Der zwölfjährige Albert Rosegarden, die Hauptfigur in Michael de Guzmans Roman Die Schlawiner, lebt mit seiner Mutter Holly in einem Wohnwagen. Das ist in den USA nicht ganz so außergewöhnlich wie in Deutschland, aber dennoch ein deutliches Zeichen dafür, dass es den beiden nicht allzu gut geht. Meist bedeutet es, dass man sich eine richtige Wohnung nicht leisten kann. Holly arbeitet zwar nachts als Kellnerin in einer Bar, aber das Geld, das sie so verdient, reicht vorn und hinten nicht. An seinen Vater kann sich Albert nicht erinnern – und mit seinen Lehrern hat er ständig Ärger. Nicht etwa weil er randaliert, gewalttätig ist oder Mitschüler beklaut, noch nicht einmal weil er wirklich frech wäre, sondern nur, weil er ein cleveres Kerlchen ist und kein Blatt vor den Mund nimmt. Und weil die Lehrerschaft anscheinend etwas empfindlich ist. Als er zum Beispiel Mrs. Hissendale widerspricht, die Erdkugel sei keineswegs so rund wie ein Basketball, sondern sehe eher aus wie ihr Kopf, also mehr wie eine Kartoffel oder ein umgekipptes Ei, wird er gleich für drei Tage vom Unterricht ausgeschlossen.

Am Abend dieses Tages bekommen er und Holly Besuch von einem seltsamen alten Mann: Wendell Rosegarden. Er ist groß, dunkelhäutig, trägt einen zerknitterten Leinenanzug und in der Hand einen Geigenkoffer. "Ich bin dein Großvater", stellt er sich Albert vor. "Du kannst nicht mein Großvater sein", antwortet Albert. "Du bist schwarz." – "Eher braun", sagt Wendell. Und erklärt dann seine Abstammung, nämlich dass er halb schwarz, halb Indianer und halb weiß ist. Albert reagiert, wie er auch in der Schule reagiert, wenn man ihm etwas Unlogisches erzählt: "Du kannst nicht drei Hälften von irgendwas sein!"

Doch es stellt sich heraus, dass Wendell alles sein kann, was er will. Wenn auch nur für kurze Zeit. Denn Wendell ist ein Schlawiner. Oder wie es im englischen Original heißt: ein bamboozler, ein Schwindler, ein Schlitzohr. Kein richtig schlimmer Verbrecher, sondern einer, der sich mit raffinierten kleinen Betrügereien durchs Leben mogelt und durch die Welt schummelt. Das findet Albert interessant. Noch interessanter findet er aber, dass Wendell sein richtiger, sein echter, sein zum Anfassen vor ihm stehender Großvater ist. Ein Großvater, von dem ihm seine Mutter noch nie etwas erzählt hat.

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Denn Holly will nichts mit ihrem Vater zu tun haben. Er hat sie und ihre Mutter verlassen, als Holly ein kleines Mädchen war, und hat sich dann nie wieder um seine Tochter gekümmert. Sie weiß, wie er sich seinen Lebensunterhalt verdient. Und dass er deswegen nie lange an einem Ort bleiben kann, dass er immer auf der Flucht ist. Sie will nicht, dass eine solche Person Einfluss auf ihren Sohn hat. Sie will nicht, dass ihr Sohn genauso enttäuscht wird, wie sie enttäuscht wurde. Am liebsten würde sie Wendell sofort vor die Tür setzen, aber auf Alberts Betteln hin lässt sie ihn eine Nacht im Wohnwagen schlafen. Am nächsten Morgen ist Wendell verschwunden. Mit Albert.

Und hier beginnt die eigentliche Geschichte, von der man allerdings nicht zu viel erzählen darf, denn sie ist spannend wie ein Krimi, und Krimihandlungsverräter kommen gleich nach Leuten, die die Bundesliga-Ergebnisse vor der Sportschau rumtrompeten. Nur so viel noch: Im weiteren Verlauf der Story bekommt Albert einen winzigen, im richtigen Moment extrem bissigen dreibeinigen Hund namens Hollywood geliehen, wird eingekleidet wie ein kleiner Scheich, wohnt im feinsten Hotel Seattles, speist in den besten Restaurants und begegnet vielen alten Freunden seines Großvaters, die alle anscheinend nur eins im Sinn haben: Sie wollen Wendell dabei helfen, einen ziemlich fiesen Abzocker richtig fies abzuzocken. Zum Schluss findet Albert sogar noch heraus, was sich in Wendells geheimnisvollem Geigenkoffer befindet – und erlebt dabei fast ein richtiges Happy End. Aber nur fast. Und das Schönste ist, dass diese zu Herzen gehende Geschichte, in der ein Junge seinen Großvater im Schnelldurchlauf kennen- und lieben lernt und in der ein alter Gauner schließlich mehr Gefühl zeigt, als seine enttäuschte Tochter ihm zutraut, nebenbei auch noch wahnsinnig komisch ist. So, mehr darf jetzt wirklich nicht verraten werden.

Was aber dringend noch gesagt werden muss, ist, wie elegant und entspannt diese Geschichte geschrieben wurde. Der Autor Michael de Guzman verfasste, bevor er anfing, Kinder- und Jugendbücher zu schreiben, viele Jahre Drehbücher für Kino- und Fernsehfilme. Und das merkt man: Die Geschichte ist perfekt durchkomponiert wie ein guter amerikanischer Film. In dieser Mischung aus literarischem Roadmovie und Gaunerkomödie hat jedes kleine Detail seinen Sinn, nirgendwo kommt der Erzähler ins Schwafeln, nichts ist überflüssig. Und die Dialoge sind so genau und komisch, wie wohl nur ein Drehbuchautor sie schreiben kann. Die Schlawiner ist ein Buch, das von Liebe und von Weisheit handelt. Nicht nur von der Weisheit, die die Älteren an die Jüngern weitergeben können, sondern vor allem auch umgekehrt.