Washington/Tokyo - Anfang dieses Jahres empfing Chinas Staatspräsident Hu Jintao in Peking den amerikanischen Verteidigungsminister Robert Gates . Drei Jahre lang hatte Gates einen Bogen um China gemacht. Jetzt sollten die militärischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern wieder verbessert werden. Eine Woche später würde US-Präsident Barack Obama in Washington mit seinem chinesischen Amtskollegen zusammentreffen.

Hu möchte, dass der Gipfel ein Erfolg wird. Aber wollen seine Generale das auch? Nur Stunden, bevor sich Gates und Hu in Peking die Hand geben, steigt von einem Luftwaffenstützpunkt im zentralchinesischen Chengdu unter Höllenlärm ein geheimnisumwitterter Militärjet in den Himmel. Chinas neuer Tarnkappenbomber J-20, dem amerikanischen Stealth-Flieger F-22 Raptor nachempfunden, unternimmt seinen ersten Testflug.

Gates fühlt sich düpiert. Warum diese Demonstration militärischer Macht ausgerechnet während seines Besuches? Hu Jintao scheint selbst überrascht. Er habe, sagt er seinem Besucher, von dem bevorstehenden Testflug nichts gewusst.

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Ist das glaubhaft? Weiß der oberste Befehlshaber der chinesischen Streitkräfte nicht, was seine Armee treibt? Das Verhältnis zwischen Hu und dem Militär ist nicht eng, kein KP-Chef hat in der Armee wohl je so wenig Autorität genossen wie er. Und doch: Sollten die Generale ihn wirklich über den Testflug in Unkenntnis gelassen haben, wäre dies ein beängstigender Beleg für die These, Chinas Militärs nähmen sich immer größere Freiheiten heraus.

Tatsächlich scheint die Volksbefreiungsarmee ihre eigenen außenpolitischen Vorstellungen zu haben. "Das Militär hat eine größere Autonomie", sagt der frühere amerikanische Sicherheitsberater Brent Scowcroft. Und weil in der Armee die Zahl der Falken groß ist, im Außenministerium dagegen die Zahl der Tauben, wird in Peking hinter den Kulissen heftiger gestritten, als man dies von einer Einparteienherrschaft erwarten könnte. Eines aber ist klar: Die beiden vergangenen Jahre gehörten den Falken.

Im westlichen Pazifik hat ein neues strategisches Ringen begonnen. Die beiden größten Volkswirtschaften der Welt stehen einander in unverhüllter Rivalität gegenüber. Zwischen China und Amerika wird über die Vorherrschaft in der Region entschieden und damit auch über die Frage, wer die Welt des 21. Jahrhunderts prägen wird – mit seiner Macht, mit seinem Geld und mit seinen Werten.

Als Barack Obama im vergangenen Herbst auf seiner Asienreise demonstrativ China umrundete und in Indien, Indonesien, Südkorea und Japan Station machte, sprach der aus Indien stammende amerikanische Publizist Fareed Zakaria von "Amerikas Eröffnungszug in einem neuen Großmachtspiel, das sich gerade in Asien entfaltet".

Neben den beiden Giganten sind auch die anderen Mächte der Region an diesem strategischen Ringen beteiligt. Russland, Japan, Südkorea, Australien, Indien oder die südostasiatischen Länder sind dabei alles andere als Komparsen. Sie reden bei der Zukunft der dynamischsten Wachstumsregion der Welt ein gewichtiges Wort mit. Nur die Europäer bleiben außen vor. Auch für sie steht wirtschaftlich viel auf dem Spiel; strategisch aber spielen sie keine Rolle.

Wer hat am Pazifik künftig das Sagen? Die Finanz- und Wirtschaftskrise der Jahre 2008 und 2009 hat den Machtanspruch der Vereinigten Staaten erschüttert. China dagegen ist aus der Krise gestärkt hervorgegangen. Entsprechend selbstbewusst – manche sagen: anmaßend – tritt es auf.

