Vor einer Woche berichteten wir über die neue Hamburger Inszenierung von Wolfgang Borcherts Nachkriegsdrama Draußen vor der Tür aus dem Jahr 1947. Es handelt von der persönlichen Katastrophe des Kriegsheimkehrers Beckmann, welche in der großen Katastrophe Europas restlos aufgeht. Beckmann verliert seine Frau, sein Kind, seine Eltern, sein Heim, sein Leben. Beckmann spricht: "Die Toten wachsen uns über den Kopf. Gestern zehn Millionen. Heute sind es schon dreißig. Morgen kommt einer und sprengt einen ganzen Erdteil in die Luft." Und am Ende ist Beckmann tot.

Eine Woche später hat der Theaterreporter eine Reise durch die deutsche Gegenwartsdramatik hinter sich gebracht, er war in Basel und Frankfurt, er sah die neuen Stücke von Laura de Weck (Für die Nacht) und Roland Schimmelpfennig (Wenn, dann: Was wir tun, wie und warum), und was hat er erlebt? Zwei Stücke, die unter dem Obertitel Drinnen hinter der Tür stehen könnten.

Zu Borcherts Schauspiel verhalten sie sich komplementär. Ihre Figuren erleben die Abwesenheit all dessen, woran Beckmann leidet. Aber sie sind kaum glücklicher als Beckmann. Sie nehmen den Wohlstand als eine andere Art von Not. Bei Laura de Weck sagt ein Mann zu seinen Gästen: "Wir haben keinen Krieg. Keine Naturkatastrophe. Keine Unterdrückung. Nur den Tod. Also seid ein bisschen großzügig, und seid glücklich." Verbirgt sich dahinter nicht eine berühmte deutsche Nachkriegsbeschimpfung, die Kurznachricht der Veteranen an die Jungen? Nämlich: Euch geht’s zu gut, euch fehlt ein Krieg.

Beide Stücke spielen in einem Land, das seit Beckmanns Zeit keine große Katastrophe erlebt hat. Ihre Figuren leben ein sicheres Leben. Ihre Kriege toben unsichtbar: innen.

Bei Laura de Weck verbringen vier Menschen einen Abend zusammen, denen es in verschiedenen Graden miserabel geht: ein Sterbender im Rollstuhl, sein Sohn, der einen Suizidversuch hinter sich hat, die vom Liebesunglück zermürbte Pflegerin des Vaters und ein vom Vater zum Essen hereingerufener Obdachloser. Gemeinsam gelingt es ihnen, die eigene Schwere für ein paar Schwarze-Komödie-Momente auszuhalten, getragen vom lakonisch-ruppigen Gruppengefühl, doch dann, als die Nacht beginnt, zerfällt die Gruppe, denn der Vater, der alle zusammengebracht hat, wird nun sterben.

Bei Roland Schimmelpfennig sieht man drei Bauarbeitern auf der Bühne dabei zu, wie sie etliche Flaschen Bier trinken und vom Sex, vom Pfusch am Bau, vom nahen Ende der Welt und vom Paradies auf Erden palavern. Schimmelpfennigs Stück ist ein ziemlicher Murks mit hohem Anspruch; es möchte Handwerkerkomödie und Märchenstück zugleich sein, denn hinter der Bühnenwand, in welche die Männer ein Loch hämmern, tut sich ein Abgrund auf, worin ein vierter Mann verschwindet, genauer: in einer "Zwischenwelt" der Asseln, der Silberfischlein und der Feen.

Auch bei Schimmelpfennig ist die Not ein Thema – als Not der anderen, die "jetzt, in diesem Moment", zu Tausenden an Aids, Hunger, Krieg sterben. "Nichts verbindet einen Menschen mit dem anderen", sagt Bauarbeiter Rudi, "außer für eine zu kurze Zeit – die Nabelschnur, danach aber verbindet den Menschen nichts mehr, und wenn, wie es in dieser Minute, in diesem Augenblick geschieht, ein Kind in Afrika oder Indien armselig krepiert, dann spüren wir nichts – nichts."

Das ist die Kernaussage beider Stücke, und wenn man in Borcherts Draußen vor der Tür nachliest, findet man sie, in anderen Worten, auch schon dort. Der Unterschied ist nur: Die Figuren der neuen Stücke wissen, dass sie auf Kosten anderer leben. Also haben sie das Gefühl, eigentlich gar nicht zu leben – es nicht "verdient" zu haben.

Da sie keine Verantwortung übernehmen, da im Gegenteil ihr Leben nur aus der Abwehr von Verantwortung besteht, sind diese Figuren zu einem eigenständigen Dasein nicht imstande. Sie sind zu klein, um "Taten" zu vollbringen, und deshalb kann auf der Bühne auch kein zielführendes Handeln gezeigt werden, sondern nur beispielsweise: zehnminütige Spachtelarbeit an einer lädierten Wand. Die Zähigkeit des Frankfurter Abends (Regie: Christoph Mehler) ist von trister Konsequenz: Ausführlichkeit als Folge von Ausweglosigkeit. Es hat keinen Sinn, es läuft auf nichts zu, weshalb also sollten wir es kurz machen?

In Basel, in Werner Düggelins Regie, geht dagegen alles zu schnell: In einer Die-muss-man-vor-sich-selbst-beschützen-Aktion hat Düggelin die von exzessiver individueller Not geradezu schäumende Spielvorlage von Laura de Weck gekürzt, geordnet, gerodet. Bei Laura de Weck sprechen die vier Figuren in isolierten Textkolumnen gegeneinander, miteinander. Wenn man das Stück liest, hat man den Eindruck: Hier sind lebendig Begrabene, die aus ihren Einzelgrüften heraus um Befreiung brüllen. Von dieser Wildheit, dem Dschungelgebrüll der armen Seelen, hat Werner Düggelins Basler Inszenierung nichts gerettet: Hier geht es, in Raimund Bauers sterilem Bühnenbild, um Gleichklang. De Weck entfesselt; Düggelin zähmt und regelt. Die Basler Spieler sprechen den Text ungeduldig und streng, wie etwas, das man abschütteln muss. Düggelin lässt sie so handeln, als wiederholten sie sich nur noch – Menschen, die Sprüche aufsagen, mit denen sie leben können: Legenden vom eigenen Ich.

Beckmann, der Veteran aus Draußen vor der Tür, verliert sein einziges Kind im Krieg. Und doch gewinnt man den Eindruck, auf den Bühnen in Basel und Frankfurt habe man es mit den davongekommenen Enkeln Beckmanns zu tun; Kindern, die mit der Schuld der Überlebenden beladen sind; Kindern, die dem Frieden nicht gewachsen sind.

Sie sind unglücklich darüber, dass ihnen fremdes Unglück so wenig ausmacht. In einem Kalauer: Es macht sie betroffen, wie wenig sie betroffen sind. Große Dramen schreibt man mit solchen Figuren nicht, sondern: Übergangsstücke, Warteraumtheater. Rudi, der alte Bauarbeiter aus Schimmelpfennigs Stück, sagt in einem Anfall glücklichen Selbsthasses: "Sie muss kommen, und sie wird kommen: die schmutzige Bombe, die nukleare Rucksackbombe in der U-Bahn von New York, Berlin, London, Frankfurt, Paris, Madrid, Rom, Moskau, Wien." Er scheint es kaum erwarten zu können.