DIE ZEIT : Herr Trittin, wie sehr irritiert Sie, dass die Grünen bis Fukushima in allen Umfragen deutlich schlechter dastanden? Dass sie als Dagegen-Partei galten? Dass der Regierungswechsel in Baden-Württemberg unmöglich schien?

Trittin : Ich glaube nicht an Umfragen, ich glaube an Wahlergebnisse. Insofern ist auch die Frage entschieden, ob die Diffamierungsstrategie der Kanzlerin verfangen hat.

ZEIT : Wenn Sie an Umfragen zweifeln, dann auch daran, dass fast jeder Dritte derzeit grün wählen würde?

Trittin : Wir werden erst bei der Bundestagswahl im September 2013 wissen, wie groß die Zustimmung für die Grünen bundesweit ist. Wir sind trotz unseres besten Ergebnisses bei einer Bundestagswahl die kleinste Oppositionsfraktion, haben aber sicher gute Chancen, uns deutlich zu steigern, wenn wir uns anstrengen. Das ist noch viel Arbeit. Aber das ist die Perspektive, auf die ich hinarbeite.

ZEIT : Als Kanzlerkandidat?

Trittin : Wir führen diese Diskussion nicht. Wir haben genug damit zu tun, in Bremen mehr Grün in den Senat zu bringen, in Mecklenburg-Vorpommern in den letzten Landtag einzuziehen und mit Renate Künast stärkste Partei in Berlin zu werden.

ZEIT : Warum so zögerlich?

Trittin : Ich glaube, dass sich die Frage einer Kanzlerkandidatur derzeit nicht stellt. Wie valide unser Aufschwung ist, wird man Ende des Jahres etwas besser sehen. Unser Umfragetief in diesem Winter haben wir mit dieser bodenständigen Haltung gut überstanden: erfolgsorientiert, aber nicht selbstbesoffen.

ZEIT : Sie würden ablehnen, wenn Ihre Partei Sie fragte?

Trittin : Das sind zu diesem Zeitpunkt alles müßige Fragen.

ZEIT : Die FDP gibt sich jetzt eine Führung aus Mittdreißigern. Die Grünen werden von Mittfünfzigern geführt. Was sagt das über die Grünen aus?

Trittin : So richtig ist der Durchmarsch bei der FDP nicht gelungen, wenn ich mir Kabinett und Fraktionsspitze anschaue. Wenn Sie die aufgeregten Diskurse und die Moden des hauptstädtischen Salon-Politisierens für bare Münze nehmen, hätte Olaf Scholz nicht die Wahl in Hamburg und Winfried Kretschmann nicht die in Baden-Württemberg gewinnen können.

ZEIT : Weil sie als langweilig gelten?

Trittin : Nein, weil sie solide sind. Am Ende zählen Parteien und Programme. Das ist zwar langweiliger, aber die Wahlergebnisse der letzten Jahre belegen das. Und das ist ein Teil des grünen Aufschwungs.

ZEIT : Im baden-württembergischen Wahlkampf hörten wir oft: Ja, den Kretschmann finden wir gut, aber der Trittin wäre für uns unwählbar.

Trittin : Das mag Ihre Erfahrung sein, meine aus dem Wahlkampf dort in Schwaben und Baden ist eine andere. Und ganz offensichtlich haben die Grünen eine hohe Mobilisierungsfähigkeit in neue Wählerschichten hinein.

ZEIT : Was bedeutet der Erfolg in Baden-Württemberg für das Selbstverständnis der Grünen?

Trittin : Niemand in meiner Partei wird mehr sagen können: "Das mussten wir wegen des großen Koalitionspartners so machen". Das war schon immer eine Ausrede, aber jetzt gilt sie weniger denn je. Wir stehen für die Gesamtverantwortung von Politik, im Guten wie im Schlechten. Wenn einem bestimmte Entscheidungen gar nicht passen, muss man die Frage beantworten, ob man eine Regierungsbeteiligung deswegen beenden will. Bisweilen sind einem andere Dinge wichtiger, sodass man das mitträgt. In Baden-Württemberg aber kommt noch etwas anderes hinzu: Dort spielt der Ministerpräsident durch die Verfassung des Landes eine ganz besondere Rolle, sie ist größer als die Richtlinienkompetenz eines Regierungschefs auf Bundesebene.