Auf dem Einkaufszettel stehen U-Boote, Raketen und ein Tarnkappenbomber

Den wirtschaftlichen Aufstieg der Volksrepublik begleitet eine gewaltige Aufrüstung. Chinas Militärs bekommen fast alles, was auf ihrem Einkaufszettel steht: U-Boote, Raketen und nun den Tarnkappenbomber. Auch in diesem Jahr steigen die Militärausgaben wieder kräftig um 12,7 Prozent. Offiziell liegt der Etat für die 2,3 Millionen Soldaten der Volksbefreiungsarmee damit bei 91,5 Milliarden Dollar. Doch selbst wenn die Ausgaben in Wahrheit doppelt oder gar dreimal so hoch sein sollten, weil viele Posten im Staatshaushalt an anderen Stellen verbucht sind, liegen sie damit immer noch weit unter dem amerikanischen Verteidigungsetat, der in dem am 1. Oktober 2011 beginnenden neuen Haushaltsjahr 671 Milliarden Dollar erreichen soll.

Was will China mit seiner Aufrüstung erreichen? Warum der neue Tarnkappenbomber J-20? Warum die ballistische Anti-Schiffs-Rakete Dongfeng 21D? Warum der geplante, vielleicht schon in diesem Jahr einsatzfähige Flugzeugträger?

US-Verteidigungsminister Gates fürchtet nicht den direkten Kräftevergleich mit den Chinesen. "Wir sollten uns nicht so sehr sorgen, dass sie die USA symmetrisch herausfordern könnten, Flugzeug für Flugzeug, Schiff für Schiff, sondern dass sie die Fähigkeit erlangen, unsere Bewegungsfreiheit und unsere strategischen Optionen einzuschränken."

Klar scheint: Der Ausbau und die Modernisierung von Marine und Luftwaffe haben ein überragendes strategisches Ziel. Im Militärjargon heißt es access denial: China will in der Lage sein, den USA den Zugang zu den Seegebieten vor seiner Küste zu verwehren.

Das Gelbe Meer, das Ostchinesische und das Südchinesische Meer – von der Mandschurei im Norden bis nach Malaysia im Süden bilden sie ein chinesisches mare nostrum . Diese "nahen Seegebiete" reichen bis zur "Ersten Insellinie", die sich von der Südspitze Japans über Taiwan bis zu den Philippinen erstreckt. Hier, vielleicht sogar bis zur weiter östlich bei den Marianen, Guam und Palau verlaufenden "Zweiten Insellinie", möchte sich China die Dominanz sichern. Nicht noch einmal sollen die USA wie bei der letzten Krise im Jahr 1996 zwei Flugzeugträger-Verbände in die Straße von Taiwan schicken können, um China von einem Angriff auf den Inselstaat abzuhalten.

Bei Taiwan ging es aus Sicht Pekings schon immer um ein "nationales Kerninteresse". Das gilt auch für die Zugehörigkeit Tibets und der Provinz Xinjiang zum chinesischen Staatsgebiet. Jetzt taucht der Begriff "nationales Kerninteresse" aber auch im Zusammenhang mit den Territorialkonflikten im Südchinesischen Meer auf. Und das macht die Anrainerstaaten nervös. Vietnam, die Philippinen, Malaysia oder Indonesien wollen sich nicht unter chinesische Kuratel stellen lassen.

Noch werde der Begriff von Peking "nicht offiziell" benutzt, besänftigt Japans Vizeaußenminister Koro Bessho. Inoffiziell ist aber so nachdrücklich von "nationalen Kerninteressen" die Rede, dass jeder begreifen muss, wie ernst es China mit seinem Anspruch auf das Südchinesische Meer ist. "Kerninteressen" stehen nicht zur Diskussion. Bei ihnen geht es um die Souveränität, um das Selbstbild und um das Selbstwertgefühl der chinesischen Nation.

Alles hochsensible Themen. Nach Chinas "Jahrhundert der Demütigungen", das in der kollektiven Erinnerung bis zu den Opiumkriegen Mitte des 19. Jahrhunderts und der erzwungenen Öffnung des Landes durch den europäischen Imperialismus zurückreicht, können sie beim geringsten Anlass die Volksseele hochkochen lassen.

David Shambaugh weiß das genau. Er hat kürzlich ein Jahr in China verbracht. Jetzt sitzt der Politikwissenschaftler in seinem kleinen, penibel aufgeräumten Büro an der George-Washington-Universität, wenig mehr als einen Steinwurf vom Weißen Haus entfernt. Selten seien die amerikanisch-chinesischen Beziehungen so schlecht gewesen, meint Shambaugh. "Die Chinesen zeigen jetzt ihr wahres Gesicht." Und dies sei das Gesicht eines egoistischen, kalt den eigenen Vorteil kalkulierenden Landes. Shambaugh: "Sie kümmern sich nicht um die Normen der globalen internationalen Ordnung."

