Immerhin. Andererseits, wäre es nicht eigentlich ein Riesenthema gewesen? Einer der größten Märkte der Welt – eine Art Zeitbombe? Vielleicht sogar eine Titelgeschichte, zehn, zwanzig Recherchetage? Sie habe damals mindestens einen Monat Recherche in das Thema versenkt, sagt die Kollegin. Aber von einem großen Auftritt hat sie nicht zu träumen gewagt. "Mit Derivaten? Schlagen Sie das mal dem Chefredakteur vor. Offen gestanden hatte ich das Gefühl, dass wir Finanzjournalisten unter Ausschluss der Öffentlichkeit arbeiten: von Experten für Experten."

Auch offen gestanden: Man versteht diese Berichte oft nicht. Selbst wenn sie "flott geschrieben", metaphernreich und so weiter sind: Die größeren Zusammenhänge erschließen sich, auf den 200 Zeilen, die Finanzgeschichten im Allgemeinen eingeräumt werden, nicht. Selbst wenn sie im Nachhinein als Highlight der Finanzberichterstattung gelten. Heike Buchter sagt, dass sie oft Monate damit verbringe, sich in ein Thema einzuarbeiten – wenn man wieder auftauche, sei es schwer, drei Schritte zurückzutreten. Dass ihre Stücke oft von Anwälten gegengelesen werden müssen, führe nicht unbedingt zu verständlicheren Texten.

Und die, die selbst aus dem Detailgewirr der Derivate eine große Erzählung machen könnten? Reporter mit unerschöpflichen Spesenaccounts und erzählerischen Fähigkeiten, die Zahlen zum Leben erwecken können? Wussten nichts davon und wollten es auch nicht wissen. Wirtschaftsthemen galten vor der Finanzkrise in Deutschland als unsexy; eine große Reportage zu schreiben bedeutete bis vor wenigen Jahren, die Welt aus der Perspektive von Machtlosen und Unterprivilegierten zu betrachten, nach unten zu blicken statt nach oben. Auch ist die Dramatik dort meist schneller zu begreifen.

Dass eine Gruppe von Reportern auf ein komplexes Thema angesetzt wird, kommt seit dem 11. September häufiger vor – aber nur, wenn die Katastrophe passiert ist. Ein einzelner, der sich, sagen wir 2005, wochenlang hätte freinehmen wollen, um sich in die Welt der Derivate zu begeben, hätte sich seiner Sache schon sehr sicher sein müssen. Denn wäre er mit leeren Händen wiedergekommen oder hätte um fünf weitere Wochen Recherchezeit gebeten (weil das alles so kompliziert ist), dann hätte er ein Problem gehabt.

Mit dem Journalismus ist es wie mit dem Investieren. Es ist schwer, gegen den Mainstream zu arbeiten. Das hat nichts mit Ideologie zu tun. Es hat nicht einmal etwas mit Wirtschaftsjournalismus zu tun. Es hat damit zu tun, dass wir alle, auch unsere Leser, Nachrichtenzyklen unterliegen, die dafür sorgen, dass bestimmte Ideen jahrelang fast unpublizierbar sind – zu merkwürdig, zu schwer verdaulich, irgendwie aus der Zeit gefallen.

Man kann das am Yoga erklären: Zwischen 1980 und 2000 galt Yoga als Hippie-Sache. Egal, wie toll seine Wirkung: Eine Geschichte war es nicht. Erst als zwei Dinge zusammenkamen – ein wachsendes Interesse an Spirituellem und eine Verwestlichung des Yoga –, konnte man in einer Mainstream-Zeitung darüber schreiben. Und plötzlich (denn auch die Wissenschaft unterliegt solchen Zyklen) gab es Untersuchungen, die die positiven Effekte des Yoga nachwiesen. Was wiederum den Journalisten hilft, ihre Geschichten zu verkaufen und das Interesse an Yoga weiter verstärkt. Diese Welle wird noch ein paar Jahre anhalten – bis sie bricht.

Dann werden die einzigen Geschichten, die man noch über Yoga hören will, von bösartigen Yogalehrern handeln, von Yogaverletzungen oder besser noch: Yogatoten. Das ist (öffentliche Personen wissen es) eine starke Dramaturgie, viel stärker, als Medien sie je schaffen könnten. Oder andersherum: Eine Redaktion, die keinen Respekt vor der Welle hat, die zu weit vorn oder zu weit hinten ist, wird nicht erfolgreich sein. Gegen die Welle anzuschreiben ist nicht unmöglich. Aber Spaß macht es nicht. Es gibt keine "amerikanischen Wissenschaftler", die Beweise liefern, keine Leser, keinen Platz, und es erscheint auf Seite 28 unten.

Heike Buchter sagt, intern seien ihre Geschichten damals gut angekommen. Die Redaktion machte sie zur Wirtschaftskorrespondentin, eine Möglichkeit, sich wochenlang in Akten einzuwühlen, Geschichten hinter den Zahlen zu finden, statt nur hinter den großen Namen der Wall Street.

Sie vertiefte sich in Hedgefonds, Private Equity, Computerhandel. Das Thema ABS verlor auch sie aus den Augen. Schließlich sei ja auch nichts passiert. Erst Ende 2006 recherchierte sie wieder dazu – und schrieb eine Geschichte über Kreditverbriefung, die mit einem New Yorker Hausbesitzer begann und bei Banken in Deutschland endete. Das sei eine schöne Zeit gewesen, die Blütezeit des investigativen Finanzjournalismus, auch wenn heute das Interesse an ihrem Thema bei den Lesern schon wieder am Abflauen sei. Zumindest wenn nicht das Wort "Derivate" in dem Text auftauchte. Dabei lägen die Probleme inzwischen ganz woanders. Und wo?

Das sei eine lange Geschichte, sagt Heike Buchter. Sie ist abstrakt, kompliziert, und keiner will sie hören.