Wolfgang Amadeus Mozart hat auch schon hier gespielt. Irgendwo zwischen Orangerie, Apollotempel und Orionbrunnen stand das Spinett. Das ist eine Weile her. In jüngerer Zeit rockten immerhin die geadelten Georg Solti und Yehudi Menuhin den Schlossgarten zu Schwetzingen. Diesen Sommer reiht sich auch Wolfgang Niedecken ein in diese illustre Traditionslinie. Der ist zumindest Träger des Bundesverdienstkreuzes.

Im März ist Niedecken 60 Jahre alt geworden, seine Band BAP wird in diesem Jahr auch schon 35. Es gibt also was zu feiern. Der Mann, der dem Deutschrock zum kölschen Dialekt verhalf, begeht die diversen Jubiläen mit einer denkbar ausdifferenzierten Verkaufsoffensive aus Autobiografie, einem neuen Album und einer sommerlichen Tournee. Diese führt BAP nicht nur in den Schwetzinger Schlossgarten, sondern auch vor die imposanten Kulissen von Jagdschloss Herdringen (seit 1844), Schloss Kaltenberg (1292), Schloss Kapfenburg (um 1250), Burg Nideggen (1177) und des Amphitheaters in Trier (ungefähr 100 nach Christus).

Nur Seebäder werden BAP nicht beehren. Allein das Strandbad Spalt-Enderndorf, gelegen im Fränkischen Seenland, liegt auf der Reiseroute. Trotzdem bleibt festzuhalten: BAP, einst immerhin Sendeanstalt aus dem Bauch der alternativen Szene, sind angekommen mitten im Mainstream dieser Republik. Aber vielleicht ist es auch ganz anders: Vielleicht ist die Republik endlich da, wo BAP schon immer waren. Die Frage ist also: Ist Wolfgang Niedecken schuld an Winfried Kretschmann, dem ersten grünen Landesvater? Oder ist es womöglich umgekehrt?

Wenn schon keine Klärung dieser Frage, dann doch zumindest einen geschichtlichen Abriss dieses Ritts durchs die Institutionen verspricht Für ’ne Moment . In den sechziger Jahren, schreibt Niedecken stolz in seiner Autobiografie, empörte es einen gewissen Oberstudienrat Müller noch, dass er Zeilen aus Songtexten in Englischklausuren schmuggelte. "Niedecken, Sie sind ein subversives Element", rief der Oberstudienrat dann. Heute dürften es vor allem Gymnasiallehrer sein, die zum BAPFEST, den offiziellen Feierlichkeiten vor dem Kölner Dom, das Reisepaket eines Kölner Hotels buchen, das 3-Gänge-Menü, Doppelzimmer und einen unverstellten Blick aufs Konzert vom Hotelbalkon aus garantiert. Kölsch, Wein und Softdrinks sind inklusive.

Die Zeiten, sie haben sich verändert. Einst waren es Stadtteilfeste und Veranstaltungen von Bürgerinitiativen, zu denen Niedecken, der damals noch Malerei studierte, zuerst als Solist und später mit Band unter dem Namen BAP das "Kulturprogramm für den Klassenkampf" beisteuerte. Es waren die Friedensbewegten und Linksengagierten, die den Bob-Dylan-Verschnitt aus der Kölner Südstadt hören wollten. Den ersten Song in seiner Muttersprache Kölsch schrieb er während seiner Zeit als Zivildienstleistender, ein Geburtstagsständchen für die Leev Frau Herrmanns .

1979 erschien dann das Debütalbum von BAP, im gleichen Jahr wurde in Bremen erstmals eine grüne Partei in ein Landesparlament gewählt. 1982 veröffentlichten BAP mit Vun drinne noh drusse ihr bis heute erfolgreichstes Album, 1983 zog erstmals eine grüne Fraktion in den Bundestag ein. 1985 sprach der erste grüne Minister seinen Amtseid, und Wolfgang Niedecken sammelte mit Nackt im Wind Geld für Afrika. Ein Jahr später wurde Winfried Kretschmann Referent beim hessischen Umweltminister Joschka Fischer, und Niedecken schrieb Ahl Männer, aalglatt als Reaktion auf Bitburg, wo Helmut Kohl und Ronald Reagan Kränze auf einem Friedhof voller SS-Männer niederlegten.

 

Ob er wollte oder nicht: Niedecken wurde das schlechte Gewissen der Republik, Sprachrohr der vom ewigen Kohl gelähmten Linken. Auch wenn die Band, wie er im Buch gesteht, die Alternativszene in ihren selbst gestrickten Pullovern erst noch als "Teppichtaschen" verhöhnte, wurde sie doch ihr Aushängeschild. Niedecken schrieb Songs wie Almanya über die Ausländerfeindlichkeit oder Sandino über Nicaragua, das damalige Traumland der Antifa-Kämpfer, er forschte für Kristallnaach in der Gegenwart nach dem Geist aus dem Dritten Reich. Im gegen den Nato-Doppelbeschluss gerichteten 10. Juni formulierte er ein alternatives Lebensgefühl, das Tausende auch hochdeutsch mitgrölen konnten: "Plant mich bloß nicht bei euch ein." Lang ist’s her, verdammt lang. Heute trägt Niedecken das Bundesverdienstkreuz, verliehen für sein soziales Engagement. Den Ex-Bundespräsidenten Köhler duzt er, seit er mit ihm in humaner Mission nach Afrika reiste.

