Zwei Glasscheiben, eine davon aus Panzerglas, trennen Adolf Eichmann und Ruth Levy-Berlowitz. Sie sitzen in eigenen Kabinen, 20 Meter voneinander entfernt. Und doch ist da eine Nähe zwischen ihnen, die etwas Intimes hat. Wenn Eichmann, der Massenmörder, umständlich seine Kopfhörer aufgesetzt hat, hört er die Stimme von Ruth Levy-Berlowitz.

"Ich habe ihm ins Ohr geflüstert. Intimer geht es doch kaum", sagt die Frau heute, 50 Jahre später. Sie war Eichmanns Dolmetscherin. Sie sucht ein Wort, das beschreiben könnte, wie sie diese ungewollte Nähe damals empfunden hat. Sie sagt: "Es war irgendwie unheimlich." Ruth Levy-Berlowitz, 85, entstammt einer jüdischen Dresdner Familie. 1936, sie war gerade zehn Jahre alt, emigrierten die Eltern mit ihr nach Palästina. Zwei Tanten, denen die Flucht nicht mehr gelang, kamen im Konzentrationslager Majdanek um. Eine Cousine überlebte in Berlin, versteckt in einer Hundehütte.

Adolf Eichmann war in der NS-Zeit Leiter des "Judenreferats" im Reichssicherheitshauptamt, er war einer der Hauptverantwortlichen für die Ermordung von Millionen Juden. Am 11.April 1961 begann in Jerusalem der Prozess gegen ihn.

Es gab mehrere Übersetzerteams im Gerichtssaal. Zunächst jenes, das Zeugenaussagen, Statements des Richters sowie Einlassungen Eichmanns und seines Verteidigers ins Hebräische übertrug, in die Prozesssprache. Zudem wurde ins Englische und ins Französische übersetzt. Sowie ins Deutsche, das war die Aufgabe von Ruth Levy-Berlowitz, die sie sich mit einem aus Wien stammenden Kollegen teilte.

"Das kommt nicht infrage", sagte ihr Mann, als Levy-Berlowitz, die 1952 in Genf die Dolmetscherschule abgeschlossen hatte, von der israelischen Polizei gebeten worden war, die Aufgabe zu übernehmen. "Du bist wahnsinnig", sagten ihre Eltern und versuchten, sie davon abzuhalten. "Es wird zu schauerlich. Das ist nichts für eine junge Frau", warnte ein Freund der Familie, ein israelischer Regierungsbeamter, der bereits Details kannte, die im Prozess zur Sprache kommen würden.

Aber die Dolmetscherin, die zu der Zeit 35 Jahre alt war, wollte sich vor einer Entscheidung selbst der Probe unterziehen, ob sie all die Geschichten würde ertragen können. Sie ließ sich vom Polizeibüro, das damals die Beweise für die Anklage zusammenstellte, Akten und Berichte zum Fall Eichmann geben. Dann zog sie sich in ein Hotel am Strand von Herzlia zurück. "Ich brauchte einen neutralen Raum", sagt sie. "Eine Woche lang habe ich mit Eichmann gelebt, gegessen, geatmet."

Als der Prozess begann, war Levy-Berlowitz bereits seit 25 Jahren in Israel. Nach dem Krieg hatte sie in London als Assistentin einer Kinderpsychiaterin gearbeitet, die ihr Fallstudien diktierte. Die Psychiaterin pflegte zu sagen: "Wenn Sie anfangen, davon zu träumen, hören wir auf." Dies beherzigte Levy-Berlowitz auch später, als sie sich in Herzlia durch die Hölle las. Sie hatte die Fähigkeit, im richtigen Moment Gefühl und Verstand zu trennen. Die intellektuelle Verarbeitung wurde ihr emotionaler Schutz. Sie träumte nicht von den Grausamkeiten. Nach der Woche im Hotel beschloss sie, im Eichmann-Prozess zu übersetzen.