Sein Lieblingsthema ist die Moral. Ist sie das Produkt von Genen und Entwicklung oder von Kultur und Erziehung? Dieser Frage geht der Evolutionspsychologe Marc Hauser seit vielen Jahren an der amerikanischen Harvard University nach. Sein großes Buch zum Thema ist bereits angekündigt und sagt schon im Titel, welche Antwort Hauser geben will: Herrlich böse – warum wir von Natur aus schlecht sind.

Zeit zum Schreiben hat der Forscher gegenwärtig mehr als sonst. Seine Universität hat ihn beurlaubt. Hauser wird in mindestens acht Fällen wissenschaftliches Fehlverhalten vorgeworfen . Mitarbeiter hatten sich bei der Hochschulleitung beschwert, weil der Professor bei seinen Versuchstieren Fähigkeiten sah, die andere Beobachter nicht nachvollziehen konnten. Hauser beharrte jeweils auf seiner Sichtweise. Beweisen konnte er sie im Nachhinein oft nicht. Mal fehlten die Rohdaten seiner Versuche, dann waren – so Hauser – die Videobänder der Experimente gestohlen worden.

Inzwischen hat Hauser eine Publikation zu seinen Affenversuchen rasch und unauffällig zurückgezogen, eine weitere nachträglich um fehlende Daten ergänzt, fünf Arbeiten sind gar nicht erst erschienen. In dieser Woche veröffentlicht das Magazin Science die Wiederholung eines Experiments, welches das Fundament von Hausers Theoriegebäude untersucht: Welche Affenarten können die Absichten ihres Gegenübers erfassen? Ist Empathie erst bei den höher entwickelten Schimpansen erkennbar, oder zeigen schon die deutlich primitiveren Rhesusaffen so etwas wie Einfühlungsvermögen?

Dazu versteckten Hauser und sein Kollege Justin N. Wood einen Apfel in einem von zwei Eimern, verborgen hinter einem Sichtschutz. War die Sicht wieder frei, machten die Forscher eine verräterische Geste. Würden die Affen darauf reagieren? Das Ergebnis der ursprünglichen Publikation: Rhesusaffen können Gesten interpretieren. Das Problem: Auch hier fehlten die Rohdaten der Beobachtungen. Nun zeigt die Überprüfung: Die Aussage war richtig.

Ist Hauser damit rehabilitiert? Die aktuelle Publikation, betont Science - Herausgeber Bruce Alberts, habe dazu gedient, die Originalbefunde zu replizieren. Über die grundsätzliche Auseinandersetzung zwischen Harvard und Hauser sage sie nichts aus.

Tatsächlich reichen die Vorwürfe deutlich weiter. Marc Hauser hat offenbar mehrfach versucht, Beobachter und Beobachtungen seiner Tests zu manipulieren, das erwünschte Ergebnis quasi herbeizuexperimentieren. Er hat sein wissenschaftliches Weltbild nicht objektiv prüfen wollen, sondern mit subjektivem Blick nach Belegen gesucht. Dass nun ein Puzzlestein seiner Weltsicht an der richtigen Stelle liegt, sagt vielleicht etwas über die Qualität seiner Thesen. Der besondere Blick des Marc Hauser aber ignoriert weiterhin das zentrale Prinzip wissenschaftlichen Arbeitens: den Zweifel.