Endlich ist es so weit! Deutschland soll zum kulturellen Welterbe beitragen. Es geht nicht um hübsche Landschaften, welche vor Betonierung geschützt werden sollen. Dafür haben Kommunen sowieso kein Verständnis, wie wir in Dresden gesehen haben. Nein, unser Futter ist dran oder, um es etwas hochtrabend zu sagen: unser täglich Brot. Unserem deutschen Brot, das weltweit nicht seinesgleichen hat, wie seine Väter behaupten, soll die Ehre widerfahren, in die Unesco-Liste der "Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit" aufgenommen zu werden, neben dem georgischen Polyphongesang und der costa-ricanischen Tradition des Ochsenkarrenanmalens.

So weit, so gut, denkt der deutsche Patriot. Und überlegt sofort, welches deutsche Produkt denn wohl noch in diese Ruhmeshalle gehört. Die Strickjacke des dicken Pfälzers ist schon auf halbem Weg. Siegfrieds Hemd, in das die dumme Kriemhild die Zielscheibe für Hagens Speer eingestickt hat. Die Doktorarbeit eines gewissen Ministers. Die Spätzle. Die Schwarzwälder Kirschtorte.

Was aber ist eigentlich unser Brot? Als Kind lernte ich das Kommissbrot kennen, ursprünglich zur Versorgung von Soldaten gedacht. Damit identifizierte sich meine Umwelt bedingungslos. Das Brot war dunkel, weich und glitschig und als Nahrungsmittel nur deshalb erträglich, weil es nichts anderes gab. Später stürzten sich die Volksgenossen gierig auf das schwammige Maisbrot, das die amerikanischen Besatzer brachten. Was deutsche Bäcker damals in ihren Öfen buken, waren Verwandte des Kommissbrotes, immer noch weich und glitschig, nur nicht mehr so dunkel. Damals kam die Vorliebe der Verbraucher auf, frisch gebackenes Brot zu essen, ofenwarm und feucht.

Damit haben sich die Deutschen auf eine Brotart festgelegt, die das Gegenteil eines gesunden, natürlichen Brotes ist. Wie das beschaffen ist und schmeckt, erfährt man nur in den Alpenländern. (Weil im Flachland die Luftfeuchtigkeit zu hoch ist?) In 1000 Meter Höhe werden sie noch gebacken, die großen Brote, die mehrere Tage alt sein müssen, um ihren Geschmack zu entwickeln, und Wochen lagern können. Vor 200 Jahren wurden auf den Tiroler und anderen Almen Brote nur im Sommer gebacken. Sie blieben den ganzen Winter essbar, mochten auch ihre Krusten steinhart geworden sein.

Es ist lobenswert, dass einige Bäcker in Deutschland versuchen, diesem Brotstil näher zu kommen. Als Vorbild dient ihnen auch der Franzose Poilâne mit seinen berühmten Sauerteigbroten. Aber die meisten Brote werden aus Backmischungen hergestellt, die es den Bäckern ermöglichen, ohne viel Arbeit einen Einheitsgeschmack herzustellen. Dazu gehört auch das Vollkornbrot, das für gesund gehalten wird wie grüner Salat. Charakteristisch sind jedoch nur die Körner, welche die Zähne mit zusätzlicher Arbeit belasten. Dagegen wären wegen ihrer Originalität der Pumpernickel und das mit ihm verwandte Schwarzbrot ein Anwärter auf den Welterbe-Status.