Wer in dem weißrussischen Dörfchen Kalinino Zeichen des Lebens sucht, muss zum Friedhof hochsteigen. Die Gräber liegen unter Birken auf einem Hügel. Manchmal kommen Besucher und legen Plastikblumen ab. Das Grabkreuz von Alexander Pawschuk trägt eine Metalltafel mit seinen Lebensdaten: geboren am 30. April 1986 – vier Tage nach dem Atomunfall von Tschernobyl. Keine vier Jahre später, am 25. August 1989, starb er. Mehr ist im Dorf über das Schicksal des Jungen nicht zu erfahren. Kalinino gibt es nicht mehr. Nur der Friedhof blieb übrig.

Wind und Regen haben vor 25 Jahren über 200 Kilometer Entfernung aus Tschernobyl zu viel Radioaktivität hergetragen. Die Häuser von Kalinino wurden abgerissen und in Erdlöcher geschoben. Nur an einer Stelle sind noch Mauerreste zu erkennen. Jenseits des Friedhofs, hinter einer Hecke, findet sich ein kleiner Acker. Jemand hat ihn kürzlich umgepflügt. Die Erde, so verstrahlt sie auch sein mag, soll wieder Früchte tragen.

Die Explosion im Reaktorblock 4 des ukrainischen Atomkraftwerks von Tschernobyl hatte große Mengen radioaktiver Stoffe in die Atmosphäre geschleudert. Weißrussland litt am stärksten: Fast ein Viertel seines Bodens wurde verseucht. 338.000 Menschen siedelten zwangsweise oder auf eigene Initiative um. Kein Land müsste der Atomkraft so ablehnend gegenüberstehen wie Weißrussland, scheint es. Dennoch will der autoritäre Präsident, Alexander Lukaschenko , ein neues Atomkraftwerk bauen. Hat er Tschernobyl bereits verdrängt?

In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre war Tschernobyl für Lukaschenko ein zentrales Thema: Unermüdlich bereiste er die kontaminierten Gebiete. Doch im vergangenen Jahrzehnt baute er sich ein neues Image auf. Er gab fortan den Bewahrer der nationalen Identität und Größe. Das geplante Kraftwerk in Ostrowez , 50 Kilometer von der litauischen Grenze entfernt, passt nach Lukaschenkos sowjetisch geprägtem Denken dazu: Er will sich anderen Atomstaaten gegenüber gleichrangig fühlen. Die Wirtschaftlichkeit von Ostrowez spielt dabei keine Rolle. Der geplante Stromexport über Litauen in die Europäische Union ist fraglich. Die Abhängigkeit von russischen Gasimporten lässt sich mit Atomstrom kaum verringern. Dafür begibt sich Lukaschenko in eine neue Abhängigkeit: Russland soll das Atomkraftwerk finanzieren und bauen. Der Betrieb, von den Brennstäben bis zur Atommüllentsorgung, hinge völlig von Moskau ab.

Für die Propagandisten der Atomkraft ist die Erinnerung an Tschernobyl ein Störfaktor. Viele Daten zur Gesundheit der weißrussischen Bevölkerung bleiben deshalb geheim. Landkarten zur Verstrahlung einzelner Regionen verschwinden aus dem Internet. Sozialleistungen für Kinder aus den betroffenen Gemeinden und für die knapp 200.000 Weißrussen, die nach dem Unglück als "Liquidatoren" in den Fallout-Gebieten aufräumen mussten , wurden gestrichen. Das staatliche Programm der "Wiedergeburt der heimischen Erde" suggeriert, dass die strahlende Hinterlassenschaft verschwindet. Gut acht Prozent der einst verseuchten Böden gelten offiziell wieder als nutzbar. Die nachatomare Neulandgewinnung ist vor allem ein politisches Symbol, denn die landwirtschaftlichen Produkte werden wegen der notwendigen Bodenpflege mit Spezialdünger und der besonderen Fruchtfolge der Felder nicht konkurrenzfähig sein.

Das Staatsfernsehen zeigt die Einweihung neuer Kliniken und glückliche Menschen in den verstrahlten Gebieten. Die einseitige Information zeigt Wirkung. Am geplanten Standort Ostrowez hoffen viele Menschen, darunter sogar Umsiedler aus den radioaktiv verseuchten Gebieten, Arbeit durch den Kraftwerksbetrieb zu bekommen. Offener Protest beschränkt sich auf das Internet. Wenn Anti-Atom-Aktivisten aus Minsk nach Ostrowez aufbrechen, um Flugblätter zu verteilen, endet ihre Reise meist auf der örtlichen Polizeiwache. "Ostrowez, nein danke!"-Aufkleber werden unter dem Tisch weitergereicht.

Zwar hat das Tschernobyl-Unglück Ende der achtziger Jahre eine demokratische Protestwelle ausgelöst. Doch der Überlebenskampf, den die Menschen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gegen den sozialen Niedergang und die Strahlengefahr führten, zerrieb alle demokratischen Ansätze wieder. 

Das Atomkraftwerk von Ostrowez dürfte erst infrage stehen, wenn Lukaschenko nicht mehr Präsident ist. Zwar deutet sich in Weißrussland eine tiefe Krise an, da die Devisenreserven fast erschöpft sind und das Land in der Schuldenfalle sitzt. Aber ein weiterer Kredit aus Russland soll das Loch kurzfristig stopfen. Bei einer wirtschaftlichen Talfahrt müsste Lukaschenko vor allem eine Palastrevolution durch seine Gegner in der politischen Elite fürchten. Dann wäre der Weg für eine neue Atompolitik, hoffen weißrussische Umweltschützer, frei. Johannes Voswinkel