Vor knapp vier Jahren wurde unter Fanfarenklängen in Essen der Name "Evonik" am Hochhaus der alten Ruhrkohle AG enthüllt. Die Zeitungen zeigten die rosarot geschmückte Fassade. Sie lobten RAG-Chef Werner Müller, der den Ausstieg aus der Kohleförderung in Deutschland ausgehandelt hatte und die Industrietöchter der RAG an die Börse bringen wollte. Nach Jahrzehnten der Subvention sollten so wenigstens die Altlasten der Kohle steuerneutral finanziert werden. Doch es kam nicht so weit. Die Krise verhinderte 2008 den Gang aufs Parkett.

Am Dienstag nun lief die Meldung über die Ticker, dass man in Essen erneut die Börse anpeile. Können die Steuerzahler jetzt aufatmen? Ende gut, alles gut?

Es kommt darauf an, wie die Pläne im Detail aussehen. Denn noch ist nicht klar, wann das Unternehmen wirklich an den Markt geht, wer den Erlös bekommt und wie Evonik dabei das Portfolio optimiert. All das muss entschieden werden – um Fehler der Vergangenheit zu vermeiden.

Fehler Nummer eins: falscher Zuschnitt. Lange wurde das Unternehmen wie Rudis Resterampe geführt. Neben den Kohlegruben gab es im Essener Sortiment auch eigene Kraftwerke, Chemiefabriken sowie eine Immobiliensparte, die die Bergmannshäuschen vermietete. Alles historisch gewachsen, aber nicht gerade anlegerfreundlich. Konglomerate gelten als unübersichtlich und werden mit Kursabschlag bestraft.

Müller dürfte das geahnt haben, doch um die Zustimmung der Arbeitnehmer zum Kohleausstieg (Montanmitbestimmung!) nicht zu gefährden, redete er den Gemischtwarenladen schön. Sein Nachfolger, Klaus Engel, dagegen sprach die Probleme an. So gelang es ihm bereits, die Kraftwerkssparte zu verkaufen. Jetzt sucht er Investoren für die Immobilien.

In der Chemie will Engel wachsen. Und am liebsten hätte er dafür etwas von dem Geld der Anleger. Allerdings muss er die Kohlestiftung erst davon überzeugen, dass ein Teilbörsengang und ein Teilen des Ertrags von Vorteil ist, wenn so im zweiten Schritt mehr Geld zusammenkommt, um die Altlasten des Bergbaus zu bezahlen. Eine gute Idee wäre der Kauf kleiner Tüftlerlabors, die Evonik voranbringen – als Zulieferer der Solarbranche und bei den Batterien für Elektroautos. Den Gerüchten, er wolle den Leverkusener Wettbewerber Lanxess kaufen, sollte der Evonik-Chef dagegen eine deutliche Absage erteilen. Zwar gibt es Anknüpfungspunkte zwischen beiden Unternehmen, weshalb Lanxess umgekehrt vor ein paar Jahren schon um die Unterstützung der Landespolitik für den Kauf der Evonik-Fabriken warb. Doch die Synergien sind heute geringer denn je und die Vorteile für den Standort fraglich.

Generell sollte sich Engel vor politischen Ambitionen hüten, denn das war in der Vergangenheit Fehler Nummer zwei. Auch sein Vorgänger, der ehemalige Wirtschaftsminister Müller, spielte in Essen weiter den Politiker, setzte sogar die Förderung der Ruhrkultur aus Stiftungsmitteln durch. Das nährte den Argwohn der Haushälter von Bund und Land, die in der Kohlestiftung die Aufsicht führen. Sie fürchteten, dass sie draufzahlen, wenn am Ende nicht 8,4 Milliarden Euro bereitliegen, die man braucht, um auch nach dem Stopp der Kohleförderung 2018 dauerhaft das Grundwasser aus den Stollen zu pumpen.

Über all das wurde damals so erbittert gestritten, dass man – Fehler Nummer drei – vergaß, auf die Konjunktur zu achten. Am Ende war die Gelegenheit für den Börsengang verpasst. Die Gefahr besteht auch dieses Mal. Bis zu 15 Monate soll sich Evonik nun nach dem Willen der Stiftung mit der Vorbereitung Zeit lassen dürfen. Dann aber dürfte der Chemieboom den Zenit überschritten haben.