Nicht dass man am Anfang irgendetwas verstehen würde, dass man auf den ersten Seiten auch nur ahnen könnte, warum dieser fast 800 Seiten umfassende Wutausbruch sich mehr als ein Jahr auf den ukrainischen Bestsellerlisten halten konnte. Umso erstaunlicher ist es, dass man sich dennoch gleich mitreißen lässt von den sturzbachartig auf einen einprasselnden Assoziationsketten, dass man neugierig in alten Familienalben blättert und vermeintlich zusammenhangslosen Erinnerungsfetzen lauscht, bis man plötzlich mittendrin ist im Sog einer Erzählung, die einen als solche vermutlich nicht besonders interessiert hätte.

Wie schon in ihrem vor 15 Jahren erschienenen und mit einiger Verspätung auch hierzulande gefeierten Romandebüt Feldstudien über ukrainischen Sex geht es auch in Oksana Sabuschkos Opus magnum um ihre Heimat, dieses gar nicht so kleine, in unserer Wahrnehmung irgendwo zwischen Polen und Russland eingekeilte Land, für das sich Europäer gewöhnlich nur erwärmen, wenn dort gerade eine Orange Revolution oder ein Gas- oder Pipeline-Krieg tobt. Und es geht um drei Frauen, von denen zwei allerdings längst tot sind.

Die eine war in der Ukrainischen Befreiungsarmee, eine Partisanenkämpferin, die zuerst gegen die Nationalsozialisten, dann gegen die Sowjets kämpfte und Ende der vierziger Jahre in einen Hinterhalt gelockt und von einem Sonderkommando exekutiert wurde. Die zweite war eine berühmte Nachwendekünstlerin, die in den Wirren der späten neunziger Jahre unter ungeklärten Umständen in Kiew ums Leben kam. Die dritte, eine gewisse Daryna Hoschtschynska, arbeitet sich nun an den Geschichten der beiden ab. Zuerst rein professionell. Sie ist Dokumentarfilmerin und Leiterin eines intellektuellen Minderheitenprogramms im staatlichen Fernsehen. Doch nachdem sie ihren Job infolge einer für diesen Teil der Welt typischen Korruptionsintrige verliert, wird aus der Arbeit eine private Mission.

Daryna ist besessen von der Idee, dass sich in den von ihr erforschten Biografien die tragische, als solche bisher nie erzählte Geschichte der Ukraine spiegelt. Und es ist wohl nicht zu viel heruminterpretiert, in ihr eine Geistesverwandte der neurotischen Erzählerin aus Sabuschkos Feldstudien zu sehen, die sich mithilfe eines Stipendiums aus einer sadomasochistischen Beziehung in die USA flüchten konnte und dort in kunstvoll-vulgärer Sprache mit der Liebe zu ihrem Peiniger abrechnet. Einer Liebe, in der sich ein nationales Trauma ausdrückte, weil "wir bei Männern aufgewachsen sind, die nach Strich und Faden von allen durchgefickt wurden, (und) wir dann genau von diesen Männern durchgevögelt wurden und die mit uns machten, was andere, fremde Männer mit ihnen gemacht hatten".

Auch im Museum der vergessenen Geheimnisse erscheint die Ukraine als der Psychokrüppel unter den europäischen Nationen. Zuerst von Polen und Österreich geteilt, dann von den Nazis überrannt, schließlich von Moskau unterjocht, ist sie ein Land ohne Eigenschaften, ohne eigenes Idiom. "Glaube, Sprache und Flagge wechseln in den ukrainischen Familien mit fast jeder Generation." Noch 20 Jahre nach der Unabhängigkeit existiert die vorsowjetische, für Sabuschko die eigentliche Geschichte nur in winzigen Versatzstücken, in Mythen der Alltagskultur, als Sprachwendung, als gefallenes Kulturgut.

Die "vergessenen Geheimnisse", die dem Roman den Titel geben, gehen zurück auf einen Bilderzyklus der verstorbenen Kiewer Nachwuchskünstlerin, der sich wiederum aus einem alten Kinderspiel erklärt, das vor allem die Mädchen auf dem Lande spielten. Dabei, so erklärt die Künstlerin in einem postum abgedruckten Interview, wird ein Loch in die Erde gegraben, mit Alufolie ausgelegt und mit allerlei "Krimskams" gefüllt: Blumen, Bonbonpapier, Glasscherben. Dieses Spiel, so vermutet die Künstlerin, stammt noch aus der Zeit der Kollektivierung, als die ukrainischen Bauersfrauen ihre Ikonen aus Angst vor der Verfolgung im Garten versteckten. Für Sabuschko kein Grund, nicht trotzdem danach zu graben. Denn die Suche nach dem kollektiv Verdrängten und schließlich im Unterbewussten Vermoderten bildet das ständig variierte Leitmotiv dieses sprachgewaltigen, zornig dahingaloppierenden Romans.

