Eine französische Prinzessin, mitten in Augsburg! Gleich mehrere Menuette soll Marie Antoinette 1770 im Ballsaal des Schaezlerpalais getanzt haben. Dem Hausherrn war es gelungen, die damals 14-Jährige zu einem Zwischenstopp auf ihrer Reise von Wien nach Versailles zu überreden. Und jetzt beehrte die künftige Königin das Einweihungsfest des soeben fertiggestellten Domizils am Augsburger Weinmarkt. Eine unerhörte gesellschaftliche Aufwertung der neuadeligen Kaufmanns- und Bankiersfamilie, deren Nachfahren noch bis in die 1950er Jahre Teile des riesigen Patrizierhauses bewohnten und es schließlich 1958 der Stadt Augsburg stifteten mit der Auflage, die Räumlichkeiten kulturell zu nutzen.

Das tut die Stadt seither auftragsgemäß. In der Beletage ist die Deutsche Barockgalerie untergebracht, das zweite Obergeschoss beherbergt die hochkarätige Sammlung des Kunsthändlers Haberstock. Und gleich nebenan, in der Katharinenkirche, die nur über das Palais zugänglich ist, sind Gemälde altdeutscher Meister von Burgkmair bis Dürer zu sehen.

Die Deutsche Barockgalerie ist ein ambitioniertes Unternehmen des ehemaligen Museumsdirektors Bruno Bushart und geht auf das Jahr 1964 zurück. Er fand, dass Augsburg "als eine Hauptstadt des deutschen Barock" wie kein anderer Ort geeignet sei, bedeutende deutsche Malerei des 17. und 18. Jahrhunderts zu konzentrieren. Und so schmücken heute Bilder von Johann Heinrich Schönfeld, dem Rembrandt-Schüler Johann Ulrich Mayr, Stillleben von Georg Flegel oder Christian Berentz die Kabinette, wobei der strenge Sammelansatz nicht ganz durchgehalten ist. Es finden sich auch Stücke mit deutlich manieristischen Anklängen, zum Beispiel eine wunderschöne Darstellung von Mars und Venus, auf Kupfer gemalt von Johann Rottenhammer. Dazu kommen klassizistische Meister wie Tischbein. Sogar Johann Heinrich Füssli ist mit einer düsteren Psyche vertreten. Die bedeutende grafische Sammlung umfasst 50.000 Blätter.

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Die Gemäldesammlung befindet sich in unterschiedlich großen Kabinetten, die sich dem Besucher im Abschreiten einer schier endlosen Enfilade eröffnen. Man ist beeindruckt und fühlt sich an Alain Resnais’ Film Letztes Jahr in Marienbad erinnert. Fast 110 Meter tief ist das Haus. Dabei präsentiert sich die Schaufassade zum Weinmarkt hin, wo der imposante Herkulesbrunnen von Adriaen de Vries steht, schwäbisch zurückhaltend und mit sieben Fensterachsen vergleichsweise schmal.

Bemerkenswert sind die 67 original erhaltenen Supraporten mit Grisaillemalereien über den Durchgängen. Sie zeigen Szenen aus Ovids Metamorphosen und aus der Augsburger Stadtgeschichte. Ihre Grundtönung haben die Restauratoren, die den Rokokopalast von 2004 bis 2006 auf Vordermann gebracht haben, in der Farbgestaltung der Kabinette aufgegriffen. So wechseln sich heute mintgrüne, pastellgelbe, milchblaue und rosarote Räume ab, eine Herausforderung für die Hängung der Bilder.

Und dann tritt auf: der Ballsaal, 23 Meter lang, 30 Meter breit. Ein barockes Fest für die Augen, ein raffiniertes Spiel zwischen Malerei und Skulptur, eine Spiegelung von Architektur und Natur – der Ausblick auf den streng geometrisch angelegten Garten gehört programmatisch zum Innenleben. Das große Deckenfresko zeigt eine Allegorie der Erdteile. Gemalt hat es der Wandermaler Gregorio Guglielmi, der sich wegen seiner Arbeiten in Schloss Schönbrunn und im Berliner Palais des Prinzen Heinrich einen Namen gemacht hatte. Ein großer Glücksfall ist es, dass der Saal fast unversehrt die Jahrhunderte überstanden hat. So hat das viele Blattgold eine schöne Patina und glänzt angenehm zurückhaltend.

Hinter dem Festsaal folgt der Übergang in die Katharinenkirche. Er führt in eine andere Welt, die noch immer die strenge Kontemplation der dominikanischen Nonnen ausstrahlt, die hier im Mittelalter beteten. Schon 1835 wurde in den gotischen Hallen die älteste Filialgalerie der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen eingerichtet, mit Meisterwerken der schwäbischen Malerei um 1500. Aber auch Cranach und Dürer sind vertreten: Das berühmte Porträt des Jakob Fugger ist ein Muss für jeden Besucher der Stadt.

Hochkarätiges aus Italien und Holland hat die kleine Sammlung des Münchner Kunsthändlers Karl Haberstock zu bieten. Veronese, Canaletto, Tiepolo, van Dyck und Jacob van Ruisdael sind darunter. Aber die Dauerleihgabe, die seit den fünfziger Jahren von der Stadt Augsburg betreut wird, galt lange als eine Art Trojaner: Haberstock hatte in den dreißiger Jahren Adolf Hitler und andere Nazigrößen mit Gemälden beliefert. Erst seit einer gründlichen wissenschaftlichen Untersuchung ist geklärt, dass die Provenienz der Bilder aus der Sammlung einwandfrei ist. Man darf also unbelastet staunen.