Chinas aggressives Auftreten habe in Washingtons Asienpolitik zu einer Kurskorrektur geführt: Die Hoffnung der Regierung Obama auf eine Partnerschaft mit Peking sei der "Ernüchterung" gewichen. "China ist dieser Tage sehr von sich überzeugt", klagt Shambaugh. Dabei sei das Land zwar zu einem "globalen Akteur" geworden, keineswegs aber schon zu einer "globalen Macht". Nur wirtschaftlich sei es bisher ein Konkurrent Amerikas, nicht diplomatisch, nicht militärisch, nicht mit seiner soft power .

China will kein wiedervereinigtes, mit Amerika verbündetes Korea direkt an seiner Grenze

Und dennoch: China strotzt vor Selbstbewusstsein. Wie sollte das auch anders sein in einem Land, dessen Wirtschaft drei Jahrzehnte lang um durchschnittlich zehn Prozent im Jahr gewachsen ist? Natürlich hat ein solches Land handfeste Interessen. Seinen Rohstoffbedarf deckt es in der ganzen Welt, noch die übelsten Diktaturen sind als Lieferanten willkommen. Wie für Amerikaner und Europäer, so hat auch für die Chinesen die Sicherung der Erdölimporte oberste Priorität. Also wollen sie die Seewege durch den Indischen Ozean schützen. Im Werben um die Anrainerstaaten haben sie diese beim Ausbau ihrer Tiefseehäfen unterstützt, vor allem in Pakistan, in Myanmar und in Sri Lanka.

Der Schutz der Seewege ist auch einer der Gründe dafür, dass China seinen Anspruch auf die Kontrolle über das Südchinesische Meer rigoros durchzusetzen versucht. Aber der Widerstand der Nachbarstaaten ist groß, zumal es beim Streit um versprengte Eilande wie die Spratly- und die Paracel-Inseln auch um große Öl- und Gasvorkommen geht.

Der Hegemon China treibt die asiatischen Nachbarländer näher zusammen, aber die machen sich nur behutsam auf einen gemeinsamen Weg, Schutz bei Amerika suchend und sich gleichzeitig rückversichernd, dass sie es sich mit China nicht verderben.

Als sich die Außenminister des Asean Regional Forum (ARF) im Juli 2010 in Hanoi treffen, bietet Hillary Clinton im Territorialstreit amerikanische Vermittlung an. Bei ihrem chinesischen Kollegen führt dies zu einem Wutausbruch. Er warnt die Staaten Südostasiens vor der Zusammenarbeit mit auswärtigen Mächten bei der Lösung der Territorialkonflikte. Die Südostasiaten aber hören nicht auf den Chinesen. Sie suchen die Nähe der Vereinigten Staaten, denn sie verspüren, wie ein europäischer Diplomat sagt, "den heißen Atem Chinas im Nacken". Länder wie Thailand, Singapur, Indonesien oder die Philippinen intensivieren heute wieder ihre traditionell engen Beziehungen zu Washington. Erstaunlicher ist, dass sich nun auch Vietnam an Amerika anlehnt und gemeinsame Manöver mit dem alten Kriegsgegner abhält. Die Kriegsschiffe der Amerikaner dürfen sogar wieder den Marinestützpunkt Cam Ranh Bay anlaufen.

Überraschend kommen die gegenseitigen Avancen zwischen Amerika und Chinas Nachbarn nicht. 2010 werde als das Jahr in Erinnerung bleiben, "in dem China begann, sich breitzumachen", schrieb Christian Caryl in der New York Review of Books . Es war auch das Jahr, in dem sich Amerika auf seine Rolle als pazifische Macht neu besann.

Peking verdarb es sich mit Südkorea , weil es nur lau auf den Torpedoangriff eines nordkoreanischen U-Bootes auf die südkoreanische Korvette Cheonan und auf den Raketenüberfall auf die Insel Yeonpyeong reagierte. Und es brachte Japan gegen sich auf, als es Tokyo mit brutalem diplomatischem und wirtschaftlichem Druck zwang, einen chinesischen Kapitän, der betrunken seinen Trawler in die Gewässer um die umstrittenen Senkaku-Inseln gesteuert hatte, aus dem Gewahrsam zu entlassen.

