Wer plötzlich aus dem Nichts nach oben kommt, lockt auch viele Unkenrufer herbei, die den unvermeidlich rasanten Absturz prophezeien: Ein, zwei Jahre, dann wird sie wieder vergessen sein, mutmaßten damals nicht wenige. Sie sei eine "Zeitgeist-Erscheinung" – eine Formel, die sie verwunderte. "Was bedeutet dieses Wort, ich höre es immer wieder?", fragte sie die Journalisten, denen sie x-fach Interviews gab. Denn eigentlich hatte sie mit Zeitgeist nicht viel am Hut, hatte einzig ihr Ding gemacht, nur nicht mehr wie früher in der Provinz. Nein, unbekümmert war sie in die Welt gezogen und war nun überall präsent, Everybodys Darling mit Minirock und Wuschelkopf. Und zum Erstaunen aller toppte sie den ersten Erfolg mit einem noch größeren zweiten. Die Unkenrufer hatten, scheint’s, nicht richtig hingehört, sonst hätten sie das wissen können – eine solche Stimme gab’s kein zweites Mal, eine mädchenhaft-sexy Stimme, die klingt, "als singe sie jedem direkt ins Ohr", wie einer treffend schrieb.

Und dann ebbte der Trubel doch allmählich ab, weil sie selber konsequent ans Privatleben dachte. Auch wenn das bedeutete, sich damit quasi gegen den Zeitgeist zu stellen, aber mit dem hatte sie ja... siehe oben. Vor allem das gängige Frauenbild ärgerte sie: "Wenn ich manchmal Mütter mit Kinderwagen sehe, denke ich: Warum findet ihr euch mit allem ab? ... Wir lassen uns zu sehr sagen, was man darf und was nicht." Fast ein Paradox: Sie ignorierte den Mainstream und bediente ihn zugleich, irgendwie. Aber bei allem blieb sie sie selbst, unabhängig von den wenigen weiblichen Vorbildern, die es bis dato gab. "Ich bin lieber ich, als dass ich etwas darstelle", sagte sie. Und: "Man kann alte Muster auch brechen und Neues ausprobieren" – und solche Sätze wirkten dann ein wenig wie Kommentare zur eigenen Biografie.

Als sie mit 42 Jahren einen Preis für ihr Lebenswerk erhielt, reagierte sie verwundert und erfreut zugleich. So habe sie länger etwas davon, als wenn sie ihn erst mit 70 bekäme, meinte sie ironisch. Zu dieser Zeit war sie ohnehin wieder ganz oben, und wenn man Radio hörte, glaubte man, sie sei überhaupt nie weg gewesen. Und eigentlich hatte sie tatsächlich nur für eine gewisse Zeit ein anderes Publikum bespielt; eines, das ihr schon immer am Herzen liegt, wie ihr jüngstes Projekt beweist, mit dem sie sich auf gänzlich fremdes Terrain begeben hat: "Das Ungewohnte ist eine tolle Schubkraft."

Vor einiger Zeit tauchte übrigens eine Art Nachfolgerin auf, die in mehrfacher Hinsicht an sie erinnert. Doch auch ihr Lebenswerk geht immer noch in die nächste Runde. Basis bleibt die Musik, "dieser spannende Kosmos der Töne", der so viel größer sei als jeder Sprachschatz. "Auf der Straße werde ich nur noch manchmal erkannt", erzählte sie unlängst, "meine Stimme aber scheint für viele Menschen wie ein Handy-Klingelton zu sein, der ihnen ganz vertraut ist." Wer ist’s?

Lösung aus Nr. 15:

Der Meister des Wiener Volkstheaters und seiner Sprachkunst ist der Juristensohn Johann Nestroy (1801 bis 1862). Seine Opernkarriere gab er schon 1826 auf, ein Jahr später debütierte er als Dichter einer Lokalposse in Wien. Ab 1831 wurde das Theater an der Wien der Ort seiner Publikumserfolge als Schauspieler und rastloser Stückeschreiber. Mit doppelbödigen Sprachspielen und schlenkernder Körpersprache verdeckte er die Schwächen seiner Zauberstücke, Possen, Parodien und satirischen Volksstücke. Besonders gerne reiste er an die Nordsee und auf die damals noch britische Insel Helgoland. 1860 siedelte er nach Graz über und gab nur noch wenige Gastspiele.