Tobias Moerschen, damals 30, war gerade Korrespondent desHandelsblatts in New York geworden. Er konnte Buffetts Warnung nicht einschätzen, aber die Story lag auf der Hand: Börsenguru warnt vor Megamarkt. Moerschen setzte drei Geschichten ab, im Ressort "Finanzzeitung". Pro und Contra, vor allem Contra, gut lesbar, aber natürlich unmöglich einzuschätzen für Leser, die keine Experten sind. Eine eigene Einordnung, eine tiefe Recherche war es nicht. Tobias Moerschen sagt, ohne Ironie, dass ihn keiner daran gehindert hätte, das zu tun – nachts. Vormittags habe er in jenen Tagen etwa zwei Artikel geschrieben. Nachmittags habe er dann Zeit für "Freischwimmer-Geschichten" gehabt, für die er ein paar Tage, manchmal auch mehr, recherchieren konnte.

"Das habe ich eine Handvoll Male gemacht, für große Themen mit großen Namen. Aber für eine abstrakte Geschichte nach dem Motto: ›Das könnte böse enden, aber vielleicht auch nicht‹? Das vorherzusehen, das hat die Kapazitäten der besten Professoren und Praktiker überschritten. Ich würde das nicht von einem kleinen Journalisten erwarten." Später machte er dann ein Interview mit dem amerikanischen Wirtschaftsprofessor Robert Shiller, der vor einer neuen "Blase" warnte. Interviews kosten wenig Zeit, und amerikanische Akademiker sind gut darin, abstrakte Themen für die Allgemeinheit zu übersetzen. "Den können Sie einfach reden lassen", sagt Moerschen.

New York, ein Großraumbüro am Central Park, mit diesen grauen Arbeitswaben, wie man sie aus dem Film Watergate kennt, der die wahre Heldengeschichte zweier Journalisten erzählt , die einen Präsidenten stürzen. Der Gründungsmythos vom Journalismus als vierte Gewalt. Hier sitzt Dean Starkman und fragt sich, was anders geworden ist. Der 52-Jährige ist Wirtschaftsredakteur bei der Columbia Journalism Review, die von der Columbia School of Journalism herausgegeben wird. Hier wird der Pulitzer-Preis gehütet, der Gral des Journalismus.

Starkmans Interesse gilt nicht der Exzellenz einiger weniger, sondern dem Versagen fast aller. Er hat ein paar Tausend Wirtschaftsberichte in neun amerikanischen Zeitungen gesichtet, Fazit: "Sie haben die systemische und systematische Korruption der Hypothekengeber und ihrer Finanziers an der Wall Street nicht begriffen. Stattdessen haben sie sich auf die üblichen Porträts der Finanzindustrie konzentriert."

Das schreibt er unter anderem der Tatsache zu, dass die amerikanischen Zeitungen, bedrängt durchs Internet, selbst in der Krise gewesen seien und deshalb zu verunsichert, um dem militant-bankenfreundlichen Klima der Bush-Jahre zu widerstehen. "Es gibt großartige Geschichten über die Wall Street, Den of Thieves oder Predators’ Ball . Aber das sind Bücher, nichts, was man als investigativen Journalismus bezeichnen könnte. Ich frage mich, ob die Wall Street jemals die Behandlung bekommen hat, die andere Branchen zuteil wurde, der Tabakindustrie zum Beispiel. Und die Frage, an der ich arbeite, heißt: Was hindert den Wirtschaftsjournalismus?"

Starkman schreibt an einem Buch über das Thema, das nicht groß werden wollte. Seine wichtigste These hat nichts mit Ideologie zu tun oder mit Recherchezeit: "Mein Ansatz ist, dass die Perspektive zu eng ist, dass die meisten Berichte die Fragestellungen der Wall Street übernehmen, wie ihre Strategien aufgehen und solche Dinge. So entsteht ein Konsens darüber, was smart ist. Und smart ist, was deine Kollegen für smart halten. Aber es ist eine Definition von smart, die sich an dem Interesse von Insidern orientiert."

Was das bedeutet, kann man täglich in jedem Wirtschaftsteil besichtigen: Mini-Scoops die nur die Branche versteht, Handlungsstränge, die sich erst erschließen, wenn man über Monate mitliest und keine einzige Folge verpasst. Dean Starkman schreibt dies der Tatsache zu, dass Wirtschaftsjournalisten eine ziemlich geschlossene Gesellschaft bilden: "Es gibt die, die drin sind und deren Tendenz es ist, andere Leute fernzuhalten. Zum Teil, weil sie nicht wollen, dass jemand fragt, wie sie ihren Job machen. Und wenn es jemand tut, wird er der Ignoranz, Vereinfachung, Dummheit beschuldigt. Das ist eine harte Waffe. Und es braucht eine ungewöhnliche Person, um das auszuhalten."

Er fand solche Ausnahmetalente: Mike Hudson, ein Mitarbeiter der Los Angeles Times, der über Jahre die Halbwelt im Hinterland seiner Zeitung beschrieb, in der Dealer Überdosen an Kredit an Arme verteilten. Oder Gillian Tett, Finanzmarktredakteurin der britischen Financial Times, die früh vor Derivaten warnte. Tett hatte Ethnologie studiert und betrachtet die Finanzcommunity wie einen fremden Stamm , den es in seiner Gesamtheit zu erforschen gilt.

2004 tat sie etwas sehr Mutiges: Sie stellte sich dumm. Sie bat einen Kollegen, ihr aufzumalen, wie die einzelnen Teile der Londoner Bankenwelt eigentlich zusammenhingen. "Ich habe als Ethnologin gelernt, dass man, um eine Gesellschaft zu verstehen, nicht nur die Teile betrachten muss, über die alle reden, in diesem Fall die Aktienmärkte oder die großen Fusionen, sondern auch die sozialen Schweigezonen." Sie fand: Derivate. ABS und CDOs und CDS, Themen, bei denen ihre Kollegen regelmäßig glasige Augen bekommen hätten. "Viel Platz bekam sie nicht", sagt Starkman. Klar: Das Thema war Kassengift in hoher Konzentration. Abstrakt, gesichtslos und pessimistisch. Schwer zu erklären.

Mit diesen Schwierigkeiten kämpfte auch Heike Buchter, die Prophetin in der eigenen Zeitung, die 2004 ihre erste Geschichte über das Thema schrieb. Darin stand, unglaublicherweise, alles, was man wissen muss: zwei amerikanische Hypothekenbanken, Fannie und Freddie genannt, die in großem Stil ABS über die Welt verteilen, was, bei einem Sinken der amerikanischen Immobilienpreise, zu einem "weltweiten Beben an den Finanzmärkten" führen würde. Im Nachhinein ist die Geschichte ein Knüller. Damals lief sie auf der "Geld-Seite" der ZEIT .