Der Senkaku-Zwischenfall führte dazu, dass Japaner und Amerikaner ihr Militärbündnis neu bekräftigten. Dabei wollte sich die seit September 2009 in Tokyo regierende Demokratische Partei (DPJ) eigentlich von der Schutzmacht emanzipieren. Der erste DPJ-Premier Yukio Hatoyama verlangte den Abzug der US-Marines von der Insel Okinawa; dort protestiert die Bevölkerung schon seit Jahren gegen die Belastungen durch den amerikanischen Luftstützpunkt in Futenma.

Unter Hatoyamas Nachfolger Naoto Kan, dem schwer geprüften Krisenmanager der Erdbeben- und Nuklearkatastrophe, sind die Beziehungen wieder ins Lot gekommen. Die Amerikaner würden das Zweierbündnis gern zu einer Triple-Allianz mit Südkorea erweitern. Aber gegen ein solches Bündnis steht in Korea die Erinnerung an die brutale japanische Kolonialherrschaft und in Japan die Friedensverfassung von 1945. "Ich glaube nicht, dass Südkoreaner und Japaner gemeinsam kämpfen werden", sagt Masashi Nishihara, ehemals Präsident der Nationalen Verteidigungsakademie und heute Direktor des Forschungsinstituts für Frieden und Sicherheit in Tokyo.

Wie sollte das auch funktionieren? Die größte Bedrohung in Ostasien geht vom innerkoreanischen Konflikt aus. Wie sollte Japan an der Seite des Südens auf der Halbinsel militärisch eingreifen können? Ausgeschlossen.

Und doch: Eigentlich müsste Nordkorea mit seinen Atomwaffen und seinen Raketen alle Staaten der Region zu einer Allianz der Vernünftigen zusammenschweißen. Aber China, das den größten Einfluss auf das Regime Kim Jong Ils hat, laviert. Stellte es seine Lebensmittel- und Erdöllieferungen ein, die mörderische Herrschaft des Kim-Clans bräche bald zusammen. Nur, China will kein wiedervereinigtes, mit Amerika verbündetes Korea direkt an seiner Grenze. Also alimentiert es die nordkoreanische Despotie weiter.

Dabei dürfte auch in Peking klar sein: Die nächste Provokation des Nordens kommt gewiss. Südkorea erwartet in Kürze den dritten Atomtest.

Der würde das Wettrüsten in Asien weiter anheizen. Den Aufbau eines neuen Bündnissystems hat aber selbst das nordkoreanische Nuklearprogramm bisher nicht beschleunigt. Die Sicherheitsstrukturen in Asien unterscheiden sich bis heute grundlegend von denen in Europa. Sie beruhen seit dem Kalten Krieg auf bilateralen Verteidigungs- und Kooperationsabkommen mit den Amerikanern. Ein System kollektiver Sicherheit nach dem Muster der Nato schien nie möglich – auch deshalb, weil die Vergangenheit noch immer allgegenwärtig ist. Der Nationalismus blüht, wie sich Europäer das kaum noch vorstellen können. Wie also lässt sich der Machtanspruch der Volksrepublik zähmen?

Eine Politik des containment, der Eindämmung, macht gegenüber China, anders als einst gegenüber der Sowjetunion, keinen Sinn. Denn China will die vom Westen geprägte internationale Ordnung nicht sprengen, es will an ihr teilhaben – wenn auch nicht immer nach den etablierten Spielregeln. Tatsächlich hat kein Land mehr Gewinn aus der kapitalistischen Globalisierung gezogen als die offiziell noch immer kommunistische Volksrepublik. China ist eine realpolitische, keine revolutionäre Macht. Der in Washington an der Brookings Institution forschende Richard Bush sagt bündig: "Die Eindämmung Chinas war nie eine Option."

Die Chinesen allerdings nehmen die Politik Amerikas durchaus als Eindämmung wahr. Die Militärallianzen mit Japan und Südkorea, das Atomabkommen mit Indien, die gemeinsamen Manöver: Dient nicht alles dem Ziel, Chinas Macht zu begrenzen?

Wie lange soll eine fremde Macht den Frieden in Asien garantieren?

Amerika gönnt China seinen Aufstieg nicht – davon ist die Führung in Peking, ist auch ein Großteil der Bevölkerung überzeugt. Selbst in der Verleihung des Friedensnobelpreises an den Literaturkritiker und Dissidenten Liu Xiaobo vermochten viele Chinesen nichts anderes zu erkennen als eine amerikanische Verschwörung.

