Geld stinkt nicht, aber man kann es riechen. Ganz unten, am südlichen Rand der Republik, wo die Schweiz aufhört und Deutschland anfängt, steht Votan vom Bajohr hinter einem silbernen Peugeot und schnuppert. Er kneift die Augen zusammen, läuft einmal um den Wagen herum, dann steigt er auf den Sitz. Er atmet jetzt schneller. Kann sein, dass die Scheine im Stoff stecken. Vielleicht auch in der Nackenstütze. Oder unter dem Armaturenbrett.

Wenn da aber irgendwo Geld ist, dann wird Votan vom Bajohr es finden. Keiner beim deutschen Zoll hat eine Nase wie er.

Grenzübergang Weil am Rhein, sechs Kilometer nördlich von Basel. Hier, am Ende der A6, steht das größte Straßenzollamt Mitteleuropas. 55.000 Menschen fahren jeden Tag vorbei. Touristen sind unter ihnen – und Steuerhinterzieher . Die einen waren in den Bergen, die anderen bei den Banken.

Von Zeit zu Zeit winken die Zöllner einen Wagen heraus und führen den zweijährigen Votan vom Bajohr durch das Auto, einen schwarzhaarigen Deutschen Schäferhund, abgerichtet auf den Geruch von Bargeld.

Manchmal findet er mehrere Hunderttausend Euro, steuerfreien Ertrag aus Zürich und Liechtenstein, von denen das Finanzamt nichts wissen soll. Manchmal sucht er vergeblich, wie bei dem silbernen Peugeot. Mehr als Stichproben aber sind nicht drin.

Die meisten kommen durch.

Die Geldschmuggler kehren zurück in ein Land in Geldnot. Im Deutschland des Jahres 2011 sind die Straßen voller Schlaglöcher, schließen Städte ihre Bibliotheken, werden Schwimmbäder mit kühlerem Wasser gefüllt, das ist billiger. Trotzdem steigen die Staatsschulden um 2300 Euro pro Sekunde.

Verursacher der öffentlichen Armut sind schnell gefunden. Verschwenderische Politiker fallen einem ein und Banker, die der Welt die größte Finanzkrise seit 80 Jahren bescherten. Von anderen Schuldigen ist seltener die Rede: den Bürgern.

Genauer, jenen Bürgern, die den Staat belügen. Den Steuerhinterziehern, Schwarzarbeitern und Sozialhilfeerschleichern. Kriminelle sind es manchmal, die den Betrug als Beruf sehen. Sehr oft aber auch ganz gewöhnliche, scheinbar ehrenwerte und biedere Leute.

Zum Beispiel: Waltraud und Konrad K., beide Ende 70, graue Haare, verheiratet seit 45 Jahren (Namen geändert).

Der Moment, in dem die K.s dem Staat die Gefolgschaft aufkündigten, ist nicht leicht zu bestimmen, sie äußern sich nicht dazu. Nur dass der Zeitpunkt viele Jahre zurückliegt, ist sicher. Herr K. arbeitet damals als Wirtschaftswissenschaftler, Frau K. ist Steuerbevollmächtigte, Kinder haben sie nicht, dafür fällt Konrad K. eine Erbschaft zu, so kommt ein kleines Vermögen zusammen. Das Ehepaar K. hat Geld anzulegen.

Sie könnten ein paar Wertpapiere kaufen und auf die Erträge ein wenig Steuern zahlen. Es wäre der ehrliche Weg. Er würde nicht in die Armut führen.

Waltraud K. hat aber eine bessere Idee. Fast jeden Tag hat sie im Auftrag ihrer Klienten mit der Finanzverwaltung zu tun. Sie kennt einen Ort, bis zu dem der Blick der Behörden nicht reicht. Liechtenstein. Dorthin bringen die K.s ihr Geld. Dort vermehrt es sich, steuerfrei, von Jahr zu Jahr, bis auf 800.000 Euro.

Das Ende ist da, als eines Tages in einem Einfamilienhaus in Niedersachsen die Türglocke läutet. Gardinen hängen an den Fenstern, ein Mercedes steht vor der Tür. Hier wohnt das Ehepaar K. zu zweit auf 130 Quadratmetern. Es ist keine schlechte Gegend, aber auch kein Reichenviertel. Ingenieure leben hier, Architekten, Bankkaufleute, gehobener Mittelstand.

Die K.s haben Steuern hinterzogen. Von Reue ist nach dem Prozess keine Spur

Die K.s öffnen die Tür. Zwei Männer stehen vor ihnen. Steuerfahndung.

So finden sich Waltraud und Konrad K. im Spätwinter des Jahres 2011 im Sitzungssaal 2283 des Amtsgerichts Hannover wieder. 60.000 Euro beträgt ihre Steuerschuld, auf 5000 Euro wird der Richter die Strafe festlegen, er spricht von Gier. Mit gesenktem Blick sitzen die K.s nebeneinander, sie bekunden ihr Bedauern.