Husum. Die Frühlingssonne strahlt aus einem wolkenlosen Himmel herab. In der Husumer Messehalle aber haben sich rund 250 Menschen versammelt, um Licht, Luft und Sonne für zwei Tage zu entsagen: die Delegierten des SPD-Landesparteitages und etliche Gäste. Die Abgesandten der Kreisverbände haben packende Anträge zu beraten ("Masterplan Ganztagsschule", "Verkehrsanbindung des Kreises Dithmarschen", "geschlechterparitätische Besetzung von Wahllisten"), vor allem aber müssen sie eine Personalfrage klären, die die Sozialdemokratische Partei in Schleswig-Holstein zu zerreißen droht.

Entsprechend gespannt ist die Stimmung. Ein längliches Referat des SPD-Bundesfraktionsvorsitzenden, Frank-Walter Steinmeier, wird eher ertragen als verfolgt. Überall stehen Grüppchen zusammen, streng nach Lagern getrennt. "Zu welcher Fraktion gehörst du – töricht oder schädlich?", fragen einige Jusos jeden Neuankömmling. Die einen finden das überhaupt nicht lustig. Die anderen (darunter ich) bekennen fröhlich: "Ich bin beides!" Dann gibt es lautes Gelächter. Was zum Teufel ist hier los?

Seit 2007 führt der Multifunktionsträger Ralf Stegner die Partei: nach innen in einem recht kompromisslosen "Wer nicht für mich ist, ist gegen mich"-Stil, nach außen scharf und konfrontativ. Letzteres kommt intern immer gut an, führte aber auch zum Bruch der Großen Koalition in Kiel, vorgezogenen Neuwahlen 2009 und einem katastrophalen Wahlergebnis von 25,7 Prozent (2005: 38,7 Prozent). Nun gibt es wieder einmal Neuwahlen, weil das Verfassungsgericht des Landes das Wahlgesetz kassierte. Stegner wollte trotz allem auch bei dieser Wahl Spitzenkandidat bleiben.

Als dann die 20.000 schleswig-holsteinischen SPD-Mitglieder im vergangenen Februar durch die Kampfkandidatur des Kieler Oberbürgermeisters Torsten Albig gegen Stegner die Chance bekamen, in einem Mitgliederentscheid für einen personellen Neuanfang zu stimmen, taten sie das mit einer begeisterten Zweidrittelmehrheit. Stegner kam bei vier Kandidaten nur noch auf 32 Prozent. Jetzt, da der verbindliche Albig Spitzenkandidat sei, könne die SPD wieder Wahlen gewinnen – so hörte man es als Sozialdemokratin sogar von CDU-Anhängern. Stegners Tage als Partei- und Fraktionsvorsitzender schienen gezählt.

Doch dann tat der neu gewählte Spitzenkandidat Albig etwas, das seine Unterstützer bis heute nicht verstehen: Er kündigte an, Stegner bei der Wiederwahl zum Landesvorsitzenden zu unterstützen. Seither treten die beiden auf, als seien sie ein Herz und eine Seele. Sogar eine gemeinsame E-Mail-Adresse haben sie eingerichtet. Das Stegner-Lager jubelte. Das Eben-noch-Albig-Lager schimpfte. "Töricht" nannte daraufhin Albig seine ehemaligen Freunde und insinuierte, sie "beschädigten" ihr Spitzenpersonal. Darauf zielen die ironischen "Töricht"- und "Schädlich"-Rufe der jungen Leute in Husum.

Sie sind die Minderheit. Die Mehrheit klatscht, als Ralf Stegner, bekannt für seinen souveränen Umgang mit dem Medium Twitter, seinen Gegnern vorhält, sie trügen Konflikte zum Schaden der Partei in den Medien aus. Die Mehrheit klatscht, als fünf oder sechs Pro-Stegner-Redner in Folge "Geschlossenheit" einfordern und Diskussionen für schädlich erklären. Die Mehrheit klatscht, als ein sehr ehemaliger Bundestagsabgeordneter die Medien unter Generalverdacht stellt und einen anwesenden Journalisten namentlich angreift, Tenor: Die Presse ist schuld daran, dass die Menschen nichts von der großartigen Politik der SPD erfahren, sondern nur von ihrem ewigen Streit. Die Mehrheit zischt oder stöhnt, wenn die (wenigen) Stegner-Kritiker das Wort ergreifen. Die Mehrheit hat nichts dagegen, wenn Delegierte erklären, ihre Basis habe sich zwar mit großer Mehrheit gegen Stegner ausgesprochen, sie würden ihn aber trotzdem wählen.

Wo, wenn nicht hier drinnen, ist man souverän, ganz bei sich und kann absehen von der Welt da draußen, von den eigenwilligen Mitgliedern, von den unberechenbaren Wählern, von den bösen Medien? Der Gegenkandidat bleibt chancenlos, der Parteitag wählt Stegner, und ein "Tandem" soll 2012 die Wahl für die SPD gewinnen. Ich muss jetzt wirklich dringend mal raus hier, in die Sonne.

Die Autorin ist Mitglied der SPD Schleswig-Holstein