 

ZEIT : Das ist eine versteckte Drohung an den kleinen Koalitionspartner dort, die SPD.

Trittin : Die Verfassung ist keine Drohung, sondern die Verfassung. Aber den Vertrauensvorschuss der Wähler hat Winfried Kretschmann bekommen – niemand sonst.

ZEIT : Nach seinem Wahlerfolg sagte Kretschmann: "Erst das Land, dann die Partei". Ist das auch Ihre Reihenfolge?

Trittin : Das kann gar nicht anders sein – gerade wenn man das Land sozial und ökologisch modernisieren will.

ZEIT : Erfahrungsgemäß steigt die Spannung, wenn die Grünen mitregieren. Möglicherweise steigt sie noch mehr, wenn sie erstmals eine Regierung führen müssen.

Trittin : Klar, da wird genau hingeguckt werden, wie wir das machen. Der grüne Regierungschef wird am Ende seinen Kopf dafür hinhalten müssen, wenn der rote Finanzminister nicht solide wirtschaftet. Er wird auch für potenzielle Aktionen seines Innenministers geradestehen müssen. Die Ausrede "Das sind die anderen" zählt nicht. Der Hauptverantwortliche, der die Gesamtpolitik in Baden-Württemberg personifiziert, ist Winfried Kretschmann.

ZEIT : Wir meinten weniger die Spannung innerhalb der Regierungskoalition als innerhalb Ihrer Partei. Beim Ausbau der erneuerbaren Energien stemmen sich Anhänger der Grünen gegen Projekte, die aus der Logik des grünen Programms heraus notwendig sind.

Trittin : Vor Ort gibt es Leute aus allen Parteien, die gegen das eine oder andere Projekt sind. So what? Ich habe in Baden-Württemberg Wahlkampf für den Ausbau der Windenergie gemacht und bin weder aus dem Saal geprügelt noch ausgepfiffen worden, sondern habe sehr viel Beifall bekommen. Wir dürfen nie so tun, als hätten wir die Weisheit mit Löffeln gefressen. Einwände muss man sehr ernst nehmen. Es gibt Standorte, die nicht gehen, und manchmal stellt sich so etwas erst im Zuge des Prozesses heraus. Ich habe als Bundesumweltminister Vorrangflächen in der Ostsee nicht genehmigt, aus Naturschutzgründen. In anderen Fällen habe ich die Genehmigung erteilt, weil ich es für vertretbar hielt. Das heißt, wir müssen den Abwägungsprozess transparent machen, ohne das Ziel aus dem Auge zu verlieren.

ZEIT : Was heißt das konkret?

Trittin : Das bedeutet, dass man mit den Menschen gemeinsam an solche Vorhaben herangeht und sie auch beteiligt. Das schafft zugleich mehr Akzeptanz. Wenn ich schneller aus der Atomenergie heraus will, muss ich im Bereich der Onshore-Windanlagen mehr investieren. Dazu sind die Menschen bereit. Und das bedeutet: Wir bauen neue Windräder in Süddeutschland und ersetzen im Rest der Republik viele der alten, ineffizienten Anlagen durch wenige effiziente – das heißt große – Windräder, die sich im Interesse des Landschaftsschutzes langsamer drehen und damit das Landschaftsbild weniger beeinträchtigen.

ZEIT : Niemand wohnt gern in der Nähe eines Windparks.

