Auf dem Konferenztisch in seinem Büro hat Günther Heydemann eine Mauer errichtet. Aus Büchern. Ein Schutzwall? In der Tat muss Heydemann das Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung (HAIT), dessen Direktor er seit 2009 ist, gegen heftige Kritik verteidigen – darum geht es auch in diesem Gespräch. Er hat mit Neuerscheinungen aus seinem Haus vorgebaut. Es ist sein erstes Interview im Amt.

DIE ZEIT: Herr Heydemann, gibt es in diesem Haus böse Geister?

Günther Heydemann: Soweit ich weiß, nicht. Falls Sie auf die Geschichte hier am Münchner Platz anspielen, so hat dieses Gebäude eine zweifach bedrückende Vergangenheit – als Haft- und Hinrichtungsstätte erst der Nationalsozialisten, später des sozialistischen Regimes. An deren Tausende Opfer erinnert die Gedenkstätte.

ZEIT: Worauf wir eigentlich hinauswollten: Statt mit gutem Geist fiel das Hannah-Arendt-Institut immer wieder durch Skandale auf. Der jüngste war Ende 2010 der Stasifall des langjährigen Mitarbeiters Michael Richter alias IM "Thomas". Wie tief ist die Krise Ihres Instituts?

Heydemann: Auf dem Feld der Wissenschaft sehe ich bei uns absolut keine Krise. Allerdings: Durch eine Serie von Vorfällen haben wir ein Imageproblem. Und ich verstehe den Aufschrei in der Öffentlichkeit, die fragt: Wie kann es sein, dass ein Institut, das Diktaturenforschung betreibt, einen Ex-IM beschäftigt?

ZEIT: Gute Frage. Wie konnte es denn sein?

Heydemann: Dazu muss man wissen: Herr Richter wurde damals erst nach zweieinhalb Jahren und drei Gutachten eingestellt – im Glauben, er sei ein minder schwerer Fall und zur IM-Tätigkeit gezwungen worden. Nun sind wir klüger. Allerdings finde ich, Sie sollten zwischen dem IM und dem Wissenschaftler unterscheiden: Dass Herr Richter fachlich solide gearbeitet hat, daran ist wenig zu rütteln. 

ZEIT: Warum haben Sie ihn dann entlassen?

Heydemann: Das Kuratorium hatte keine Wahl, denn in den Auskünften der Stasi-Unterlagen-Behörde über seine IM-Tätigkeit steht viel Gravierenderes als das, was wir schon wussten. Der Fall hat außerdem das Ansehen des HAIT stark beschädigt.

ZEIT: Haben Sie schnell genug gehandelt? Immerhin hatten Sie schon im Juli 2010 durch einen Brief Hinweise auf die Vorwürfe gegen Richter – Monate bevor diese öffentlich wurden.

Heydemann: Da fühle ich mich frei von Schuld. Der Brief kam Ende Juli, darüber haben wir beraten, und am 24. August stellten wir bei der Stasi-Unterlagen-Behörde den Antrag, Herrn Richter noch einmal zu überprüfen. Schneller ging es nicht.

ZEIT: Drei Wochen Reaktionszeit, das ist schnell?

Heydemann: Ja, die Sache war zu brisant, wir durften keine Fehler machen, zudem waren einige Beteiligte im Urlaub. Ich ahnte sofort, dass dem Institut eine Gefahr drohte. Dabei hatte ich mir bei Amtsantritt vorgenommen, das HAIT endlich aus Skandalen herauszuhalten. Dass es nicht funktioniert hat, war unser Pech. Wir sind aber nicht die Einzigen mit solchen Problemen. Das Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam hatte auch einen IM-Fall; doch der Mann starb, bevor es hätte Negativschlagzeilen geben können.