sie der Wahrheit von gestern widerspricht oder sie zumindest auf eine interessante Weise fortspinnt. Egal, ob es um Klimaerwärmung, Kindererziehung oder den FC Bayern geht. Der Wirtschaftsredakteur, der sich in den neunziger Jahren für freie und weltweite Finanzmärkte begeisterte, erzählte auch eine neue Geschichte. Sie handelte davon, wie sich die Nachkriegsweltordnung auflöste, die noch vom Schock der Weltwirtschaftskrise und des Weltkriegs geprägt war. Ihre Botschaft: Die Zeit der Vorsicht ist vorbei. Das ist sogar eine große Neuigkeit, und viele Geschichten, die seit dem Ende des Kommunismus geschrieben wurden, speisten sich aus dieser Quelle.

Wer einmal so gesinnt war, stand Finanzinnovationen aufgeschlossen gegenüber. Weil: Es gibt in dieser Welt keinen Staat, das Geschäft fand oft außerhalb der Bilanz statt, frei von Eigenkapitalvorschriften, die das Risiko im gesellschaftlich akzeptierten Rahmen gehalten hätten. Der Markt regelt das, sagten die Neoliberalen, im Preis steckt zu jedem Zeitpunkt die Schwarmintelligenz aller Marktteilnehmer, die größer ist als die von ein paar Regulierern.

Von einigen einflussreichen Wirtschaftsredakteuren hieß es nach der Krise, sie seien eben marktgläubig gewesen. Oder einfach: große Deuter des Weltgeschehens, die das große Ganze beschrieben und dabei die Details übersahen. (Zum Beispiel die Beipackzettel einer Asset Backed Security, die mehrere hundert Seiten umfassen.) Rainer Hank, Ressortleiter Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, einer der intellektuellen Köpfe des deutschen Liberalismus, will zu dem Thema kein Interview geben. Er teile, schreibt er, nicht die Prämisse der Geschichte, dass "böse ABS" die Finanzkrise verursacht hätten. Gabor Steingart, der beim Spiegel immer wieder prominent gegen zu viel Staat schrieb, äußert sich nicht zu unserer Anfrage.

"In vielen Punkten bin ich für Deregulierung", sagt Nikolaus Piper, New-York-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, damals Ressortleiter Wirtschaft. "Aber die war, was die Finanzmärkte betrifft, einfach fehlgesteuert. In der Redaktion gab’s die Finanzmarktspezialisten und die Makro-Leute. Wir haben das einfach nicht zusammengebracht. Jemand wie ich hätte sich mehr drum kümmern müssen, was da passiert." Außerdem sei er abgelenkt gewesen, die Gefahr habe er eher im US-Handelsdefizit vermutet.

Und das überraschend gute Risiko-Rendite-Verhältnis der ABS, das immer wieder gelobt wurde? Hätte man darüber nicht stolpern müssen, verbirgt sich hinter solchen Behauptungen nicht der faule Zauber, der jeder Finanzkrise zugrunde liegt? "Man liest das zehnmal am Tag, und irgendwann überliest man es", sagt Piper.

Und ältere Kollegen? Wechselten irgendwann die Seiten: "Wir haben das anfangs eher mit Skepsis betrachtet", sagt Wolfgang Kaden, 1940 geboren, Volkswirt, früher Spiegel- Chefredakteur und von 1994 bis 2003 Chefredakteur des manager magazin. "Aber als man sah, was da freigelegt wurde – da wurden ja gewaltige Wachstumsimpulse freigelegt –, haben wir das unterstützt. Sie sind ja als Journalist hoffentlich ein offenes System. Sie gehen raus, reden mit Leuten, und wenn da so ein Meinungsstrom in diese Richtung geht: Dem können Sie sich nicht verschließen."

Robert von Heusinger, damals Finanzmarkt-Korrespondent der ZEIT, glaubt, dass seine Redaktion nicht an der Ideologie gescheitert sei. "Ich habe immer für mehr Regulierung plädiert", sagt der 43-Jährige, heute stellvertretender Chefredakteur der DuMont-Redaktionsgemeinschaft. "Ich habe auf die irren Renditeerwartungen von 25 Prozent bei den Banken geguckt, auf Währungswetten und Hedgefonds. Ich dachte: Da irgendwo bricht es. Asset Backed Securities galten nicht groß als gefährlich. Dass die Banken da am Ende überhaupt nicht mehr in der Haftung waren, das wusste ich nicht. So hatte ich das nicht gelernt."

Es gab Störfälle, die Anlass für einen reality check hätten sein können. 2002 geht in Amerika der erste ABS-Emittent pleite, eine Allianz-Tochter ist in Mitleidenschaft gezogen. Wenig später warnt ein Mitglied der US-Notenbank vor den späteren Katastrophenbanken Fannie und Freddie. 2003 sprach dann Warren Buffett deutliche Worte.