Und ein geheimes Grausen / Beschleichet unsern Sinn: / Wir sehnen uns nach Hause / Und wissen nicht, wohin?" – es gibt wohl kaum ein erzählerisches Werk, zu dem diese schönen Zeilen Eichendorffs besser passen als das der Zsuzsa Bánk. Jedes ihrer Bücher kreist auf je andere Weise um Verlust und Heimatlosigkeit. Und jedes ist durch einen geheimnisvollen Faden mit der Lebensgeschichte ihrer Eltern verbunden – Bánk wurde 1965 in Frankfurt am Main als Kind von Eltern geboren, die 1956 nach dem ungarischen Aufstand in den Westen geflohen waren. Ihr erster Roman, Der Schwimmer (2002), der ihr gleich drei Preise, darunter den aspekte- Literaturpreis eintrug, zeigte zwei von der Mutter verlassene Geschwister auf der Suche nach einem Zuhause. Er erzählte so intim vom seinerseits unbehausten Ungarn der fünfziger und sechziger Jahre, dass ihn Péter Nádas in dieser Zeitung "einen zutiefst ungarischen Roman" nannte. Und in der Tat war er wahrscheinlich der ungarischste Roman, der jemals in deutscher Sprache geschrieben wurde. Im zweiten Buch, dem Geschichtenband Heißester Sommer (2005), hatte sich das Ungarische in die Akzentzeichen einiger Namen zurückgezogen, geblieben waren das Unbehauste und eine Stimmung der Vergeblichkeit: Alle Figuren mit einer Ausnahme waren Heimatlose auf Reisen.

Im neuesten Buch, dem Roman Die hellen Tage, trägt das Ungarische wieder entscheidend bei zur Stimmung von Verlust und Heimatlosigkeit. Und doch hat man keine Sekunde das Gefühl, Zsuzsa Bánk wiederhole sich. Sie tut es so wenig, dass man Die hellen Tage geradezu als radikales Gegenbuch zum Erstling Der Schwimmer bezeichnen kann. Der Erstling spielt in Ungarn, der neue Roman zur Hauptsache in Deutschland. Der erste ist, mit Nádas zu sprechen, im "Tonfall tragisch", der neue ist allen Verlusten zum Trotz glücksverzaubert. Der erste ist syntaktisch kurz getaktet, der neue lebt von den langen, wehenden Sätzen, die sich schon in den Erzählungen ankündeten. Vor allem indes ist das Deutschland des neuen Romans so sonderbar und elegisch, die Stimmung des Buches ist so eigentümlich, seine Erzählweise so unvergleichlich, dass man bisweilen wähnt, ein Buch aus einer andern Zeit, ein Buch nicht ganz von dieser Welt zu lesen.

Nicht von dieser Welt ist der Ort, an dem weite Teile dieses Romans spielen: "ein Häuschen, gehalten von Brettern und Drähten, eine Hütte, an die neue Teile geschraubt wurden, wenn der Platz nicht mehr reichte". Weltabgewandt ist die Lage dieser unzeitgemäßen Immobilie: In der Gegend von Heidelberg, "hinter Kirchblüt steht es, dort, wo die Felder beginnen und die Kieswege sich kreuzen, nicht weit vom Bahnwärterhäuschen". Strom musste man erst mit Klemmen und Schummeln hinbringen. Zur Weltverlorenheit kommt das Schweben hinzu. Das Häuschen, "auf wenige Steine gesetzt", sieht aus, "als würde es schweben". Die Hausherrin Évi, eine aus Ungarn geflohene Artistin, lief als Seiltänzerin so übers Seil, dass es aussah, "als brauche sie es nicht, als bliebe sie auch ohne Seil in der Luft". Und Aja, ihre Tochter, läuft auf dem Eis ihre fliegenden Kreise, sie läuft sie in roten Schlittschuhen, "und sie lief auf ihnen, als hätten sie keine Kufen, als müsse Aja nicht erst lernen, sich auf ihnen zu halten, als habe sie eine Ahnung davon schon immer in ihrem Kopf gehabt".

