Dass Ken Feinberg ein viel beschäftigter Mann ist, merkt man, noch bevor man sein Büro betreten hat. Im Vorzimmer sind alle Besuchersessel besetzt. "Welche von Kens vielen Aktivitäten bringt Sie her?", fragt einer der Wartenden, ein Mitarbeiter einer Menschenrechtsorganisation, bevor Feinbergs Sekretärin erscheint und ihn für den Vier-Uhr-Termin hereinbittet. Die geschäftig-professionelle Atmosphäre erinnert an eine Facharztpraxis. Und in der Tat ist Feinberg ein gefragter Spezialist für menschliche Leiden. Nur ist er nicht Mediziner, sondern Jurist. Der 65-Jährige mit der hohen Stirn und den lebhaften Augen wird gerufen, wenn es gilt, einen Preis festzusetzen.

Im Laufe seiner Karriere hat er im Auftrag von Klägern und Beklagten Entschädigungen festgelegt für Geburtsfehler, Asbestlungen, Unfruchtbarkeit, Vergiftung und Tod. Er hat Milliarden an Opfer und deren Angehörige verteilt. Präsident George W. Bush übertrug ihm die Verwaltung des Fonds für die Opfer der Terroranschläge vom 11. September 2001 in New York. Feinbergs jüngste Mission: Er soll die Wiedergutmachung für die Betroffenen der gigantischen Ölpest im Golf von Mexiko kalkulieren und auszahlen. Eine enorme Aufgabe: "Im Fall der Terroropfer des 11. September haben wir über 33 Monate 7300 Anträge bearbeitet, beim Golf-Unglück erhalten wir täglich 7300 Anträge", sagt Feinberg.

Vor einem Jahr, am 20. April 2010, explodierte die Deepwater Horizon , eine Bohrinsel des britischen Energiekonzerns BP vor der US-Küste. Elf Arbeiter starben, 17 wurden verletzt. Aus dem aufgerissenen Tiefseebohrloch strömte das Rohöl mehr als 13 Wochen lang in den Golf, nach Schätzungen der US-Regierung waren es 780 Millionen Liter. Es war die größte Ölkatastrophe der Geschichte . Shrimps-Farmer, Fischer, Austernzüchter, Hoteliers und Gastronomen in den Küstenstaaten Louisiana, Alabama und Florida sahen ihren Lebensunterhalt über Nacht verschwinden. Im August 2010 zwang Präsident Obama den Konzern BP, einen 20 Milliarden Dollar schweren Entschädigungsfonds zu etablieren, und beauftragte Feinberg mit dessen Verwaltung.

Er versprach den Fischern schnelle Hilfe, aber viele warten noch immer

Feinberg flog umgehend nach Alabama und New Orleans. Er versprach rasche Hilfe – eine Woche für Betriebe, 48 Stunden für individuelle Antragsteller. Die Leute begrüßten ihn als Retter in der Not. Inzwischen sitzt er zwischen allen Stühlen. Obamas Justizminister schrieb einen bösen Brief, in dem er Feinberg aufforderte, zügiger zu arbeiten. BP beschwerte sich, Feinbergs Team sei zu großzügig.

Doch die schärfste Kritik kommt aus der Golfregion. Dort ist Feinberg zum Buhmann geworden. Die Bearbeitung zog sich in vielen Fällen über Wochen und Monate hin, oft blieb die Zahlung unter der geforderten Summe oder wurde abgelehnt – ohne detaillierte Erklärung, wie die Betroffenen klagen. "Das waren die längsten 48 Stunden meines Lebens", schrieb eine Frau bei einem Treffen mit dem Fondsverwalter auf ein Plakat. Wenn Feinberg heute der Golfküste einen Besuch abstattet, sieht er sich mit der geballten Wut der Anwesenden konfrontiert, die ihn wahlweise als BPs Clown, als Lügner oder Schlimmeres beschimpfen.

Ein Fischer namens Walker aus Destin, einem Ort, der bekannt ist für seine weißen Sandstrände, hat seinen Antrag Anfang September eingereicht. 90 Tage betrage die Wartezeit, hieß es in dem Formular, Ende Februar dieses Jahres wartete er immer noch. "Ich habe die leeren Versprechungen satt, ich verliere die Geduld und meinen Kredit", schrieb er in einer Lokalzeitung und unterzeichnete seinen Text mit den Worten: "Ein weiterer entmutigter und bald obdachloser Fischer".

1600 Kilometer nördlich lehnt sich Feinberg in seinem Ledersessel zurück. Sein großzügiges Büro in Washington liegt in Sichtweite des Weißen Hauses, leise Opernmusik erklingt im Hintergrund. Er bleibt bei seiner optimistischen Prognose. "Es gibt berechtigte Hoffnung, dass sich die Lage bis Ende nächsten Jahres normalisiert hat." Das haben ihm Experten versichert. Und auch für seine Tätigkeit zieht er eine positive Bilanz. "Wir haben bereits 54 Prozent der Anträge bearbeitet. Das ist eine enorme Leistung." Bisher habe er rund eine Milliarde Dollar ausgezahlt. Allerdings hat die Mehrheit der Antragsteller sich für eine sogenannte Schnellzahlung entschieden: Das bedeutet eine Einmalpauschale von 5000 Dollar für Privatpersonen, 25.000 Dollar für Betriebe.

Feinbergs eigentliche Aufgabe: Er muss mit möglichst vielen Opfern zu einem Vergleich kommen. Im Gegenzug müssen die Opfer eine Erklärung unterschreiben, dass sie BP nicht mehr in Regress nehmen. Denn der Fonds dient vor allem dem Zweck, eine Prozesslawine zu vermeiden, die die Gerichte auf Jahrzehnte beschäftigen würde. Im Fall der Exxon Valdez, die 1989 vor der Küste Alaskas leckschlug und 40 Millionen Liter Rohöl verlor, laufen noch heute – 21 Jahre später – Prozesse. Dabei hielt sich die Zahl der Kläger noch in Grenzen, der Tanker lief an einem kaum besiedelten Küstenstreifen auf Grund. Beim Golf-Unglück drohten dagegen Tausende Verfahren. Obamas Regierung musste fürchten, dass jahrelange juristische Rangeleien die Region wirtschaftlich lähmen würden.