An dem Tag nach der Wahl, die ihn zum ersten grünen Ministerpräsidenten macht, wird Kretschmann seinen Vorvorvorgänger Erwin Teufel zitieren. Er wolle in erster Linie seinem Land dienen, sagt Kretschmann, dann sei er seiner Partei verpflichtet und dann erst sich selbst. Diese Demutsgeste beherrscht auch Niedecken. Er hätte, schreibt er, den "selbsternannten Genies" immer schon misstrauisch gegenübergestanden: "Ich wollte lieber ein Kunst-Arbeiter sein". Dieses Credo zieht sich durch sein Buch: der Künstler als Malocher im Dienste des Volkes. So bescheiden, dass es bisweilen schmerzt. Seine Inspiration bezieht er von den Stones, den Beatles und Kinks, von ehrlichen Arbeitern wie Rory Gallagher oder Bruce Springsteen, auch vom sozial verantwortungsbewussten und politisch engagierten Heinrich Böll. Vor allem aber natürlich von Dylan, dessen Songs er immer wieder ins Kölsche übertragen hat. Fast alle hat er mittlerweile getroffen, mit manchen sogar zusammen auf der Bühne gestanden. In Für ’ne Moment erinnert er sich an die Begegnungen, detailreich und voller Stolz, macht sich ganz klein neben den Vorbildern. Selbst die "Albernheiten, Insiderwitze und Trivialästhetik" aus den Anfangstagen will er heute nur als Referenz an Frank Zappa verstanden wissen.

Zu seinen ersten Auftritten muss Niedecken nahezu genötigt werden. Es ist erst der Erfolg, der die Malerkarriere beendet und ihn zum Berufsmusiker macht. Eine Abstimmung im Plattenladen. BAP werden die erfolgreichste deutsche Band der achtziger Jahre, der Erfolg hält auf etwas niedrigerem Niveau weiter an. Zehn ihrer Alben werden die Spitze der deutschen Charts erklimmen. Nicht schlecht für einen, der sich hatte breitschlagen lassen müssen, um es als Musiker zu versuchen. Im Buch nimmt die Malerei trotzdem ungleich größeren Raum ein als die Musik.

Die hat so gut funktioniert, weil Niedecken nicht den Fehler beging, seine dann doch nicht ganz so bescheidenen Versuche, sich an Ray Davies oder Dylan zu messen, in Hochdeutsch zu verfassen. Es waren, neben dem geradezu klassischen Rock seiner Band, vor allem die kölschen Texte, die BAP ausmachten. Gerade eben weil die meisten sie nicht verstanden.

Aber wer Verdamp lang her hörte, konnte sich was vorstellen, gerade weil er nichts verstand. Dieser, ihr größter Hit und auch andere Lieder von BAP, ihre besten, funktionieren so wie englische Songs, die man auch nur halb und irgendwie nicht richtig verstand, auf die man sich seinen eigenen Reim machte und die gerade deshalb viel zielgenauer ein eigenes Lebensgefühl auspolstern konnten als die deklamierenden Liedermacher, die vor Niedecken kamen, oder die deutschen Bands, die später mit Ironie einen Sicherheitsabstand zu den Gefühlen einzogen.

Indem sie den Dialekt mit der Rockmusik versöhnten, haben BAP schon vor dreißig Jahren jenen Spagat vollbracht, der Kretschmann nun an die Macht gebracht hat. Bodenständigkeit muss nicht spießig sein, sagten Niedeckens kölsche Texte, während der handwerklich solide Rock seiner Band sich stemmte gegen den damals tobenden Punkrock, der den Dilettantismus hochleben ließ. Rock, so rebellisch er sich damals noch gab, hatte doch auch einen wertkonservativen Charakter. Über den ungeduldig pulsierenden Gitarrenriffs von Klaus "Major" Heuser sang Niedecken gegen Missstände an, er klagte Ehrlichkeit ein, Wahrhaftigkeit, echte Gefühle, auch auf die Gefahr hin, immer wieder im Kitsch zu versanden. Aber diesen "Major" macht Niedecken in seiner Vergangenheitsbewältigung dafür verantwortlich, dass BAP musikalisch immer kommerzieller wurden und er sich immer unwohler fühlte.

Seit dem Ausstieg von Heuser 1999 sind BAP nun wieder da, wo Niedecken sie immer haben wollte, beim Rock. Der klingt in all seiner Zeitlosigkeit auch ein wenig bräsig, aber das passt gut zu den Themen des neuen Albums Halv su wild , das ähnlich wie die Autobiografie in die Vergangenheit reist. Also feiert Niedecken seine verzweifelte Liebe zum 1. FC Köln und hat sich sogar mit dem Karneval ausgesöhnt, den er in jungen Jahren noch aus Überzeugung hasste. Wolfgang Niedecken ist grauhaarig geworden und sehr, sehr milde. Eins der neuen Lieder erzählt vom Chlodwigplatz in der Kölner Südstadt, wo er aufgewachsen ist. Hier bin ich geboren, singt Niedecken, hier war ich zu Hause, ein Radius nicht größer als achthundert Meter. Der Chlodwigplatz liegt im Wahlkreis Köln I. Bei der Landtagswahl 2010 sammelten die Grünen dort 25,0 Prozent der Stimmen. Das sind genau 0,8 Prozent mehr als Winfried Kretschmann ein Jahr später in Baden-Württemberg bekommen wird.

Tour: 11.6. Wolfhagen, 15.6. Oberursel, 17.6. Hamburg, 18.6. Bremerhaven, 9.7. Freiburg, 15.7. Stuttgart, 16.7. Singen, 30.7. Schloss Kapfenburg, 31.7. Schloss Kaltenberg, 6.8. Amphitheater Trier, 12.8. Schloss Schwetzingen, 20.8. Strandbad Enderndorf bei Nürnberg, 21.8. Jagdschloss Herdringen, 24.8. Bochum, 25.8. Burg Nideggen, 26.8. Schlosspark Bad Brückenau, 27.8. Rietberg