Im Jahr 2010 dominierten Wut und Protest die politische Szenerie der Republik. Entfremdung zwischen Bürgern und etablierter Politik, das schien der einzig stabile Trend. Er resultierte aus so unterschiedlichen Protestbewegungen wie dem Widerstand gegen den Bahnhofsneubau in Stuttgart, dem Volksbegehren gegen die Hamburger Schulreform oder der Sarrazin-Debatte. Wie man mit der Wut der Bürger umgehen sollte, noch dazu mit so unterschiedlicher Wut, die sich auf der einen Seite gegen unliebsame Großprojekte , auf der anderen gegen angeblich integrationsresistente Minderheiten richtete, darauf hatte die politische Elite der Republik keine Antwort. Nur eines schien im Herbst 2010 gewiss: Die Parteien würden es schwer haben, mit den Bürgern wieder ins Gespräch zu kommen. Auf die Stabilität des politischen Systems hätte man seinerzeit nicht wetten wollen.

Nach der wichtigsten Wahl dieser Legislaturperiode fällt die Diagnose freundlicher aus. Eine deutlich höhere Wahlbeteiligung (nicht nur in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, sondern auch in Sachsen-Anhalt ) signalisiert, dass selbst ein reizbares Wahlvolk noch immer die Zuversicht aufbringt, dass seine Interessen und Bedürfnisse von den Parteien aufgegriffen werden. So besteht also die Zäsur dieses Wahl-Frühjahrs nicht in der Erosion der institutionellen Politik, sondern in der Verschiebung der Kräfteverhältnisse zwischen den Parteien. Die allerdings ist drastisch ausgefallen. Nach Baden-Württemberg wird die politische Landkarte der Republik neu vermessen.

Dabei ist es auf den ersten Blick nicht überraschend, dass aus einer Wahl, die aus dem Protest heraus befeuert wurde, die Grünen als Sieger hervorgehen. Sie stehen thematisch wie kulturell dem Protest am nächsten. Sicherlich wären die Grünen ohne die Atomkatastrophe in Fukushima kaum in die Lage gekommen, künftig die Regierung im prosperierenden Südwesten der Republik anzuführen. Und dennoch ist es schlüssig. Es ist der Lohn dafür, dass die Partei über drei Jahrzehnte lang stur und über alle Konjunkturen hinweg an ihren ökologischen Impulsen festgehalten hat.

Doch es sind nicht nur die grünen Themen, die in die Zeit passen, der Aufwärtstrend der Partei ist kulturell unterfüttert. Die Grünen sind die einzige Partei, die besonders dann profitiert , wenn die Parteiendemokratie selbst um ihre Legitimation zu kämpfen hat. Sie sind aus der Opposition gegen das etablierte Parteiensystem entstanden, und etwas von dieser Gründungskonstellation haben sie sich bis heute bewahrt. Sie sind Teil des Systems, ohne restlos in ihm aufzugehen. Die prinzipielle Opposition, die die Grünen anfangs noch pflegten, hat sich in eine skeptische Haltung verwandelt, die sich bestens mit der Unzufriedenheit verträgt, die das deutsche Bürgertum in letzter Zeit befällt. Das gibt dem grünen Aufwärtstrend seine Stabilität. Fukushima hat der Partei, die vor einer solchen Katastrophe immer gewarnt hat, nur noch einen weiteren Schub verpasst.

Die Grünen sind nicht einfach Profiteure des angespannten Verhältnisses zwischen Bürgern und etablierter Politik. Sie geben auch etwas zurück: Indem sie für diejenigen attraktiv bleiben, deren Vertrauen in die Institutionen schwindet, bilden die Grünen eine Brücke zwischen den auseinanderdriftenden Sphären, zwischen außerparlamentarischer Opposition und etablierter Politik.

Dennoch ist leicht zu sehen, dass die Grünen nur den bildungsbürgerlichen Teil des Protests abholen. Für den männlichen Wutbürger mit schwacher Bildung und leeren Taschen, der sich gegen "Überfremdung" oder "Islamisierung" wendet, sind sie keine Alternative, eher eine zusätzliche Provokation. Man darf vermuten, dass sich dieser Teil des Wutpotenzials umso weiter radikalisiert, je grüner sich die Republik entwickelt. Doch mit der abschwellenden Sarrazin-Debatte ist das Problem erst einmal aus dem Blick geraten.

Die Grünen stehen jetzt vor neuen Herausforderungen . Es ist schon etwas anderes, in einem Land wie Baden-Württemberg dreißig Jahre lang solide Opposition zu betreiben, als es künftig hauptverantwortlich zu regieren. So wie die Attraktivität der grünen Partei bei ihren oppositionell gestimmten Anhängern leidet, wenn sie mitregiert, so wird es ihr nun noch schwerer fallen, an der Spitze einer Regierung und zugleich auf der Straße präsent zu bleiben. Die Grünen werden künftig nicht mehr nur der korrigierende, Impulse gebende Koalitionspartner sein, sondern bisweilen auch die führende, gestaltende, hauptverantwortliche Kraft einer Regierung. Es wird nicht mehr darum gehen, ob das Land hier und da etwas grüner werden soll. Die Frage lautet: Wie grün will Deutschland werden? Was dieser Perspektivwechsel, aus der Nische ins Zentrum, für Personal und Programm der Partei bedeutet, darauf gibt es natürlich noch keine Antwort. Im Gegenteil. Während sich, in einer Mischung aus Respekt und Verwunderung, nun alle Augen auf die Partei der Stunde richten, bleiben die Grünen seltsam unsichtbar und sprachlos. Als stünden nicht ihre politischen Konkurrenten, sondern sie selbst unter dem Schock ihres Erfolges.