DIE ZEIT: Sie haben ein kleines Buch geschrieben über diesen größten Schrecken des Menschen: das Böse. Das Böse wird sich ärgern, um den Dichter Robert Gernhardt zu zitieren.

Terry Eagleton: Weil ich so schnell mit ihm fertig bin? (lacht)

ZEIT: Haben Sie das Böse selber erfahren?

Eagleton: Das Böse ist mir, Gott sei Dank, nie begegnet. Das Böse ist nicht so allgegenwärtig, wie man annimmt. Wenn es ausbricht, tut es dies zwar wie beim Holocaust in einer fürchterlichen Weise, das sollte uns aber nicht verführen, es mit Bosheit oder Niedertracht zu verwechseln, die Teil des alltäglichen Lebens sind. Das Böse ist sehr selten.

ZEIT: Macht es Ihnen Angst?

Eagleton: Nein! Als ich das Buch schrieb, habe ich mich gefragt, ob mein Tisch anfangen würde zu wackeln, zu meiner Enttäuschung passierte nichts.

ZEIT: Als Junge gingen Sie in die katholische Klosterschule De la Salle von Manchester und haben dort sicherlich gebetet: Lieber Gott, erlöse uns von dem Bösen! Welche Bedeutung hatte das für Sie?

Eagleton: Es bedeutete mir nichts. Ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass Katholizismus etwas bedeuten soll. Katholizismus ist ein Set von Ritualen und sozialen Kostümen, eine persönliche Bedeutung war jedenfalls in dem Katholizismus, in dem ich erzogen wurde, nicht vorgesehen. Der Satz "und erlöse uns von dem Bösen" ist natürlich der letzte Satz des Vaterunsers und als solcher interessant, Theologen ordnen das Vaterunser dem frühen Christentum zu, in dem die Wiederkehr Christi erwartet wurde, was vermutlich apokalyptische Turbulenzen auslösen würde. Das Böse ist hier weniger persönliche Erfahrung als das Böse der letzten Tage. Das Gebet wurde am äußersten Rand der Geschichte gebetet.

ZEIT: Viele Menschen leben jeden Tag mit dem Gefühl, etwas Schreckliches könnte über sie hereinbrechen. Die Philosophin Susan Neiman führt in ihrem Buch Das Böse denken diese tief sitzende Furcht auf die frühkindliche Hilflosigkeit zurück.

Eagleton: Furcht, Unsicherheit, Verwundbarkeit – das ist alles sehr real. Aber hier vom Bösen zu sprechen wäre doch eine Übertreibung. Wir müssen eine Balance finden zwischen der grauenvollen Natur des Bösen und seiner Seltenheit.

ZEIT: Wenn man in Dublin wohnt wie Sie, mag sich das so anfühlen. Aber wenn man seine Tage im libyschen Bürgerkrieg oder die Nächte inmitten reißender Tiere im Dschungel überleben muss, sieht man das vielleicht anders?

Eagleton: Feindseligkeit ist aber nicht das Böse. Das Böse heißt nicht einfach: sehr, sehr schlecht. Nun, Sie können mir vorwerfen, dass ich das Wort in einem zu technischen Sinne verwende...

ZEIT: Sie definieren es als eine Handlung, die aus der inneren Leere einer Person entspringt...

Eagleton: ...ich behaupte, dass das Böse aus einer Unfähigkeit zu leben entspringt. Es erwächst aus einem Mangel. Es gibt dazu eine theologische Diskussion, in der das Böse als nicht real beschrieben wird, obwohl es dies in einem anderen Sinne sogar sehr ist – aber eben als Mangel. Das Böse entsteht in Menschen, die nicht wirklich leben können.

ZEIT: Viele Menschen verspüren einen Mangel in sich, ohne deshalb böse zu sein.

Eagleton: Oh ja. Im gewissen Sinne macht jeder diese Erfahrung, kein perfektes Lebewesen zu sein. Was Besucher aus dem All erstaunen dürfte, es wäre ja logisch, anzunehmen, dass es einige perfekte Wesen gäbe. Aber ich meine nicht dieses Ungenügen, ich meine eine aktive Verneinung des Lebens. Es geht darum, das Gefühl des Nichts in einen anderen zu projizieren und in ihm zu zerstören. Und da liegt das Paradox. Wie zerstört man das Nichts?