Bülent Ceylan ist der Mannheimer, der einen türkischen Vater hat. "Ich bin nur halb getürkt", sagt er, weil er als Comedian arbeitet und es lustig findet. Ich bin ein Fan von Bülent und halte sein Herumtürken für eine der geeigneten Waffen gegen die politische Korrektheit. Außerdem gibt es in meiner Heimat Österreich jemanden wie Bülent Ceylan nicht: Bei uns sind die Türken, wenn sie überhaupt in den Medien vorkommen, zumeist vorsichtiger.

Nun ist Folgendes passiert: In einer seiner Shows auf RTL merkte Bülent Ceylan dass auch ein Österreicher im Publikum war. Er rief ihn auf, sich zu melden, und da schleuderte ein Herr seinen rechten Arm in die Höhe. Der gesuchte Österreicher meldete sich praktisch mit Hitlergruß, und Bülent, geistesgegenwärtig, wie die Mannheimer sind, fing den peinlichen Moment mit der Äußerung ab: "Na ja, wir sind ja eine Integrationssendung. Aber dieser Österreicher scheint in Deutschland überintegriert zu sein..."

Vielleicht war’s eine Inszenierung nach Drehbuch. Jedenfalls fand die Szene in derselben Show statt, in der Bülent die Zumutung einer TV-Illustrierten zurückwies, er rede schwäbisch. Als echter Türke gab er sofort einen Kurzkurs über die Unterschiede von Schwäbisch und Mannheimerisch. Ich dachte: Dieser Reichtum an Dialekten in der deutschen Sprache ist erfreulich. Was allerdings meinen eigenen Dialekt betrifft, das Wienerische und im weiteren Sinn das Österreichische, zweifle ich, ob diese Idiome sich gut halten. So las ich Wort für Wort ein Wörterbuch: Robert Sedlaczek, Wörterbuch der Alltagssprache Österreichs.

Der Terminus "Alltagssprache" ist gut gewählt: Sedlaczeks gesammelte Wörter gehören nicht unbedingt zum Dialekt, können sich in ihm aber durchaus sehen lassen. Zum Beispiel "vergogeln, sich vergogeln". Das ist kein Synonym für missglücktes Googeln. Aber so was Ähnliches ist es schon: Es hat mit Gaukelei zu tun. "Gogelspiel" war früher eine Nebenform von Gaukelspiel, und "sich vergogeln" heißt im dürren Hochdeutsch: sich vertun, sich verschätzen. Auch ein anderes Wort, das ich immer schon verwende, weil es auf so vieles wie angegossen passt, finde ich hier und sogar endlich richtig geschrieben. Ich hatte immer mit "verwortackelt" mein orthografisches Auskommen, auch wenn mir das Schriftbild selber "verwortackelt" erschien. Im Internet, dem ungeheuerlichen Sprachsilo, fand ich nichts. Jetzt weiß ich, es heißt: "verwordagelt" und auch "verwordakelt". "Verwohrt" ist Mittelhochdeutsch und bedeutet im schönsten Hochdeutsch: verwirkt. Im dürren Hochdeutsch bedeutet "verwordakelt" verunstaltet, windschief.

"Verwordakelt" sagt leider kaum ein Mensch mehr, weshalb ich es hier gar nicht oft genug niederschreiben kann. Die Schreibweise mit "k" ist mir lieber als "verwordagelt": Das "k" kracht besser und ist daher tüchtiger in der Mimesis. Es sagt deutlicher, dass etwas ganz und gar nicht zusammenpasst und windschief herumhängt.

Ein weiteres Wort verdient besondere Aufmerksamkeit: "tramhapert". Wir Wiener sind darauf stolz, tramhapert sein zu können. In Mexiko mag man bei der Siesta allenfalls verschlafen oder benommen sein. Tramhapert sind wir. "Hapert" spielt aufs Haupt an, in dem die Träume abgehen, und dieser wunderbare, nicht ungefährliche Zustand zwischen Wachen und Träumen erlaubt es, unkonzentriert zu sein. Im Hochdeutschen gibt es kein besseres Wort für den fragwürdigen Zustand. So ein Wörterbuch lehrt, wie in ein und derselben Sprache das Unübersetzbare blüht.