In Rossendorf steht ein Atomkraftwerk, es ist versteckt in einer Halle. Wir fahren hin, sagt der Forscher Sören Kliem, 46, dann steigt er in sein Auto. Er gleitet durch den Wald am Rande Dresdens, wo die Nadelbäume knorrig sind. Er rollt über Privatwege, die die Namen berühmter Physiker tragen. Er will zur Otto-Hahn-Straße.

Sören Kliem stammt aus Südbrandenburg, man hört das, wenn er spricht. Einst hat er in der Sowjetunion studiert, Kerntechnik an der Moskauer Energiewirtschaftlichen Hochschule. Damals veränderte sich seine Welt zum ersten Mal, es war die Zeit der Wende. Er habe, sagt Sören Kliem, angefangen in der Sowjetunion und aufgehört in Russland. Er studierte sowjetische Reaktoren, und er kennt jedes Detail der Katastrophe von Tschernobyl. Ende 1994 kam er nach Dresden. Heute rechnet Kliem fiktive Störfälle in Atomkraftwerken durch, im Auftrag etwa der Betreiber oder des Bundeswirtschaftsministeriums. Er ist Abteilungsleiter Störfallanalyse am Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf , ein sächsischer Experte für Atomkraft.

Der Forscher parkt vor Halle 120.3, einem DDR-Bau. "Störungen in Kernreaktoren" steht auf dem Schild, das Tor ist offen, Kliem sagt: "Da sind wir." Dicke Rohre, große Tanks, Leitungen und Pumpen: Dies, sagt Kliem bescheiden und stolz zugleich, sei Rocom. Dann lächelt er milde.

Rocom, das steht für Rossendorf Coolant Mixing Model. Ein Name wie aus dem Fördermittelantrag. Es ist der 1:5-Nachbau des Druckwasserreaktors Konvoi, also der Kraftwerke Isar 2, Emsland und Neckarwestheim 2. Rocom ist nur ein Dummy, es gibt keine Brennstäbe und freilich keine gefährliche Strahlung. Die Wissenschaftler analysieren an der Anlage den Kühlkreislauf von Druckwasserreaktoren. Sie simulieren hypothetische Störfälle – und wie man diese unter Kontrolle bringt. Sie wollen Kernkraft sicherer machen. Es ist, irgendwie, auch ein absurdes Ziel: einen Monat nach der Katastrophe von Fukushima . Mitten im deutschen Kernkraft-Moratorium.

Der Forscher ist gefragt wie nie. Doch die Zeit der Kernkraft geht vorbei

8800 Kilometer entfernt von den japanischen Reaktoren hat sich auch für den Forscher im Wald bei Dresden die Welt verändert. Alle interessieren sich nun für Kernkraft. Manchmal ist es, als forderten 80 Millionen ratlose Atomexperten in Deutschland den Ausstieg aus der Kernenergie. Da ist eine Angst im ganzen Land. Und Sören Kliem, der sich auskennt, kann diese Angst verstehen. Er hat über Kernkraftwerke promoviert, sein Thema waren Borverdünnungsstörfälle, er sagt: "Die ersten Tage nach dem Unglück in Japan war ich selbst extrem beunruhigt." Er sagt auch: "Japan ist weit weg. Aber Fukushima lässt einen nicht kalt."

Sören Kliem trägt ein blasses Hemd. Er ist Forscher, nicht Fernsehmensch. Doch seit dem japanischen Unglück filmen ihn die Reporter fürs ZDF, sie befragen ihn fürs Deutschlandradio, sie interviewen ihn für Zeitungen. Als er im Studio des MDR stand, fragte die Redakteurin: "Sie sind hier wohl zum ersten Mal?" Aber ja, sagte Kliem. "Sonst interessiert sich ja keiner für uns."

Nun hängen die Menschen an seinen Lippen, seit Wochen. Journalisten luden ihn in ein japanisches Restaurant, zum Hintergrundgespräch. Einer seiner Mitarbeiter reiste für eine Woche nach Mainz, um dem ratlosen ZDF zu helfen. Die Journalisten fragen nach Borsäure und Reaktordruckbehältern, Containments und Kernschmelzen, Störfallberechnungen und Strahlung. All die Fukushima-Wörter, die früher kein Mensch kannte. Die nun jedem Kind erklärt werden müssen. Kliem sagt: "Ich sehe auch das als unseren Auftrag."