Man liest jetzt oft über eine neue Methode zur Verbesserung von Unternehmen, den Stresstest. Was nicht funktioniert, wird dem Stresstest ausgesetzt, zum Beispiel Banken oder Atomkraftwerke . Als Wort des Jahres schlage ich "Stresstest" vor. Man findet aber auch individuelle Stresstests im Internet. Ich habe einige ausprobiert. In einem Test für Manager, angeblich von einem der besten Managementberater der Welt, heißt es zum Beispiel: "Ihre Partnerin erzählt, dass sie mit einer neuen Sportart anfangen will und deshalb in einen Verein eintreten möchte. Was antworten Sie?"

Sie bieten drei Möglichkeiten an. Erstens: "Du kommst doch schon jetzt kaum zu deinen anderen Dingen." Nummer eins ist überheblich und altväterlich. Zweitens: "Finde ich toll. Was hältst du davon, wenn ich mitmache?" Nummer zwei ist anbiedernd, unauthentisch und schleimig. Drittens: "Probier doch erst mal, dann siehst du, ob es sich lohnt, Geld für eine Mitgliedschaft auszugeben." Ich halte Nummer drei für eine vernünftige Antwort und habe das angekreuzt. Bei der Auswertung habe ich aber gesehen, dass man für Nummer zwei die höchste Punktzahl bekommt. Um den Stresstest für Manager zu bestehen, muss man ein Schleimer sein. Im Testergebnis heißt es bei mir übrigens fast immer: "Sie sollten mit dem Haus- oder Betriebsarzt Ihre Situation durchsprechen." Bei dem Gedanken, dass Stresstests für Atomkraftwerke ähnlich funktionieren wie die Stresstests für Manager, wird mir ganz anders. Schleimige Atomkraftwerke sind auch keine Lösung.

Gelegentlich soll ich auch in Redaktionen eine sogenannte Blattkritik verüben. Ich soll ihnen sagen, was mir an ihrem Produkt gefällt, was mir nicht gefällt, ich soll Verbesserungsvorschläge machen. In meinem Leben habe ich bestimmt fünfzig Mal in Redaktionskonferenzen die verschiedensten Zeitungen, Fernsehsendungen oder Magazine kritisiert, niemals ist ein einziger meiner Vorschläge verwirklicht worden, es wurde auch nie etwas von mir Kritisiertes verändert.

Vielleicht liegt es an mir. Mehrere Male habe ich etwas vorgeschlagen, das ich mir lange überlegt hatte, die versammelte Redaktionskonferenz brach daraufhin in schallendes Gelächter aus. Oder alle schauten mich auf einmal total böse an. Man sagt ganz harmlos: "Eure Zeitung ist wirklich nicht gut, besonders schlimm sind die Texte." Und sie tun so, als hätte man sie persönlich beleidigt. Wieso? Das können trotzdem wunderbare Menschen sein, nicht jeder ist zum Zeitungmachen geschaffen. Die gleichen Redakteure sind vielleicht begnadete Liebhaber, aber dazu sollte ich mich ja nicht äußern. In einer Zeitung, in der ich regelmäßig Blattkritik machen muss, habe ich zehn Jahre lang einfach immer das Gleiche gesagt. Ich habe jedes Mal gesagt: "Ihr seid super, nur: Die Bundesligatabelle ist zu unübersichtlich." Alle stimmten mir zu, ja, darum wollten sie sich kümmern. Sie hatten jedes Mal längst vergessen, dass ich das Gleiche schon beim letzten Mal gesagt hatte. Das private Gegenstück zur Blattkritik ist der Besuch beim Therapeuten. Der Therapeut sagt: "Sie sollten an sich arbeiten", der Patient zahlt, geht nachdenklich nach Hause und bleibt, wie er war. Kritik, Therapie, Stresstest, das sind alles moderne Mythen. Es funktioniert manchmal, gewiss, aber das tun Placebos auch.

Meiner Meinung nach gibt es nur zwei wirklich wirksame Methoden, Betriebe zu verbessern, Fehlerquellen auszuschalten oder Abläufe zu optimieren. Methode eins besteht darin, Chef zu werden. Methode zwei ist, diesen Betrieb zu schließen.

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