Dabei sucht Sabuschko ganz dezidiert nach einer weiblichen Wahrheit, nach den vergrabenen Ikonen, wenn man so will – und auch nach einer weiblichen Form, Geschichte zu neu zu erzählen. Das Ergebnis ist dann natürlich kein sauber heruntererzählter Geschichtsroman – der wäre wohl Männersache –, sondern eine hochkomplexe, drei Generationen umfassende Liebesgeschichte.

Kurz nachdem Daryna – beim schlechten Sex mit einem Historiker – eher zufällig auf ein Foto der Partisanin stößt, verliebt sie sich in deren Großneffen, den gescheiterten Physiker und erfolgreichen Kunsthändler Adrian, wobei bis zum Schluss nicht klar wird, was ihr mehr gefällt, der schöne und fantasievolle Liebhaber oder das Schicksalhafte dieser Verbindung. Wie sie selbst war auch Adrian lange durch seine Familiengeschichte mit einem Makel behaftet. Er, weil er aus dieser großbürgerlichen Lemberger Partisanenfamilie stammte, die mehr als eine Generation brauchte, um mit der Sowjetunion Frieden zu schließen. Sie, weil sie als Kind nur durch einen Zufall der Sippenhaft entging.

Nachdem ihr als Architekt in Ungnade gefallener Vater sich den in den siebziger Jahren noch gängigen Ritualen der Selbstkritik verweigerte, wurde er in eine Irrenanstalt verbannt, wo er der verstörten Tochter nur noch als schrumpeliges, nach Urin stinkendes Männchen begegnete. Daryna wuchs bei ihrer Mutter auf, die beim Geheimdienst einen Fürsprecher hatte, was Daryna erst erfährt, als ihr ausgerechnet dieser Geheimdienstler Jahrzehnte später bei der Suche nach Dokumenten über Adrians Großtante, die Partisanenkämpferin, hilft.

So verknäueln die Fäden sich immer wieder, ohne jemals richtig zusammenzukommen. Denn sosehr Sabuschko nach untergründigen Verbindungen und schicksalhaften Zusammenhängen sucht, so sehr ist ihr dennoch bewusst, dass Wahrheit, gerade die historische, relativ sein kann, dass die Wahrheit des einen nicht die Wahrheit des anderen sein muss. Während sie sich in den Feldstudien noch mit einer schizophrenen Erzählerin begnügte, die mal ich sagte, mal sie, meistens aber du, gibt es nun mehrere Stimmen, deren Monologe ineinander übergehen und immer wieder durch Adrians ausschweifende Träume unterbrochen werden.

Denn je mehr Daryna über seine Partisanentante erfährt, desto heftiger träumt er sich in seine Familiengeschichte zurück, lebt er das Leben des Mannes, den seine Tante zugunsten eines anderen verschmähte, welcher sie schließlich verriet. Gleichwohl sind seine Träume mehr als ein literarischer Kunstgriff, um eine Geschichte in den 1940er und in den 2000er Jahren spielen zu lassen und ganz nebenher ein bisschen Nachhilfeunterricht in Partisanengeschichte zu erteilen. Die Träume sind ihrerseits wieder eine Metapher für die ukrainische Sprachlosigkeit. Adrian sieht im Schlaf, was er nicht wissen kann, weil seine Familie darüber seit mehr als sechzig Jahren schweigt: Helzja war schwanger, als sie starb.

Damit auch wirklich jeder versteht, dass Adrian und Daryna eine Liebe leben, die in der Vergangenheit unerfüllt blieb, muss Daryna auf den letzten Seiten noch schnell ein Kind empfangen, sozusagen als Symbol für die Versöhnung der Ukraine mit sich selbst. Und falls die Idee dahinter sein sollte, dass die Ukraine ins Glück finden könnte, wenn sie nur bruchlos an eine von allen fremden Einflüssen gereinigte Geschichte anknüpft, kann man nur sagen: Dieses vielstimmige, uneindeutige und wunderbar unpathetische Buch hätte eine weniger plumpe Pointe verdient.