Vielleicht wäre mit einem Kahn ja alles anders gekommen. Denn das wollte Henriette Vogel, sobald sie die tolle Aussicht aus ihrem Zimmer im zweiten Stock von Stimmings Krug gewahr wurde: Kahn fahren, über den Kleinen Wannsee, "nach dem jenseitigen Ufer", hinüber zur Heinersdorffschen Heide. Vielleicht hätte so eine kleine Bootspartie den Lauf der Dinge noch einmal geändert, das sanfte Wiegen des Boots ihren Entschluss untergraben; eine Hand im Wasser ihren Lebensmut erfrischt; der Blick über den See, das weite "Havelmeer", ihr trotz der schweren Krankheit neue Perspektiven eröffnet.

Aber, ach, es war kein Kahn in der Nähe zu haben an jenem kalten 20. November 1811. Man könne aber auch recht gut zu Fuß auf die andere Seite gelangen, sagte Friederike Stimming, ihre Wirtin, und so nahm denn alles seinen in zahlreichen Polizeiprotokollen hinreichend dokumentierten, tragischen Lauf: Abendbrot im Gasthof, um 4 Uhr und um 7 Uhr früh am nächsten Morgen je eine Portion Kaffee auf dem Zimmer, im Verlauf des Vormittags ein paar Tassen Bouillon, letzte Briefe schreiben und per Boten nach Berlin senden, Spaziergang vor dem Gasthof, Umherspringen auf der Kegelbahn desselben, ohne die geringste Unruhe, Furcht oder Betrübnis erkennen zu lassen. Dann zu Fuß auf die andere Seeseite, Steine ins Wasser werfen, noch einmal Kaffee bestellen, den die Wirtin samt Tisch und Stuhl durch den Tagelöhner Riebisch hinübertragen lässt. Darüber hinaus Verzehr von spirituösen Getränken: drei Bouteillen Wein und Rum für acht Groschen. Schließlich, um kurz nach 15 Uhr, schießt der ehemalige preußische Leutnant Heinrich von Kleist seiner Freundin Henriette Vogel, geborene Kaeber, direkt ins Herz. Danach jagt er sich selbst ein Stück Blei von der Größe einer Bohne durch den Mund in den Kopf. "Und das an einem Tage, wo die ganze Natur in dusteren Nebel gehullt trauerte, gleichsam ahndend den unersetzlichen Verlust", wird später Ernst Friedrich Peguilhen im Nachruf auf seine Freundin Henriette schreiben.

Peter Friedel: Bildnis Heinrich von Kleist, 1801, Zeichnung, Dresden, Sammlung Otto Krug

Auch heute, 200 Jahre nach dem spektakulären Doppelselbstmord des Dichters und seiner unheilbar krebskranken Freundin, ist ein Kahn nicht leicht zu haben an dieser Stelle, wo der Große Wannsee an seinem äußersten Ende ganz schmal und südlich der Brücke zum Kleinen Wannsee wird. Klar, Boote gibt es mehr als genug. Weit fingern die Stege des Jachthafens Nixe in den See hinein, und gleich nebenan, nächst der Stelle, wo einst Stimmings Krug stand, hat sich der Potsdamer Jachtclub breitgemacht. Das Klackern von Drahtseilen an Segelbootmasten erfüllt die Luft, und auch die Ausflugsdampfer liegen frühlingsfrisch bereit an den diversen Brücken der Anlegestelle Wannsee. Aber ein Kahn, ein Ruderboot, ganz romantisch, um Henriettens gescheiterte letzte Fahrt nachzuholen, ihr und ihrem Gefährten im Tode zu Ehren? Da kann nur Günter Rietzschel helfen.

Seit fünf Jahren betreibt der 60-Jährige den Bootsverleih am Strandbad Wannsee, den einzigen, der noch ein nennenswertes Angebot von guten, alten Ruderbooten vorhält. Von Kleist weiß Herr Rietzschel nicht mehr, als dass der 200 Jahre tot ist, das stand im Internet. Ansonsten: War der nicht ein Doktor?

