"Hello darkness, my old friend"

Der Musiker Paul Simon © Marco Grob

ZEITmagazin: Mister Simon, Sie haben Welthits geschrieben, aber als so cool wie Bob Dylan oder Leonard Cohen galten Sie nie. Haben Sie das selbst ähnlich wahrgenommen?

Paul Simon: Ja, schon zu Beginn meiner Karriere mit Simon and Garfunkel. Artie und ich, zwei Jungs aus Queens, fielen schon körperlich aus dem Rahmen. Ich war zum Beispiel viel zu klein, um sexy zu sein. Wir nahmen keine harten Drogen, zertrümmerten nie ein Hotelzimmer, unsere Freundinnen waren keine Supermodels. Unsere Frisuren waren unmodisch.

ZEITmagazin: Wollten Sie absichtlich bieder wirken?

Simon: Nein, wir machten nur nichts von dem, was man cool nennt. Wir waren so ziemlich das Gegenteil von Avantgarde, diese Art von Anerkennung war uns nicht wichtig. Wir wollten Erfolg und waren dann ja auch populärer als alle anderen. Nur die Beatles waren lange erfolgreicher als wir. Aber am Ende der Sechziger hatten wir mir mit unseren Plattenverkäufen sogar die übertroffen.

ZEITmagazin: Sie haben als Teenager angefangen, Songs zu schreiben. Wie kamen Sie dazu?

Simon: Weil ich so viel kleiner war als die anderen Jungs in meinem Alter, schauten die Mädchen einfach über mich hinweg. Eines Tages sah ich in der Schule eine Band spielen. Die Jungs sahen nicht gerade toll aus, aber alle Mädchen himmelten sie an. Ich wusste, dass ich das auch konnte, also besorgte ich mir eine Gitarre. Und kaum hatte ich die, bemerkten mich auch die Mädchen.

ZEITmagazin: Und was reizt Sie heute daran, Platten aufzunehmen?

Simon: Das frage ich mich auch. Seit Jahren denke ich mir nach jeder Platte: Das könnte es jetzt gewesen sein. Deswegen lasse ich mir mittlerweile auch so viel Zeit mit meinen Alben.

ZEITmagazin: Nach dem Ende von Simon and Garfunkel im Jahr 1970 klang Ihre Musik so, als ob Sie sich möglichst weit vom Sound dieses Duos entfernen wollten. War das so?

Simon: Ja, das kann sein. Bridge Over Troubled Water war das letzte Simon-and-Garfunkel-Album. Danach hatte ich einfach genug von gewaltigen Balladen. Selbst wenn ich gewollt hätte: Einen Song wie Bridge Over Troubled Water schreibt man nur ein Mal im Leben.

ZEITmagazin: Angeblich waren Sie beim Schreiben dieses Songs so überwältigt, dass Sie geweint haben. Oder ist das ein Internetmärchen?

Simon: (langes Schweigen) Ich hatte zuerst den Text geschrieben. Als mir dann die Melodie dazu in den Sinn kam, war ich fassungslos, glücklich, vollkommen überwältigt. Und, ja, es stimmt, ich habe vor Glück und Überraschung geweint. Denn ich weiß nie, woher meine Lieder eigentlich kommen.

ZEITmagazin: Haben Sie eine Vermutung?

Simon: Ich glaube, alle Lieder gibt es schon irgendwo, und ich habe nur das Privileg, sie empfangen zu können. Musik ist eine Botschaft aus dem Paradies. Klingt sehr spirituell, oder? Aber so sehe ich das. Allerdings erst, seit ich älter bin.

ZEITmagazin: Finden Sie nicht auch, dass The Sound Of Silence ein noch besserer Song ist als Bridge Over Troubled Water?

Simon: Das mag ich nicht beurteilen. Auch von The Sound Of Silence war ich überwältigt, als ich das Lied mit 21 schrieb. Je älter man wird, desto mehr begreift man, wie besonders solche Lieder sind. Meistens ist es doch so, dass man Lieder schreibt, die vielleicht ganz in Ordnung sind, aber längst nicht dem Ideal entsprechen, das man sich ersehnt.

ZEITmagazin: Welche Ihrer Lieder entsprechen denn Ihren Idealvorstellungen?

Simon: Kein einziges. Ich habe noch nie zehn von zehn möglichen Punkten erreicht.

ZEITmagazin: Auch nicht mit The Boxer oder Mrs. Robinson?

Simon: Alle weniger als zehn. Bleiben wir bei Bridge Over Troubled Water: Die ersten beiden Verse waren sehr gut, fast zehn Punkte wert. Aber im Studio kam dann Artie mit unserem Produzenten an und teilte mir mit, dass eine dritte Strophe dringend notwendig sei. Ich ließ mich breitschlagen und schrieb eine dritte Strophe. Ich hielt das schon damals für einen Fehler, wollte aber Streit vermeiden. Und wenn Sie mich heute fragen: Genau diese drangepappte Strophe zieht das Lied herunter. Aber vielleicht irre mich auch. Es ist schwer, eigene Lieder zu beurteilen.

