Wenn ein Polizist auf einer leeren Kreuzung steht, um Verkehr zu regeln, den es nicht gibt, dann muss es sich um eine besondere Vorschrift handeln, die der Polizist befolgt, sonst würde er ja dort nicht stehen.

Die Vorschrift muss wohl in etwa besagen: Wann immer der schwarze Mercedes mit der Standarte am rechten Kotflügel samt Kolonne aus weiteren schwarzen Mercedes irgendwo durchfährt, muss sichergestellt sein, dass er an allen Kreuzungen Vorfahrt hat. Man stelle sich vor, der Bundespräsident müsste die Vorfahrt achten!

Das geht nicht, so wie es auch nicht geht, dass der Bundespräsident geht. Man fährt ihn nahezu auf den Rasen. Der Rasen befindet sich am Rande von Bitburg in der Eifel, auf dem Rasen bewegen sich an diesem Montagnachmittag die Fußballerinnen der deutschen Nationalmannschaft. Sie absolvieren ihr Techniktraining in Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft Ende Juni. Der Bundespräsident möchte zuschauen, er hat seine Frau Bettina mitgebracht, was ja nicht schaden kann.

Der Präsident betritt den Rasen. Was er mit den Spielerinnen auf dem Platz bespricht, lässt sich von ferne nicht verstehen, vielleicht ist es besser so. Theo Zwanziger, der Präsident des DFB, und Karl Peter Bruch, der Innenminister von Rheinland-Pfalz, sind freundlicherweise ebenfalls gekommen, erhalten anders als die Wulffs aber keine Trikots mit ihren Namen darauf.

Dann machen 700 Fotografen acht Millionen Fotos von den hohen Herrschaften und den Fußballerinnen. Niemand, nicht der Polizist an der Kreuzung, nicht die Wulffs mit den Leibchen, nicht der Innenminister mit den Koalitionsverhandlungen, hat gerade etwas Besseres zu tun, als hier zu sein.

Der Präsident betritt die Tribüne. Achtzig Zuschauer scharen sich um ihn. Er setzt sich zwischen sie. Der Präsident redet mit den Kindern. Die Fotografen scheuchen die Kinder weg. Unten spielen die Damen, aber die Tribüne ist mit dem Präsidenten beschäftigt und die Presse mit der Tribüne. Zwanziger, Bruch und Wulff stützen sich jeweils mit dem linken Ellenbogen auf dem linken Bein ab, Synchronsitzen, hat das was zu bedeuten? Haben sie das abgesprochen? Und alle tragen eine Uhr am linken Handgelenk!

Aber der Bundespräsident muss das machen, er ist der Schirmherr der Damen-WM. Und Frauenfußball scheint ihm auch am Herzen zu liegen. Wenn es einen aufrechten Fan der weiblichen Nationalmannschaft gibt, dann ist es Christian Wulff. Er kennt alle DFB-Pokal-Paarungen und die der Champions League, er kennt Turbine Potsdam, den FCR Duisburg. Sein Wunsch, sagt er, sei ein zweites Sommermärchen, er möchte diese Sportlerinnen mit Medaillen behängen.

Plötzlich nähert sich laut tuckernd ein gelbes Sportflugzeug, senkt die Nase, sinkt rasant, steuert die Tribüne an – sollte so was nicht abgeschossen werden? Verwundertes Aufatmen, als das Ding auf dem benachbarten Flugplatz landet. "Warum darf das überhaupt fliegen?", fragt ein Fotograf. Tja, warum steht der Polizist an der Kreuzung, wenn hier augenscheinlich ganz andere Gefahren gebannt werden müssen?

Die Fußballerinnen üben jetzt das Kurzpassspiel. Leider spielt der Präsident nicht mit. Hätte er sich auf dem Platz nicht viel besser vom Trainingszustand der Mannschaft überzeugen können? Oder wenigstens seine Frau? Aber sie hat von sich gesagt, dass sie bei ihrer Größe eher zum Basketball tauge.

Derweil klappt ein Journalist unter freiem Himmel eine strandzeltartige Plane aus, in der er samt Laptop verschwindet. Die Sonne steht tief, das Licht blendet, der Fotograf muss seine Bilder in die Welt senden. Der Zwangszusammenhang gebietet es: Bundespräsident muss schirmherrschen, DFB muss dabei sein, Presse muss berichten, Leser muss lesen – darüber, dass etwas stattgefunden hat, von dem jeder der Beteiligten jetzt sagen kann, dass es stattgefunden hat.

Sicherlich wird in der Nachbetrachtung dieses medialen Spezialereignisses ein Wort über die Kleidung des präsidialen Paares verloren werden müssen, die Vokabeln "leger", "Jeans" und "ohne Krawatte" sollten fallen. Wie immer bei solchen Anlässen wäre auch das Gegenteil eine Nachricht gewesen: "Wulff im Smoking im Elfmeterraum".

Der Bundespräsident verbringt mehr als eine Stunde auf der Tribüne. Ob ihm der Eifelbesuch gefällt? Zeit nimmt er sich. Er wird abends noch mit den Damen essen, dann geht es weiter zum nächsten Goldenen Buch, vielleicht muss er auch bald schon wieder eine Fähre taufen.