Lady Celestria Noel, die ich vor meiner ersten Begegnung mit einem Lord ratsuchend anrufe, kichert in ihr Telefon. "Einen Knicks? Sie treffen doch nicht die Queen!", ruft die Aristokratin, die in die Welt der Etikette, der endlosen Codes, hineingeboren ist. Sie ist als Autorin von Benimmratgebern darin geübt, die feinen Regeln der Upperclass für das Fußvolk zu übersetzen. "Natürlich kann ich jetzt anfangen, Ihnen die Fauxpas aufzuzählen – sagen Sie nie toilet, immer loo, nie couch, immer sofa. Seien Sie nie zu höflich, sagen Sie nicht ›Sie ist leicht übergewichtig‹, sagen Sie ›Sie ist fett‹." Sie unterbricht sich selbst: "Aber in diesem Fall: Seien Sie einfach normal. Sprechen Sie ihn nur immer schön mit Lord an. Mit welchem sind Sie denn eigentlich verabredet?" Ich nenne ihr den Namen. Am Telefon herrscht Stille. Stimmt etwas nicht?

"Ach, nein, es ist nichts... Dieser Lord, er ist nur etwas sehr ... exzentrisch." Sie kichert noch lauter und legt auf.

Die 830 Mitglieder, deren Fotos die Internetseite des House of Lords auflistet, scheinen alle schuppenfrei zu sein. "Gehen Sie immer nach dem Aussehen", hatte mir ein London-Kenner den Lord-Code erklärt, mit dem die aristokratischen Urgesteine zu erkennen seien. "Der ganz Unscheinbare, der, dem die Schuppen aus den schütteren Haaren auf den mottenzerfressenen Cordanzug rieseln, das ist Ihr Mann." Die honorigsten aller Lords wirkten verlottert, das traditionelle Understatement trieben sie auf die Spitze, indem sie sich im Look des traditionellen Gentlemans gehen ließen. Oder sie seien wirklich verarmt, so genau könne man das nicht erkennen.

Dass einige von den im englischen Oberhaus regierenden Adeligen wahre Lords sind, lässt sich höchstens davon ableiten, dass sie abstrus lange Titel tragen, die phonetisch irgendwo zwischen dem Reich der Hobbits und Evelyn Hamanns Verhaspelungsmarathon liegen.

The Right Honourable Lord Merlin Charles Sainthill Hanbury-Tracy, 7th Baron Sudeley, steht schon lange nicht mehr auf diesen offiziellen Listen, er war nur über etliche Ecken und eine Reihe alter Diplomaten auffindbar. Er musste das House of Lords 1999 verlassen, Tony Blair war schuld. Dessen Reform reduzierte damals die Zahl der Erbadeligen, der hereditary lords, von 708 auf 92. Die Sitze gingen nun an life peers, die nicht qua Geburt, sondern aufgrund besonderer Leistungen von der Queen geadelt worden waren. Nach 39 Amtsjahren musste Lord Sudeley Platz für die neuen Lords machen.

"Hello", begrüßt er mich mit festem Händedruck, seine buschigen Augenbrauen schnellen kurz in die Höhe, langsam dreht er sich um und schlurft zurück in die Dunkelheit eines endlos langen, vollgestellten Flures. Während andere Londoner draußen auf den Straßen nahe der Oxford Street ihren Lunch in der Mittagssonne einnehmen, ist es in der Wohnung des 72-Jährigen kalt und düster.

"Heißen Sie wirklich Merlin?", frage ich in das Dunkel hinein, in dem sich langsam eine unglaubliche Landschaft abzeichnet: wie fünf Antiquitätenläden in einen gepresst, Ahnenbilder, Reiterfotos, verstaubte Teppiche, Gemälde riesiger Schlösser, schwere Kerzenständer. "Wie der Zauberer, ja", lacht Lord Sudeley und biegt in ein Zimmer ab.

Der Lord spricht ein altes, feines Englisch, garniert mit Nuscheln und Stottern, sodass er nur bei großer Konzentration zu verstehen ist. "Langsam! Und deutlich", ermahnt auch Tatjana, eine Russin um die sechzig, ihren Mann immer wieder mit sanfter Strenge. Lord Sudeley sitzt weit von mir entfernt am Kopf eines langen Tisches, der mit einer dunkelrosa-schnörkeligen Decke bedeckt ist, darauf fleckiges Silberbesteck und kelchartige Gläser. In seinem dunkelbraunen Jackett, unter dem eine mit Goldfäden durchwobene Weste von einer goldenen Kette zusammengehalten wird, strahlt er die ruhige Würde aus, die historischen Reliquien eigen ist.