Nein, erst war er Soldat und dann nichts mehr richtig, Studium abgebrochen, Möchtegernbauer, Finanzbeamter, Zeitschriftenherausgeber, Dichter (zu Lebzeiten mit mäßigem Erfolg). Einer, dem "auf Erden nicht zu helfen war", weshalb er mit "unaussprechlicher Heiterkeit" in den Tod ging, wie er selbst schreibt, im berühmten Abschiedsbrief an die Schwester Ulrike. Doch vom Selbstmord hat Herr Rietzschel noch nicht gehört. Er hat auch Wichtigeres zu tun im Moment. Die Saison beginnt, und noch ist sein Areal nicht vollständig aus dem langen Winterschlaf erwacht. Der schmale Fußweg, der eng am Zaun des Strandbads zu seinem Anleger hinabführt, ist schon säuberlich geharkt. Aber unter den gewaltigen Pappeln am Ufer liegt noch jede Menge Treibgut. "Bis zuletzt hatten wir Hochwasser", sagt Herr Rietzschel, sogar den Betonsockel seines Büro- und Kassencontainers hat er flicken müssen. Die 22 blau-weißen Tretboote liegen noch akkurat aufgebahrt am Strand, und auch am hölzernen Steg, der über das flache Uferwasser hinausführt in Regionen, die befahrbar sind, fehlen noch ein paar Meter. Aber am äußersten Pfosten liegt er schon vertäut, der Kahn für Kleist, einer von sechsen, die Rietzschel vermietet und die er auf Vorbestellung auch dann gerne zu Wasser lässt, wenn die Saison noch nicht richtig begonnen hat.

Aber, ach, wo ist es jetzt, das Stolper Loch, wie der Kleine Wannsee damals hieß? Und jener Hügel hart an seinem Ufer, auf dem die Freunde, die wohl kein Liebespaar waren, sich entleibten? Der Gasthof des Coffetiers Stimming existiert schon lange nicht mehr, abgerissen 1870 für das prächtige Sommerhaus des Bankiers Wilhelm Conrad, der auf den Ländereien des Wirtshauses die Villenkolonie Alsen gründete. Doch auch seiner neoklassizistischen Trutzburg waren nur 100 Jahre beschieden, dann musste sie der Betonbrutalmoderne jener Jahre weichen. Vielleicht ist es ja ein Zeichen höherer Gerechtigkeit, dass diese unter dem Namen Wannseeblick firmierende Scheußlichkeit eines Hotel-Restaurants inzwischen auch schon wieder brachliegt...

Kurzum: Für die Orientierung zur Fahrt über den See bleibt vorerst nur die Friedrich-Wilhelms-Brücke, wie sie damals hieß. Doch wie weit scheint die entfernt, einen Kilometer Luftlinie, mindestens! Und wie garstig türmt der stramme Aprilwestwind auf dem "weiten und breiten heiligen See", wie Kleists Zeitgenossen ihn nannten, Welle an Welle! "Fahren Sie erst mal gerade rüber, bis Sie in den Windschatten kommen", rät Herr Rietzschel, "dann geht es leichter." Also Kurs auf das Haus der Wannseekonferenz, wo die Nazis den Judenmord planten, vorbei an der Villa des Malers Liebermann mit ihrem Zaubergarten und dann immer am Ufer entlang. In mühsam ruderndem Zickzack geht es voran, während die Blasen an den Handflächen wachsen und gedeihen. Zum Glück herrscht auf dem See noch wenig Verkehr, nur ein paar alte Herren in ihrem schnittigen Vierer-Ruderboot flitzen, sauber durchziehend, vorbei.

 

Endlich ist sie da, die ominöse Stelle, nicht zu verfehlen, weil ein blaues Schifffahrtszeichen auf gewaltigem Eisenpfosten unmittelbar davor steht: Kleiner Wannsee. Siemens-Villa. Kleist-Grab. Das muss aber auch angeschlagen sein, sonst würde man glatt vorbeirudern an dem struppigen Streifen Land, den die Protzbauten zweier Rudervereine in die Zange nehmen. "Wol eine der stillschönsten Gegenden weit und breit" sei das, schrieb Ferdinand Grimm 1818 an seine berühmten Brüder Jakob und Wilhelm. Davon kann natürlich längst keine Rede mehr sein; von der B1, der A115 und der nahen Bahntrasse brummt und summt es unablässig herüber. Und vielleicht wird schon bald auch noch Fluglärm dazukommen; die Anwohner der Bismarckstraße, an der Kleists Grab heute liegt, protestieren jedenfalls schon mit Plakaten an ihren Gartenzäunen gegen die geplanten Einflugschneisen des neuen Berliner Großflughafens. Nur die Buchfinken und Schwanzmeisen, deren Gesang schon Ferdinand Grimm rühmte, fühlen sich immer noch heimisch und bauen zwitschernd an ihren Nestern.

Drei schlichte Bänke erwarten den Ruderer am Ufer, braun wie der Überrock, den Kleist am Tag seines Todes trug. Henriette starb ganz in Weiß, in Batistkleid, Glacé-Handschuhen und "sehr feiner Leibwäsche". In einer kleinen Grube am Hang des rasch ansteigenden Geländes hatte man die Toten gefunden, "den freundlichen Blick wie im Leben zum Himmel gerichtet". Weil Selbstmördern eine offizielle Bestattung auf dem Friedhof verwehrt war, wurden sie nach der Obduktion an Ort und Stelle "der sicheren Burg der Erde übergeben", wie sie das in ihrem Abschiedsbrief nannten; die Särge hatte Henriettes Mann Louis aus Berlin kommen lassen.