Schließlich schwebt der ganze Roman. Er erzählt zwar vom Großwerden und von der Lebensfreundschaft dreier Kinder, Aja, Seri und Karl, und er fügt zum Freundschafts-Dreieck der Kinder das der Mütter Évi, Ellen und Maria. Aber er rennt keinem Zeitpfeil hinterher und an keinem Plotgeländer entlang. Er fliegt auf im Kreisen der Jahreszeiten, der "hellen Tage" des Sommers, der dunklen von Herbst und Winter. Er macht die achtzehn Jahre einer Kindheit und Jugend zum jahresüberwölbenden Raum eines ewig scheinenden Kindheitssommers. In dieser zum Raum gewordenen Zeit sitzen die Kinder in den Bäumen, schlagen Räder zur Begrüßung, schwimmen im Waldsee, vespern am Küchentisch unterm Birnbaum, bewundern die Kunststücke von Ajas Vater, dem vom Ungarnflüchtling zum Nomaden gewordenen Artisten Zigi, der Aja umgibt "wie der Sommerwind den Weizen rund um Évis Garten" und der Geschichten erzählt, deren "Melodie uns durch die hellen Tage dieses Sommers trug".

 

Doch irgendwann neigt sich das alles dem Ende. Es kommen die "Jahre, die unsere Kindheit ablösten". "Wir ließen die hellen Tage hinter uns, in denen wir leicht durch die Minuten und Stunden gesprungen waren, uns im Kreis immerzu nur um uns selbst gedreht hatten, in unserer winzigen, fest abgesteckten Welt zwischen Évis Garten, dem Schultor, dem Glockenschlag des Kirchturms und den Wegen hinaus zu den Erdbeerfeldern, wo unsere Blicke nie über die Ränder gereicht hatten. Nie hatten wir uns um etwas kümmern müssen, weil sich diese Welt auch ohne unser Zutun im selben Takt, mit demselben Klang ununterbrochen weiterbewegt hatte."

Auf die seligen Zeiten, in denen die Welt "neu und dennoch vertraut, abenteuerlich und dennoch Besitz" war, um es mit den Worten des ungarischen Literaturtheoretikers Georg Lukács aus der Theorie des Romans zu sagen, folgen nun eine problematische Zeit und eine brüchige Welt. Auf eine geschlossene Kultur eines Epos in Prosa folgt die offene, von Sehnsucht bestimmte eines Romans. Die Kinder verlassen die Schule "ein bisschen wie Staubflocken, die ein Windstoß hoch in die Luft jagt". Sie werden sich der dunklen Tage bewusst, die ihre hellen stets schon beschattet hatten. Karl vermisst seinen Bruder, der als Kleinkind eines Tages in zwei unbewachten Sekunden in ein fremdes Auto gestiegen ist und, Opfer eines Pädophilen, nie mehr wiederkam. Aja vermisst ihren nach Übersee verreisten Zigi, Seri ihren in früher Kindheit verstorbenen Vater. "Wir alle kämpften gegen eine Leere, und obwohl wir sie mit nichts füllen konnten, liefen die Fäden unseres Lebens dort zusammen." 

 Alle müssen nach dem beschützten, in sich kreisenden Zeitgefühl der Kindheit einen neuen, eigenen "Lebenstakt" finden. Karl ist von den zwei Sekunden bestimmt, die ihn seinen Bruder gekostet haben, und er kann das Gekettetsein an diese "Zeiteinheit" leben, indem er Fotograf wird, also einer, der auf anderes sieht als alle andern, "auf etwas, das sich am Rand abspielte" und in dem die zwei Sekunden, die ein Fotograf für seine Aufnahme braucht, entscheiden können. Er versteht sich besonders gut mit Évi, die ihre Zeit ebenfalls anders zählt als alle anderen. Ihr Takt in allem, was sie tut, sind die acht Minuten, in denen sich früher "alle Minuten ihres Tages zusammenfanden", die acht Minuten, "in denen sie in weichen blauen Schuhen über ein Seil gelaufen war", damals, als sie noch Artistin war. Auch Aja nimmt "die Welt auf ihre Weise auseinander und setzt sie nach ihren eigenen Vorstellungen wieder zusammen". Als Ärztin hält sie sich an "die Formeln und Ziffern, mit denen sie den menschlichen Körper wie unter einer Lupe absuchte". Ihre legendäre Nähe zu den Patienten setzt die Nähe fort, die sie von ihrer Mutter erfahren hat. Aja wie Karl versuchen mit ihrer Art, die Welt zusammenzusetzen, "die Lücken" ihrer Welt zu "schließen".