"Wir zwei arbeiten gemeinsam Lord Sudeleys Familiengeschichte auf", erzählt Tatjana, trägt Frikadellen auf und lüftet eine silberne Käseglocke, unter der Cracker, blue cheese und Weintrauben drapiert sind. "Stimmt doch, oder, Moolie?", ruft sie vom anderen Kopf der Tafel zu ihrem Mann hinüber. Hoch konzentriert schenkt der Lord halb stehend, halb sitzend drei große Kelche Müller-Thurgau ein. "Yessatsright", brummt er bestätigend, sinkt in Zeitlupe in seinen Stuhl zurück und hebt wackelig sein Glas.

Es wird ein langer Nachmittag bei den Sudeleys. Eine Stunde an der Tafel und zweieinhalb weitere in einem Wohnzimmer, das mit einer Händel-Oper beschallt wird. Aus Ölgemälden in meterhohen Goldrahmen blicken dort der sechste und der fünfte Lord Sudeley. Hier erklärt der Lord, der als sein Hobby "Anbetung der Vorfahren" angibt, zusammen mit seiner Gefährtin die Geschichte des seit dem Hochmittelalter bestehenden Adelsgeschlechts der Sudeleys. Abwechselnd schimpfen sie dabei auf Tony Blair, die Demokratie, den modernen Geschichtsunterricht an Schulen und die "Feinde", welche die Familie des Lords im letzten Jahrhundert so verarmen ließen, dass sie die zwei Schlösser verloren, in denen Lord Sudeley noch als Kind zwischen hundert Bediensteten aufgewachsen war. Die Universität von Wales nutze die Schlösser nun, sagt Tatjana und rollt mit den Augen. Sie schüttelt fassungslos den Kopf. "Diese Familie hat alles verloren, alles."

Merlin nimmt am Kamin Platz. Schweigend thront er in seinem dunkelgrünen Ledersessel und schaut ins Feuer. An der Stelle, an der Moolies Hand mit der elektrischen Zigarette zwischen den Fingern ruht, ist der Sessel bis auf den Kern abgewetzt. Tatjana tätschelt ihm die wirren Haare. "Komm, Moolinka, zeig unserer jungen Freundin deinen Stammbaum." Die letzten eineinhalb Stunden verbringen der ächzende Lord und ich auf allen vieren auf den staubigen Teppichen vor dem Kamin und rollen in endlosen Stationen den zwanzig Meter langen, auf eine Art Papyrus gemalten Familienstammbaum aus, zum Vorschein kommen Wappen, Namen, Zeichnungen. "Was war hier los, Moolie, hm?", fragt Tatjana aufmunternd, als spräche sie mit einem Kind, sie tippt auf das Bild eines Scheiterhaufens. Der Lord schaut kaum hin. "Rosenkriege", nuschelt er und schmeißt eine Tablette ins Kaminfeuer, die er unter dem Tisch auf dem Teppich gefunden hat. "1455", sagt er, als wäre es gestern gewesen. Tatjana nickt stolz und zeigt auf die korrekte Jahreszahl. "Es ist ein bisschen märchenhaft", raunt sie entrückt. "Manchmal sind wir aber auch ganz modern, oder, Moolinka?", ruft sie ihrem Mann zu. "Dann skypt Lord Sudeley. Er kriegt die Kopfhörer, und ich wähle für ihn. Nicht, Moolinka?"

"Yessatsright", murmelt Merlin.

"Und manchmal gehen wir auch raus, Moolie, in unseren Club, oder?"

Lord Sudeley reagiert nicht. Er sitzt wieder vorm Kamin. Versonnen hält er Blickkontakt mit seinem Großvater auf dem Ölbild.

Seit Jahrhunderten ist der Club der natürliche Lebensraum der Upperclass in der Stadt. Sein Prinzip folgt dem der alten gentlemen’s clubs: Als zweites Zuhause boten sie dem männlichen Adel exklusive Räume in der Stadt, in denen sie essen, schlafen, diskutieren und Karten spielen konnten, wenn sie über Nacht nicht in ihre Herrenhäuser auf dem Land zurückkehrten. Damals wie heute ist der Club ein Ort, an dem sich die Mitglieder sicher sein können, dass niemand ihren illustren Kreis ungefragt stört. Denn hier ist jedes einzelne Mitglied von ihnen selbst ausgesucht worden.