Natürlich, es kann auch einfach der Frühling sein. Plötzlich, am 4. April, Narzissus und die Tulipan blühten sogar in Hamburg , lag Margot Käßmanns Sehnsucht nach Leben ganz vorn auf den Bestsellerlisten. Es wurde auch Zeit: Seit Mitte Februar hatte Walter Kohl mit seinem Kanzlersohnesbuch Leben oder gelebt werden , einer kummervoll weltlichen Variante der Sehnsucht nach Leben , stabil Platz eins besetzt, daraufhin zog kurzzeitig der Papst persönlich mit Jesus von Nazareth an Kohl vorbei, dem Trostangebot im Superlativ also. Dann plötzlich Käßmann. Nun, Stand 11. April, hat Walter Kohl wieder die Führung übernommen, das vernachlässigte Kind bleibt das Topthema der Deutschen.

Oder ist es doch nicht der Frühling, ist es Fukushima , das seit dem 11. März buchstäblich auf den Buchmarkt ausgestrahlt hat? Sind es die Umwälzungen der politischen Welt? Findet, wie es Helge Malchow, der Verleger von Kiepenheuer & Witsch, im Gespräch erwägt, seit Jahresbeginn "eine Art Verdrängungswettbewerb in den Köpfen der Leser" statt, die zurzeit lieber Zeitungen läsen und Erbauliches als ambitionierte Bücher? Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels meldet, die Zahlen seien im März um dramatische 14,5 Prozent eingebrochen, nur führt er das Tief auf das späte Osterdatum zurück. Tatsächlich waren die Verkäufe des ersten Quartals 2011 trotz der arabischen Revolutionen im Sachbuch ausgezeichnet, plus 10,8 Prozent, und sogar im prekären Monat März musste es mit minus 2,3 Prozent fast keinen Einbruch hinnehmen.

Das liegt nun gewiss, siehe oben, an einzelnen Titeln, die des Lesers Herz wiederzubeleben versprechen. Das Segment Geisteswissenschaften steht im März fast ebenso schlecht da wie die Belletristik, aber eine Talsenke des Anspruchsvollen allein kann der Grund für die Verkaufskrise nicht sein: Denn sogar den Ratgebern geht es gerade hundsmiserabel. Vielmehr spricht manches dafür, dass der gute alte Leser jetzt gut informiert sein will, und dafür wählt er klug aus. Auch in Malchows Verlag steht Stephanie Cookes Buch Atom. Die Geschichte des nuklearen Zeitalters, das im Herbst eher verzweifelte Zahlen verbuchte, nun in Prachtblüte da: Das Hardcover war nach Fukushima in zwei Tagen verkauft, die prompt gedruckte Taschenbuchausgabe läuft prima.

Die Zeitungen reichen den Lesern offenbar nicht: Aus dem C.H. Beck Verlag ist zu hören, dass sich Günther Anders’ Philosophie des Atomzeitalters innerhalb von Wochen so verkauft hat wie sonst nur im ganzen Jahr, es lebe die Backlist! Becks Bücher zu Japan boomen, und Joachim Radkaus umfangreiche Ära der Ökologie, kein Seelen-Schmöker , steuert schon auf die zweite Auflage zu. Der Kunstmann-Verlag berichtet nicht nur von spürbar besseren Verkäufen des Energethischen Imperativs und der Backlist-Titel des Energiewende-Vordenkers Hermann Scheer , sondern auch von Einladungen an den Autor. Der ist im Oktober gestorben , jetzt würde er gebraucht. Und der kleine oekom verlag hat die Mythen der Atomkraft des Energieexperten Rosenkranz 125-mal mehr verkauft als zuvor. Gute Nachrichten: Die Leute wollen es wissen.