Pro: Wettbewerb um die niedrigsten Löhne muss verhindert werden

Verständlich, wenn die Pendler langsam wütend werden. Viele von ihnen sind auf die private Konkurrenz der Bahn angewiesen. Nach zwei Streikrunden hat die Spartengewerkschaft GDL für diese Woche die dritte angekündigt. Wer jedoch ausschließlich auf die Lokführer schimpft, trifft die Falschen. Die aktuellen Konflikte waren programmiert. Nur hat das lange Zeit niemand bemerkt. Mit der Liberalisierung des Bahnverkehrs wurde in Kauf genommen, dass der Wettbewerb auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen wird. Und genau das rächt sich jetzt.

Lange Zeit ging die Sache gut. Die Kunden der Privatbahnen waren in der Regel zufrieden. Es schien wahr zu werden, was die Protagonisten der Liberalisierung verkündet hatten. Alles wird besser, hieß es: Die Preise sinken und der Service steigt. Wie das langfristig funktionieren sollte, fragte sich kaum jemand.

Die begeisterten Marktliberalen vergaßen nämlich mitzuteilen, dass die neuen Geschäftsmodelle zum Teil auf Lohndrückerei basieren. Somit war es nur eine Frage der Zeit, dass sich die Betroffenen wehren. Es ist ihr gutes Recht.

Nicht in allen, aber in vielen Fällen erhalten die Lokführer der Privatbahnen weniger Geld als ihre Kollegen bei der Deutschen Bahn. Das ist nicht nur ungerecht, sondern setzt auch eine Spirale nach unten in Gang. Jedes Mal, wenn die Vergabe von Strecken ausgeschrieben wird, spielen die Lohnkosten eines Anbieters eine wichtige Rolle. Den Auftrag erhält jener, der am günstigsten kalkuliert. Und das heißt oft: Wer seine Mitarbeiter am schlechtesten bezahlt. Gegen diesen destruktiven Wettbewerb hilft nur ein bundesweit gültiger Rahmentarifvertrag, der ausschließt, dass es Lokführer erster und zweiter Klasse gibt.

Manche Privatbahnen zahlen durchaus ordentlich , andere aber senkten die sozialen Standards. Deshalb sind sich die Wettbewerber der Bahn selbst untereinander nicht einig. Jeder schmollt für sich allein. Deshalb kann sich der Konflikt mit ihnen noch lange hinziehen, selbst wenn sich die GDL mit dem Branchenführer Deutsche Bahn geeinigt hat.

Erschwerend kommt hinzu, dass es nicht nur unterschiedlich agierende Unternehmen gibt, sondern auch noch konkurrierende Gewerkschaften. Dass einzelne Berufsgruppen wie die Lokführer in der GDL lediglich für ihre eigenen Interessen streiten, wird inzwischen oft beklagt. Doch gerade die Verfechter der marktliberalen Idee müssten diese Entwicklung begrüßen. Denn es liegt in der Logik von freiem Wettbewerb, dass nicht nur Unternehmen, sondern auch Gewerkschaften rivalisieren. Wettbewerb belebt das Geschäft, heißt die populäre Losung. Doch wenn geschmeidige Theorie auf raue Wirklichkeit trifft, hat das nicht selten fatale Folgen. Die bekommen nun leider selbst all jene zu spüren, die eigentlich profitieren sollten: die von allen Unternehmen angeblich so sehr verehrten Kunden. Die sind bislang erstaunlich gelassen geblieben. Doch auch das scheint nur noch eine Frage der Zeit.

Gunhild Lütge