Und Seri, die Dritte im Bunde, die den Roman in der ersten Person erzählt? Von ihrer Art der Weltkomposition erfahren wir wenig. Sie wird Übersetzerin, sagt den andern, wie man "Zuspruch, Trost und Trauer" in fremden Sprachen ausdrückt, sie nähert sich der Welt der Bücher – man geht wohl nicht zu weit in der Annahme, dass ihre Art, die Lücken der Welt zu schließen, in der Kunst des Erzählens liegt. Alle Figuren des Romans schließen die Lücken ihres Lebens, indem sie irgendwann den "Augenblick" finden, "mit dem Erzählen anzufangen". Ihre Mutter erzählt Seri von ihrem verstorbenen Vater, Aja kennt ihre wirkliche Mutter aus Erzählungen, Karls Mutter lebt in Bericht und Reise den Verlust ihres Kindes nach. Und Seri nimmt als Erzählerin dieses Romans das Dreieck, das ihr Leben bedeutet, auseinander und fügt es erzählend wieder zusammen. Sie erzählt, wie die Freunde, die gemeinsam nach Rom aufgebrochen sind, sich dort verlieren und wiederfinden. Sie erzählt, wie die Mütter, die sich anfangs misstraut haben, zusammenfinden.

Und wie sie das erzählt! Die wenigen programmatisch angehauchten Sätze, die in dieser Rezension zitiert wurden, sind zugleich die einzigen dieses Romans. Der Rest ist Farbe, Einzelheit, Bild und das hinreißend komponierte Ineinanderfließen dieser Elemente. Selten hat ein Roman so lautlos der Reflexion widerstanden, die derzeit fast alle Bücher dem Sujet wie dem Stoff nach im Griff hat. Hier gibt es Beziehung, nicht Beziehungsgespräche, und es gibt Lebensgeschichte, nicht die romancierte Psychoanalyse eines Lebens. Die Flucht von Évi und Zigi samt Aja als Baby aus dem Ungarn von 1956 in den Westen verwandelt Bánk jenseits aller politischen Rhetorik fast biblisch in eine Wanderung über die Dörfer und durch die Wälder, bei der sich die Kälte und die Tiere des Waldes immer enger um das Paar und sein Kind schließen. Die Traumata der Kinder sind in diesem Roman nicht intellektuelle, sondern körperliche Zeichen: Aja fehlen von einem symbolischen Unfall zwei Finger, Karls Kopf hat aus gleichem Grund ein Brandmal. Und in einer der schönsten Szenen des Romans gibt die erzählende Seri ein in nächtlichem Dunkel strahlendes Glücksbild ab. Sie legt die beiden Dreiecke, das der Kinder und das der Eltern, übereinander. Die drei Kinder und die drei Mütter verbringen eine Nacht dort, wo die Kinder ihre erste Nacht im Roman verbracht haben: am Strand von Ostia. Wie Évi und Aja "Räder in den weißen Schaum der Wellen" schlagen, wie sie den Mond mit Matthias Claudius besingen und wie zum Ende die sechs Figuren beieinander und verschlungen im kalten Sand liegen, "ins Leben zurückgekehrt", und nach Sternbildern suchen, ist ein erzählerischer Paradiesmoment sondergleichen. Cézanne, der diesem Roman in so manchem Pate war, hätte es nicht besser gekonnt.