Trittin : Wenn Sie früher durch das Emsland gefahren sind, standen da auch keine Windräder. In dieser Region sind die Grünen auch heute noch weit davon entfernt, stärkste Partei zu werden; die CDU hat da eine stabile Zweidrittelmehrheit. In dieser Region liegt der Versorgungsgrad bei Windkraft deutlich über 100 Prozent. Das heißt, man ist von einer Stromimportregion zu einer Stromexportregion geworden. Trotzdem fühlen sich die Menschen dort sehr wohl und haben kein Problem mit der Windenergie. Wichtig ist, dass sie das Gefühl haben: Sie sind daran beteiligt. Man kann an der Gemeindekasse ablesen, dass sie davon profitieren, etwa durch Gewerbesteuereinnahmen. In Baden-Württemberg gibt es landesplanerische Auflagen, die besagen, dass Windvorrangflächen nur in Tälern ausgewiesen werden dürfen – super Idee! Damit wird Windenergie bewusst unrentabel gemacht. Solche Dinge gehören weg. Wenn wir wirklich aus der Atomenergie aussteigen wollen, müssen wir mehr Windkraftanlagen installieren als im vergangenen Jahr. Mit der Ausbaurate des letzten Jahres wird ein schnellerer Umstieg nicht gehen. Wir müssen die Baublockade in Süddeutschland abräumen.

ZEIT : Die SPD warnt beim Atomausstieg vor steigenden Preisen, will die Schutzmacht der kleinen Leute sein. Was sagt das über die SPD?

Trittin : Dass sie in ernsten Schwierigkeiten ist. Die SPD agiert hektisch, ohne Kompass und Kurs. Sozialdemokraten waren die Ersten, – noch vor der Kanzlerin –, die gesagt haben, auf keinen Fall dürfe es zu einer Besteuerung des Diesels nach CO₂-Gehalt kommen – obwohl das nicht nur fachlich logisch ist, sondern auch im SPD-Programm steht. Darüber hinaus haben sie in Reaktion auf das Moratorium der Laufzeitverlängerung sehr schnell für neue Kohlekraftwerke plädiert, bezeichnenderweise in einer Allianz mit Herrn Lindner von der FDP. Das alles sind Konzepte, die nicht zu Ende gedacht sind.

 

ZEIT : Und daher ist Schwarz-Grün eine Option für 2013?

Trittin : Wir haben in Baden-Württemberg eine Mehrheit für Grün-Rot. In Rheinland-Pfalz wird eine rot-grüne Regierung gebildet. Wenn alles gut geht, werden wir in Bremen stärkeren Einfluss bekommen. In Berlin wird es darum gehen, ob wir stärkste Kraft werden. Wie ich die Berliner SPD kenne, wird sie lieber auf Wowereit verzichten, als in die Opposition zu gehen; da bin ich sehr gelassen. Auch bei allen folgenden Landtagswahlen spricht von der Orientierung her mehr für eine Mehrheit aus Sozialdemokraten und Grünen – oder Grünen und Sozialdemokraten – als für andere Konstellationen. In den neuen Mehrheitsverhältnissen drückt sich eine größere politische Schnittmenge aus. Je eigenständiger die Politik der Grünen ist, umso unwahrscheinlicher werden andere Mehrheiten. Grün ist die Alternative zu Schwarz – nicht die Deko.

ZEIT : Die Grünen sind jetzt Mainstream. Hält Ihre Partei das überhaupt aus?

Trittin : Ich glaube, es ist eher andersherum: Die grünen Themen haben es über die Jahre geschafft, den Mainstream neu zu definieren. Es kommt darauf an, die eigenen Inhalte in der Mitte der Gesellschaft zu positionieren, sich selbst mehrheitsfähig zu machen. Hegemoniefähigkeit ist die eigentliche Kunst. Das ist uns gelungen mit Themen, die früher belächelt worden sind. Wenn man vor 20 Jahren gesagt hätte, dass Deutschland komplett auf erneuerbare Energien umsteigt – was heute ein zumindest auf dem Papier formulierter Konsens zwischen allen Parteien ist –, dann hätte man als verspinnert, als Exot gegolten. Das war sozusagen das Privileg von Hermann Scheer und Franz Alt, um einmal bewusst zwei wichtige Visionäre aus anderen Parteien zu nennen.

