Vielleicht hilft ihm ja Goethes Ballade vom Prometheus. Peter Sodann sitzt bei einem Kaffee im Gemeindehaus im sächsischen Staucha und rezitiert die dritte Strophe: "Da ich ein Kind war, nicht wusste wo Aus noch Ein, kehrt ich mein verirrtes Aug’ zur Sonne." Die Worte fließen mit sächsischer Gemächlichkeit durch den Raum. Sodann hält einen Spendenaufruf in der Hand, der mit dem Vers beginnt und den er verteilen will. "Bei Goethe kann man ja alles lesen, was man will", sagt Sodann und schmunzelt. Vielleicht macht Prometheus spendabel.

Der Schauspieler braucht das Geld für seine Bücher. Seit Jahren rettet er DDR-Literatur vorm Papiermüll. Es fing damit an, dass Ost-Gewerkschaften nach 1990 komplette Bibliotheken entsorgten, was ihn betrübte. "Ich habe mir gedacht, da wirft man ja dein Leben weg", sagt Sodann. "Und wenn man Bücher wegwirft, weiß man ja, was daraus werden kann." Er forderte öffentlich auf, ihm zu schicken, was zwischen Kriegsende und Mauerfall im Osten erschienen ist. Fortan kamen fast täglich Pakete. Die Leute sandten ihm Marx und Hegel, Schiller und Schinkel, Seghers und Kant. Doch dann erging es Sodann wie Goethes Zauberlehrling: Er wusste nicht mehr, wohin mit den vielen Geistern. Der Bücherberg wuchs auf fast eine halbe Million Exemplare.

Jetzt hat Sodann einen Meister gefunden, der ihm helfen kann. Einen Bürgermeister. Peter Geißler (parteilos) stieß im Internet auf einen Hilferuf von Sodann und bot ihm in Staucha Räume für eine Bibliothek an. "Man darf nicht immer nur ans Finanzielle denken", sagt Geißler. Man schaffe etwas für die Nachwelt. Ein Bücherdorf soll entstehen, ein Archiv der DDR-Verlagsgeschichte. Das Dorf zwischen Riesa und Meißen könnte nach der Nationalbibliothek in Leipzig zum zweitgrößten Zentrum für Literatur werden. Davon träumen die zwei Männer.

Geißler betritt eine Halle, die auf den ersten Blick an einen Klostersaal erinnert. Gewölbte Decke, toskanische Säulen, gefliester Boden. "Das war mal ein Kuhstall", sagt der Bürgermeister. "Jetzt machen wir hier regelmäßig Märkte." Seit einem halben Jahr lässt Geißler die Getreideböden über den einstigen Stallungen zur Bücherei umbauen. Kosten: 300.000 Euro. Davon zahlt die Gemeinde fast die Hälfte selbst, der Rest kommt aus Fördermitteln. Am nächsten Wochenende, wenn Staucha zur jährlichen Gewerbemesse einlädt, bei der Händler und Handwerker der Region ausstellen, soll das erste Buch feierlich ins Regal gestellt werden. Eine Premiere. In der mehr als 750-jährigen Geschichte des Dorfes gab es noch nie eine Bibliothek.

Staucha ist ein Nest mit 800 Einwohnern. Die Häuser schmiegen sich rund um einen Hügel inmitten der Lommatzscher Pflege. Dank guter Böden haben die Bauern hier immer reichlich verdient. Das erklärt die toskanischen Säulen im Stall und die weithin sichtbare neugotische Kirche im Zentrum. Bald könnte das Dorf mit Literatur protzen. Doch die Bewohner sind skeptisch.

"Viele glauben, das Geld wäre woanders besser angelegt", sagt Anke Nakoinz. Sie betreibt den einzigen Laden im Ort, neben der Freiwilligen Feuerwehr. Zu ihr kommen die Leute, um einen Schokoriegel zu kaufen, Waren aus dem Neckermann-Katalog zu bestellen – und zum Klatsch. Nakoinz sagt, Staucha sei ein Vorzeigedorf gewesen. Hübsch saniert, ordentlich. "Heute sieht es in vielen Ecken wieder ganz schön mistig aus." Die Dorfstraße müsse geflickt werden, aber das Geld fließe ja nun woanders hin. "Natürlich werde ich mir die Bibliothek ansehen, wenn sie fertig ist", sagt die Verkäuferin. "Aber ich glaube nicht, dass sie sich rechnen wird."

Auch ein Kirchenvorstand nennt das Projekt "zu groß für diesen Ort". Und im Gemeindehaus sitzen an einem Frühlingsnachmittag sechs Rentnerinnen, spielen Karten und wollen "zu dieser heiklen Sache" erst einmal gar nichts sagen. Als sie dann aber erfahren, dass Peter Sodann neben der Bibliothek auch ein Café plant, kommen sie aus dem Kichern kaum heraus. "Du meine Fresse", grantelt eine, "es wird immer verrückter." – "Wir haben schon mal ein Café gehabt", meint ihre Sitznachbarin. "Da ist jetzt die Hundepension drin." Die Damen glucksen.

Peter Sodann hat nie mit den Alten im Dorf über sein Projekt gesprochen. Vielleicht ist das der Grund für ihre Skepsis. Es sei Zufall, wenn man den Schauspieler mal treffe, sagen die Damen pikiert und widmen sich wieder ihren Karten.