Mit der Grabpflege haben sich seither alle Generationen schwergetan. Schon Ferdinand Grimm fand die Pappeln um die letzte Ruhestätte herum verdorrt; Fontane schrieb nach einer Wanderung zur "vielbesuchten Pilgerstätte", sie zeige "denselben düstren Charakter wie das Leben, das sich hier schloß". Der Lehmhunger einer nahen Ziegelei nagte so heftig an dem Hügel, dass nicht mal mehr sicher ist, ob die Gebeine nicht irgendwann einfach abgebaggert wurden. Und dass in der Kleist-Forschung bis heute darüber gestritten wird, wo genau nun die Tat geschah und die Leiber bestattet wurden, versteht sich fast von selbst. Den ursprünglichen Grabstein entsorgten die Nazis, weil die Verse darauf von einem Juden stammten, Max Ring: "Er lebte, sang und litt / in trüber schwerer Zeit, / er suchte hier den Tod, / und fand Unsterblichkeit". Seither steht neben den Lebensdaten nur eine Zeile aus Kleists Stück Prinz Friedrich von Homburg auf dem schlichten Stein: "Nun, o Unsterblichkeit, bist du ganz mein". Henriette Vogel, für ihre Freunde "ein Gebilde der vollendeten Weiblichkeit", wurde lange Zeit ganz verschwiegen; nun nennt ein kleines Täfelchen zu Füßen des Dichtersteins wenigstens ihren Namen, und eine mächtige Eiche behütet die letzte Ruhe der beiden, die eine Sympathie der Seelen verband. Der Rest ist Tristesse: kein Hinweis, keine Würdigung dieses außerordentlichen Dichterlebens, verlegene Wege aus schwarzem Sand, graue Bürgersteigplatten auf dem Grab, im Gestrüpp drum herum Sixpack-Verpackungen.

Doch das soll nun alles anders werden. Nachdem ein internationaler Wettbewerb zur Neugestaltung des Geländes scheiterte, hat die Stiftung der Verlegerin Ruth Cornelsen gewaltige 450.000 Euro bereitgestellt, was den so lange säumigen Berliner Senat vielleicht beschämte und in jedem Fall bewog, noch einmal 180.000 Euro dazuzugeben, damit der Ort endlich so aussehen kann, wie er es verdient. Der Berliner Gartenbaudirektor Klaus von Krosigk schwärmt schon davon, was die Kleist-Pilger spätestens von September an werden erleben können. "Wir werden nicht gärtnern!", ruft er, "wir werden die Schönheiten der märkischen Landschaft wieder erfahrbar machen!"

Die Sicht aufs Wasser hat von Krosigk schon freischlagen lassen, und auch den "Aufmarschplatz" vor dem Grab will er "naturnäher" gestalten; zudem konnten weitere Grundstücke für den Park dazugewonnen werden. Ein Kleist-Weg soll nun von Stimmings Krug, aber auch von der S-Bahn-Station Wannsee und dem Bootsanleger zunächst am Wasser entlang und dann durch ein Eichenwäldchen zum Grab führen, flankiert von Info-Tafeln, Hörstationen und was die Museumspädagogik sonst noch bietet. Einzig der nächste Nachbar, der Schülerruderverband Wannsee, stellt sich bockig quer und will partout kein Wegerecht einräumen. Dafür wird der Streit um die Inschrift – darf die Nazi-Variante bleiben? – salomonisch gelöst: Der Stein wird um 180 Grad gedreht und Rings alter Vers auf die freie Seite neu graviert.

Nur ein Kahn wird auch in Zukunft an dieser Stelle nicht leicht zu haben sein. Doch der Wahrheit die Ehre: Er hätte die beiden wohl auch nicht mehr gerettet. Zu wild entschlossen waren sie, zu perfekt war alles geplant; sogar wer ihrem Mann zukünftig die Wäsche machen sollte, hatte Henriette Vogel geregelt. Sie hätten "die Auflösung ihrer Körper für das hoechste Glück angesehen und danach gestrebt", gab Freund Peguilhen am Tag nach der Tat zu Protokoll. Uns Nachgeborene tröstet ein anderes Glück: dass auch zwei rasende Jahrhunderte nicht gänzlich zerstören konnten, was die Todesgefährten als letzten Erdenmoment genießen wollten – den Blick über den Wannsee.

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