Ein kluger Analytiker der gegenwärtigen Machtkonstellation in Fernost ist der Politikwissenschaftler Yoshihide Soeya, der das Institut für Ostasienstudien an der Keio-Universität in Tokyo leitet. Er sagt, China habe die bestehende "liberale internationale Ordnung" akzeptiert. "China will in unserem System bleiben. Es versucht allerdings, das System von innen her zu verändern."

Soeya setzt auf den Wandel in China. "Ich glaube nicht, dass wir bestimmen können, wohin China geht. Lasst das die Chinesen selber tun!" Das Ziel westlicher Politik müsse eine chinesische "Zivilgesellschaft" sein.

Der Aufstieg Chinas zu einer Amerika ebenbürtigen Weltmacht wird es mit sich bringen, dass die Volksrepublik ihre Interessen noch selbstbewusster wahrnehmen wird. Daran allein ist noch nichts Beunruhigendes. Auf die Dauer ist es sogar ein Anachronismus, dass Stabilität und Frieden in Asien durch eine auswärtige Macht gesichert werden sollen. Irgendwann wird die asiatische Ordnungsmacht Amerika Geschichte sein. Aber so weit ist es noch lange nicht. Noch ist Amerika unentbehrlich, vielleicht sogar für China selbst.

Mag in Europa das Interesse an der Geopolitik erlahmt sein – am Pazifik ist es hellwach geblieben. Auch für Condoleezza Rice, die Außenministerin von George W. Bush, hatte "die Verteidigung des Pazifiks" überragende strategische Bedeutung. Unter Bush allerdings war die Aufmerksamkeit der Amerikaner als Folge der Anschläge vom 11. September auf den Mittleren Osten und auf die Kriege im Irak und in Afghanistan fixiert. Nun, unter Obama, richtet sich der Blick wieder nach Fernost. Viel ist von einer "Rückkehr Amerikas" nach Asien die Rede.

Das mag übertrieben sein. Aber Obama ist bewusst, dass es keine wichtigere strategische Beziehung gibt als die zu China, zu dem Land, das Amerika schon im kommenden Jahrzehnt als die größte Wirtschaftsmacht der Welt ablösen könnte. Wirtschaftlich haften die beiden Länder wie zwei Kletten aneinander, verbunden durch chinesische Exportrekorde und durch amerikanische Rekordverschuldung. Ordnungspolitisch entscheidet sich zwischen ihnen beiden, ob die liberale Marktwirtschaft obsiegen wird oder der autoritäre Staatskapitalismus. Im Augenblick ist das Rennen offen.

Eines allerdings ist gewiss: Das Ende des amerikanischen Jahrhunderts zeichnet sich ab, eine dramatische welthistorische Zäsur. Das pazifische Jahrhundert wird, wenn es gut geht, eines der friedlichen amerikanisch-chinesischen Koexistenz sein. Wenn es schlecht läuft, könnte aus dem jetzt schon zu beobachtenden Wettrüsten ein erbitterter Machtkampf werden. Eine kriegerische Konfrontation bleibt jedoch unwahrscheinlich. Der Rivalität der beiden Mächte fehlt der tödliche Antagonismus des 1989 überwundenen Ost-West-Konflikts.

Es gibt Stimmen, die nicht so zuversichtlich sind. Charles Freeman etwa, der in Washington am Center for Strategic and International Studies (CSIS) forscht, meint: "Es liegt in unserer DNA, sowohl der amerikanischen als auch der chinesischen, dass es zum Konflikt kommen wird. Alles ist dafür vorbereitet. Erstaunlich ist, wie friedlich es bisher geblieben ist."

Wenn China in den vergangenen beiden Jahren Amerikas Behauptungswillen in Asien testen wollte, dann immerhin ist klar: So leicht lässt sich die alte Supermacht von der neuen nicht verdrängen. Zwei Mächte, die fest an ihren einzigartigen Rang unter den Nationen glauben, messen ihre Kräfte – wirtschaftlich, politisch, geistig und eben auch militärisch. "Die beiden Versionen des Exzeptionalismus miteinander zu versöhnen", schreibt Henry Kissinger, der vor vierzig Jahren Richard Nixons Reise nach Peking vorbereitete, "ist im chinesisch-amerikanischen Verhältnis die größte Herausforderung."