So einen wie ihn kann es eigentlich nicht gegeben haben, zumindest wenn man jenes geistig-ästhetische Koordinatensystem benutzt, mit dem das 20. Jahrhundert üblicherweise vermessen wird. Carlfriedrich Claus gehört zu den genialen Randgestalten der Kulturgeschichte, die ab und an auftauchen und ihr eigenes Koordinatensystem erfinden. Geboren 1930 im erzgebirgischen Annaberg, gestorben 1998 in Chemnitz, bietet dieser sächsische Autodidakt, Lautpoet, Zeichner, Sprachkünstler und -denker, utopischer Kommunist und universal gebildeter "Existenz-Experimentator" (Claus) reichlich Stoff für Künstlerlegenden – und für eine eindrucksvolle Ausstellung, die gerade in der Berliner Akademie der Künste am Pariser Platz eröffnet wurde.

Mitten in nazideutscher Provinz entdeckt der Junge durch seine Eltern, die eine Kunst-und-Schreibwaren-Handlung besaßen, die verfemten Künstler Klee, Picasso, Léger, Kandinsky. Schriften und Sprachen faszinieren ihn; alsbald beherrscht der Knabe das hebräische und kyrillische Alphabet – während der Vernichtungskrieg seines Landes tobt.

Als in den fünfziger Jahren der sozialistische Realismus zur ästhetischen Doktrin in der DDR wird, mit glücklich-gesunden Proletariern als beliebtestem Bildmotiv, veröffentlicht der 25-jährige Einzelhandelskaufmann einen Aufsatz, in dem er Picasso gegen SED-Kunstideologen verteidigt: Deren Formalismus-Bannfluch sei eine "mit geschlossenen Augen vorgenommene Charakterisierung", die zu einer "falschen Einschätzung aller Kunstwerke führen muß". Unerhörte Worte eines Unbefugten; der Chefredakteur muss seinen Hut nehmen. Claus arbeitet derweil im elterlichen Geschäft und verfertigt in den Pausen sein Automatisches Tagebuch: intuitiv auf Blätter hingeworfene Bleistiftlinien als Ausdruck von Bewusstseinsströmen. Mit einem Tonbandgerät zeichnet er erste lautpoetische Versuche auf.

Später versucht die Staatssicherheit seine Sprachbilder zu entziffern, weil sie hinter den mit Minischrift überzogenen Blättern verschlüsselte Botschaften vermutet. Noch in den siebziger Jahren drängen ihn die Behörden zur Ausreise, wogegen sich Claus empört wehrt.

Der mönchische Einsiedler bleibt in seiner mit Büchern vollgestopften Höhle, über ihm der Saal des Kinos Gloria, unter ihm das Kesselhaus der Ölheizung. Er gehört schließlich zur misstrauisch beäugten, von 1977 bis 1982 existierenden unabhängigen Künstlergruppe Clara Mosch. Ausstellungen werden möglich, er ist kein Geheimtipp mehr. Nach 1989, im vereinten Deutschland, kommt dann der Ruhm, mit Bundesverdienstkreuz und dem Auftrag zur Mitgestaltung des umgebauten Reichstags.

Heute ist seine kunstgeschichtliche Rolle festgelegt: der bedeutende Avantgardist und mythische Außenseiter in der DDR, mit einem zwischen den Künsten angesiedelten schwierigen Werk, im schärfsten Gegensatz zur prominenten Leipziger Schule. Doch trotz Kanonisierung bleibt Carlfriedrich Claus immer noch ein weithin Unbekannter, selbst der Kenner erlebt in der Berliner Ausstellung Überraschungen: Neben frühen Gedichten, notiert in Wirtschaftsbüchern, werden erstmals seine Fotografien aus den frühen fünfziger Jahren gezeigt, vorwiegend Naturstudien sowie vom Surrealismus inspirierte Licht-Schatten-Übungen, die bereits Begabung verraten. Überraschend ist auch die Rekonstruktion des Lautprozess-Raums, den Claus 1995 in Chemnitz verwirklicht hat: Sein Schnalzen, Stöhnen, Atmen, Quietschen dringt aus Lautsprechern, von den Besuchern via Bewegungsmelder beeinflussbar. Claus’ Erproben der akustischen Möglichkeiten der menschlichen Stimme hatten ihn zu einem Hauptvertreter der Lautpoesie werden lassen.

Die anderen Räume zeigen, wie unvorstellbar nach unseren festgefahrenen Interpretationsmustern seine künstlerischen Anfänge sind. Ist das Sachsen oder doch New York? Zu einer Zeit, in der Willi Sitte und Walter Womacka ihrem fleischlichen Realismus frönten, erfand hier jemand mit Feder und Tusche filigrane, mysteriöse Zeichenlandschaften, beidseitig auf transparentem Papier, dabei oft mikroskopische Buchstaben aneinanderreihend: wunderschöne phantasmagorische Gebilde, die Claus’ strengem ästhetischen Programm folgen. Claus studierte intensiv die Kabbala und Paracelsus; wesentliche Impulse verdankte er dem Werk des Philosophen Ernst Bloch. Nachts dann setzte er in Trance zeichnerisch um, was an Fantasielandschaften in seinem Kopf entstanden war. Sein Hauptwerk, der Zyklus Geschichtsphilosophisches Kombinat (1963), entstanden nach Bloch-Lektüre, verweist auf eine erträumte alternativkommunistische Zukunft: mäandernde Zeichenstrukturen, in denen ab und an Augen und Formen aufscheinen.

In Plexiglas gesetzt, sind in der Ausstellung die zahlreichen großartigen beidseitigen Sprachblätter aus den sechziger und siebziger Jahren betrachtbar – eine andere Aura als damals, als Claus die Blätter mit Wäscheklammern befestigte, wenn er sie aus seinen Aktentaschen herausgeholt hatte. Violett leuchtet der Stadtguerillero (1971), düster grau trauert das Todesblatt, im memoriam H.C. (1969), entstanden nach dem Tod seiner Mutter; es tobt der wirbelnde blaue Malstrom des Bildes Nach der Schlacht bei Frankenhausen, nach Thomas Müntzers Tod; die Idee aber der kommunistischen Revolution lebt weiter (1966).

Dieser absonderliche Einzelgänger war ein großer Kommunikator. 22.000 Briefe sind überliefert; es gibt Korrespondenzen mit Raoul Hausmann, dem visuellen Poeten Franz Mon, mit Bloch und sogar mit dem Picasso-Galeristen Daniel-Henry Kahnweiler. Claus holte sich die Welt nach Annaberg und transformierte sie in sich: "Sehen Sie die gärenden, lichtbrodelnden Figuren, die halbgeöffneten Türen, zu Räumen in uns, die darauf warten, von uns betreten, durch uns real zu werden?" Auf staunenswerte Weise ließ er sie Wirklichkeit werden.

"Geschrieben im Nachtmeer", bis zum 5. Juni in der Berliner Akademie der Künste. Das schöne großformatige Magazin zur Ausstellung kostet 8 Euro.