ZEIT : Einem Teil der Partei könnte es unbehaglich sein, in der Mitte der Gesellschaft anzukommen.

Trittin : Warum? Wir haben diese guten Wahlergebnisse mit urgrünen Themen erreicht: mit einer Politik, die sehr konsequent darauf gesetzt hat, dass wir schnell rausmüssen aus der Atomenergie, dass wir eine andere Form von Verkehrspolitik brauchen, dass man Steuergelder nicht einfach unter der Erde verbuddelt. Ich bin nicht bange um das, was daraus resultiert.

ZEIT : Wie links sind die Grünen noch?

Trittin : Sie gehören zur linken Mitte. Alle Untersuchungen zeigen, dass sich unsere Wähler weiter links einschätzen als unsere Mitglieder.

ZEIT : Was macht Linkssein aus?

Trittin : Das Primat der Politik über den Markt. Das ist der Anspruch, dass Menschen sich als vernunftbegabte Wesen, als gleichberechtigte Subjekte begegnen können und sollen. Und dass Ungerechtigkeit nicht der erstrebenswerte Motor gesellschaftlicher Entwicklung sein sollte. Aber links ist eine Haltung, keine Mode. Das rechte Lager in diesem Land kostümiert sich gerne als bürgerliches Lager. Welch eine Hybris! Wir haben in unserer Gesellschaft de facto nur noch bürgerliche Parteien. Es gibt rechte bürgerliche Parteien, wir haben linke bürgerliche Parteien, aber bürgerlich sind sie alle. Deshalb sind die habituellen Fragen – "Kann jemand mit Messer und Gabel essen?", "Hat er einen federnden Gang?", "Wie hoch ist der Gelfaktor in seinen Haaren?" – kein Ausweis von Bürgerlichkeit.

Zeit : Aber es gibt noch so etwas wie linkes Lebensgefühl?

Trittin : Nein.

Zeit : Nein?

Trittin : Unsere Gesellschaft ist von individualisierten Lebenslagen geprägt. Früher konnte die Wahlsoziologie noch sagen: Frau, katholisch, lebt auf dem Lande – wählt CDU. Evangelisch, Gewerkschaftsmitglied, Stadt – wählt SPD. Im Großen und Ganzen lag man damit immer richtig. Das funktioniert nicht mehr. Weder in der Politik noch anderswo. Es gibt auch keine linke Musikkultur mehr.

ZEIT : Sie bezeichnen die Grünen als "bürgerlich". Gleichzeitig fordern Sie bei internen Treffen der Parteilinken eine klarere Polarisierung. Wie passt das zusammen?

Trittin : Ich habe nur eine Tatsache benannt. Wir haben in Baden-Württemberg in einer scharfen Konfrontation über Stuttgart 21, über die Atomenergie und in einer scharfen machtpolitischen Zuspitzung – Grün-Rot gegen Schwarz-Gelb – gewonnen. Die Bürger haben sich für die linke Mitte und gegen die Rechten entschieden.

ZEIT : Mal ehrlich: Was hat Sie zuletzt verunsichert?

Trittin : Fukushima. Sie wissen, dass ich immer gegen Atomkraft war. Aber trotzdem hätte ich nie geglaubt, dass so etwas wie in Japan passieren kann. Als ich die ersten Nachrichten auf dem Bildschirm meines Computers gelesen habe – sechs Reaktorblöcke außer Kontrolle, drei Kernschmelzen –, hat mich das regelrecht verstört. Eigentlich hatten wir uns doch alle darin eingerichtet, dass Technik nicht schiefgeht. Wir sind alle von Technik abhängig, und irgendwie glaubten wir daran, dass sie funktioniert. Und dann funktionierte sie selbst in Japan nicht