Havanna. Wir saßen um den Mittagstisch hoch über Havanna. Das Telefon unterbrach die Debatte über Kubas kommenden Parteitag. Reynaldo Escobar, Schriftsteller und Gastgeber, griff zum Hörer. Aus dem Gefängnis von Ciego de Ávila inmitten der karibischen Insel meldete sich Pedro Argüelles, Journalist, seit acht Jahren in Haft. "Er kommt morgen frei!", berichtete Escobar in die Runde.

Argüelles war eines der letzten Opfer des propagandistischen Fernduells zwischen George W. Bush und Fidel Castro, das 2003 zum "schwarzen Frühjahr" auf Kuba geführt hatte. Damals ließ der despotische Altrevolutionär Haftstrafen bis zu 25 Jahren über 75 Oppositionelle verhängen. Sie waren zuvor ständige Gäste der US-Interessenvertretung an Havannas Uferstraße gewesen. Das dortige Internet-Café stand ihnen offen; die meisten erhielten Geschenke, manche auch Honorare, für Nachrichten, die sie den exilkubanischen Medien übermittelten. Vom Sommer 2010 an entließ Fidel Castros Bruder Raúl Castro die Mehrheit dieser Gefangenen ins spanische Exil. Zehn der Dissidenten – unter ihnen Pedro Argüelles – zogen eine fortdauernde Haft ihrer Abschiebung vor. In den vergangenen Wochen sind auch sie auf freien Fuß im eigenen Land gekommen. Argüelles war einer der Letzten. Die Freiheit kam in Etappen. Lange vor seiner Freilassung hatte er von der Zelle aus einen eigenen Blog einrichten können. So kam der Häftling zu Revista voces, dem Kreis der 40 berühmtesten Blogger Kubas. Ihm gehört neben Yoani Sánchez, der bekannten Autorin des ersten unzensierten Blogs aus Kuba namens Generación Y, auch der Blog Pedimos la palabra ("Wir bitten ums Wort") an, der sich mit dem bevorstehenden Parteitag auseinandersetzt.

Episoden wie diese waren über Jahrzehnte unter Fidel Castro undenkbar. Doch seit dem Sommer 2006 lebt Kuba ohne Fidels allgegenwärtigen Einfluss. Der fünf Jahre jüngere Raúl, der die Führung übernahm, als sein Bruder dem Tode nahe war, hat nie zum revolutionären Weltbeglücker getaugt. Er hat sich vom martialischen Ordnungshüter zum autoritären Pragmatiker entwickelt. An der alten Mannschaft seines Bruders vorbei versucht er, den ideologischen Ballast über Bord zu werfen, um die kaum noch zu steuernde schwankende Nussschale des Sozialismus zu retten. CastroII. ließ keine Dissidenten mehr verhaften, aufmüpfige Studenten nicht relegieren, zum Tode verurteilte Kriminelle begnadigen, hohe Funktionäre öffentlich kritisieren und die Privatwirtschaft einführen. Wie manövrierunfähig der "Fidelismus" das Land zuvor gemacht hatte, zeigt die Tatsache, dass der jetzige VI. Parteitag der erste seit 1997 ist. Dabei müsste dieses Gremium laut Statut der Kommunistischen Partei (PCC) alle fünf Jahre tagen.

Wer vor dem Parteitag durch Kuba fährt, reibt sich verwundert die Augen. Verschwunden sind fast alle Tafeln und Transparente, die Fidel Castro, Che Guevara und anti-imperialistische Dauerwerbung zeigen. Jetzt klingen die neuen Parolen eher defensiv: "Heimat ist Menschlichkeit!", "Mit harter Arbeit werden wir siegen! "Die Parolen geben auch die wirtschaftspolitischen Richtlinien für den Parteitag wieder. Im September 2010 hatte Kubas Zentralgewerkschaft angekündigt, dass 500.000 Arbeitsstellen im Staatsapparat von sofort an bis zum März 2011 gestrichen würden. Für die Kubaner war das ein Schock. Der Staat hat bisher 85 Prozent der Erwerbstätigen unter den 11 Millionen Bewohnern bezahlt – doch seine Kassen sind leer. Innerhalb von drei Jahren sollen weitere 800.000 Stellen gekürzt werden.

Die Regierung bemühte sich um eine gewisse soziale Abfederung für die Entlassenen. Wer seine Stelle verliert, wird für je zehn Arbeitsjahre einen Monatslohn erhalten. Spätestens dann soll er "auf eigene Rechnung" (cuenta propia) ein Gewerbe betreiben und Kleinunternehmen gründen können, deren Angestellte nicht mehr ausschließlich Angehörige sein müssen. Um mehr Familien im Lande zu halten – Kuba verliert jährlich rund 33.000 vor allem junge, gut ausgebildete Bürger – verheißt Artikel 278 der Richtlinien, was unter Fidel Castro streng verpönt war: "Tausch, Kauf, Verkauf und Verpachtung von Wohnungen nach flexiblen Methoden". Rechtliche Grundlagen dafür aber fehlen noch weitgehend.

Auf den ersten Blick hat die "Arbeit auf eigene Rechnung" Havannas Ruinen rund um die von der Unesco restaurierte Altstadt jetzt bunter und einladender gemacht. Aus verwitterten Gebäudenischen leuchten Sonnenschirme über Fruchtsäften und Pizzas. In offenen, abgeblätterten Hausfluren rasieren und polieren Barbiere ihren Kunden die Köpfe. In der Touristen-Meile Obispo hat ein Hundesalon aufgemacht. Vom Lande melden Genossenschaften, dass sich seit Monaten Leute mit anspruchsvolleren Berufen bewerben, darunter ein Nuklearforscher, der Melker geworden ist. Die Arbeit auf eigene Rechnung aber kann auch schnell auf Kosten anderer gehen. In manchen Provinzorten haben die Kunden beim Bäcker schon kein Brot mehr erhalten, weil neue Kleinunternehmer bereits am Morgen alles für ihr Sandwich-Angebot aufkauften.

Für 178 Arten von Kleingewerbe kann man jetzt eine Lizenz beantragen, knapp 100.000 Kubaner haben sie bisher erhalten. Als Gebäudereiniger, Übersetzer, Pizzabäcker, Taxifahrer, Obstschäler, Friseur, Tänzer – und selbst als gestor de viajeros, als Reisebegleiter(in). So wird das horizontale Gewerbe umschrieben. Was aber wird aus den Kubanern, die es nicht "auf eigene Rechnung" schaffen? Sie sollen nur noch für zwei Monate Arbeitslosengeld erhalten – mehr will der finanziell marode Staat nicht länger aufbringen. Selbst wer auf eigene Rechnung lebt, sieht sich erheblichen Schwierigkeiten gegenüber. Wie zum Beispiel soll sich das Kleingewerbe die notwendigen Geräte und Zutaten besorgen, wenn der private Großhandel nicht erlaubt ist und die Erzeugung von Grundnahrungsmitteln auch im vergangenen Jahr weiter gesunken ist?