 

ZEITmagazin: Hoffen Sie noch darauf, einen perfekten Song schreiben?

Simon: Nein, mir fehlt das Talent dazu.

ZEITmagazin: Welche Songs sind denn überhaupt perfekt?

Simon: Stille Nacht. Oder der Gershwin-Song Someone To Watch Over Me. Richard Rodgers, der My Funny Valentine schrieb, war oft perfekt. Von so einem Meister bin ich weit entfernt.

ZEITmagazin: Stimmt es, dass Sie Ihre größten Erfolge im Badezimmer geschrieben haben?

Simon: Früher tat ich das. Ich schloss mich im Bad ein, machte das Licht aus und drehte den Wasserhahn auf. Der Klang des Wassers entspannte mich. Die Fliesen sorgten für ein fabelhaftes Echo, wenn ich sang: "Hello darkness my old friend ..." Das können Sie wörtlich nehmen, ich fühle mich wohl und geborgen in der Dunkelheit.

ZEITmagazin: Wären Sie gerne unsichtbar?

Simon: Selbstverständlich.

ZEITmagazin: Werden Sie oft erkannt?

Simon: So gut wie nie. Ich laufe oft vor meinem Büro am Times Square herum, ich werde nie erkannt. Als Teenager kam ich früher hierher, um Plattenfirmen meine Lieder anzubieten. Inzwischen ist meine Musik bekannt, aber ich bin zum Glück relativ anonym geblieben.

ZEITmagazin: Und das, obwohl Sie mal vor einer halben Million Menschen im Central Park aufgetreten sind. Haben Sie jemals versucht, Ihr Publikum politisch zu beeinflussen?

Simon: Den Sinn von politischen Songs habe ich nie ganz verstanden. Wer sich überhaupt für politische Botschaften in Popsongs interessiert, hat immer schon eine klare Haltung zu den Dingen, die dort verhandelt werden. Entweder stimmt also der Hörer ohnehin allem zu, was der Musiker zu Gehör bringt, was die Sache irgendwie sinnlos macht. Oder er ist eben anderer Meinung, will dann aber auch nicht mit einem Lied belehrt werden.

ZEITmagazin: Sie finden politische Songs überflüssig?

Simon: Die meisten. Es gibt natürlich Ausnahmen: Songs, in denen Text, Botschaft und Musik eindrucksvoll zusammenfließen wie in We Shall Overcome oder The Times They Are AChangin. Das sind unerreichte Kunstwerke über die großen Ungerechtigkeiten.

ZEITmagazin: Aber mit solchen Botschaften wollten Sie Ihre Musik nicht belasten?

Simon: Ich ziehe es vor, meine Meinungen dezent einfließen zu lassen wie in Questions For The Angels, einem Lied auf meinem neuen Album. Da geht es um die große Frage, ob dieser Planet besser dran wäre, wenn es keine Menschen gäbe. Ist das politisch? Schauen Sie sich an, was unsere Spezies der Welt antut.

ZEITmagazin: Bob Dylan, Neil Young und Sie werden auch von Menschen gehört, die Ihre Enkel sein könnten. Ist in der Rockmusik die Vorherrschaft der Jugend vorüber?

Simon: Die Koordinaten verschieben sich vielleicht. Aber ich habe als Teenager auch schon die alten Bluessänger geliebt.

ZEITmagazin: Werden betagte Pop- und Rockmusiker künftig die Norm sein?

Simon: Wir lernen ja gerade erst, was es heißt, als Rockmusiker alt zu werden. Die erste Generation dieses Genres ist nun in die Jahre gekommen. In Blues und Jazz, älteren Formen populärer Musik, gibt es diese Altersdiskussion nicht. Niemand ist überrascht, dass der Saxofonist Sonny Rollins immer noch brillant spielt, und der ist mindestens achtzig.

ZEITmagazin: Trauern Sie Ihrer Jugend nach?

Simon: Nein. Ich fühle mich wohl in meinem Körper. Es heißt ja oft, das Gehirn lasse im Alter nach. Das halte ich für Unsinn. Klar, Menschen, die ihren Körper mit allerlei Zeug malträtieren, bekommen im Alter die Quittung. Es gibt schon einen Grund, warum vor bestimmten Substanzen gewarnt wird. Ich selbst meide Alkohol, Zigaretten und sogar Kaffee, meinem Kopf geht es daher hervorragend. Und ich kenne viele kluge Leute in meinem Alter, die von Jahr zu Jahr schlauer werden.

ZEITmagazin: Werden Sie noch als Neunzigjähriger Musik machen?

Simon: Unvorstellbar ist das nicht. Ich habe letzte Woche begonnen, mit meiner Frau, Edie Brickell, ein Album aufzunehmen. Jahrelang haben wir gemeinsam für unsere Kinder gesungen, gern auch, wenn die in der Badewanne saßen. Kinder mögen meine Stimme, das war schon immer so.