Es sind Sätze, über die man sich nur wundern kann: "ZAG zeigt, was in Geschichte steckt. ZAG kapitalisiert Geschichte. ZAG macht die Geschichte für die Herausforderungen von heute und morgen nutzbar. ZAG bietet Dienstleistungen auf höchstem Niveau." Geschichte erscheint hier als eine bloße Ware.

Das ZAG, das Zentrum für Angewandte Geschichte, das solchermaßen im Internet für sich wirbt, ist eine Einrichtung der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Als Leiter des Zentrums zeichnet der Historiker Gregor Schöllgen, Jahrgang 1952 und seit 1985 Professor für Neuere Geschichte in Erlangen. Er gibt die Akten des Auswärtigen Amtes mit heraus, hat unter anderem eine Willy-Brandt-Biografie verfasst und genießt als Kenner der deutschen Außenpolitik einen hervorragenden Ruf. Als Wirtschaftshistoriker hingegen tritt er erst seit seiner Veröffentlichung über den Metall- und Rüstungsunternehmer Karl Diehl von 2002 und verstärkt seit Gründung des ZAG im Jahr 2005 in Erscheinung.

Knapp 1,2 Millionen Euro hat das acht Mitarbeiter zählende Institut bislang nach eigenen Angaben "eingeworben". Es berät Filmproduktionen, konzipiert Ausstellungen, sichtet und ordnet Archive, recherchiert im Privatauftrag. Stetig hat es in den vergangenen Jahren veröffentlicht: 2008 über den "Eiskönig" Theo Schöller und den Autoteilefabrikanten Max Brose. Zuletzt, im August 2010, erschien die Geschichte des Quelle-Gründers Gustav Schickedanz. Die Verlage, darunter Propyläen, C.H. Beck und der Berlin Verlag, sind so renommiert wie der Autor, und da die Firmen eine feste Menge abnehmen – im Schnitt 5.000 bis 10.000 Exemplare–, sind die ZAG-Bücher ein sicheres Geschäft.

Was aber reizt einen Außenpolitikexperten an Biografien fränkischer Unternehmer? Und was bedeutet es für die Unabhängigkeit der Wissenschaft, wenn die zu Erforschenden ihre Erforschung selbst bezahlen – worüber die Leser der Bücher im Übrigen an keiner Stelle unterrichtet werden?

Zahlreiche Industrieunternehmen, Banken und Versicherungen haben in den vergangenen Jahren Historiker damit beauftragt, ihre Geschichte aufzuarbeiten. Dabei kam manches ans Licht, was zuvor beschwiegen worden war: welch große Nähe viele Unternehmer zur NSDAP pflegten, wie sie von Enteignung und Massenmord profitierten und vor allem, dass sie Millionen von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern ausgebeutet haben. Arbeiten wie die des Bochumer Historikers Hans Mommsen über VW oder die Kommissionsstudie zur Dresdner Bank setzten Standards für die kritische Darstellung. Das ist die eine Seite des unternehmensgeschichtlichen Booms.

Auf der anderen stehen private Geschichtsagenturen. Rund 30 sind es bundesweit. Zu den bekannteren zählen Facts & Files in Berlin und das Büro Reder, Roeseling und Prüfer in Köln. Meist handelt es sich um Zusammenschlüsse junger Historiker, die an den verarmten geisteswissenschaftlichen Fakultäten der Universitäten keine Berufsperspektive mehr sehen. Sie beraten und recherchieren – und sie verfassen Firmenchroniken zu Marketingzwecken.

Die Nachfrage ist groß: Längst haben Unternehmen entdeckt, dass nichts unverwechselbarer ist als die eigene Geschichte. "Geschichtsmarketing kann im Kommunikations-Mix eines Unternehmens ein wirksames und klangvolles Instrument sein", rät zum Beispiel der Branchendienst Pressesprecher. Allerdings könne Geschichte auch, "insbesondere in Deutschland, zu einem ernsthaften Problem werden". Wissenschaftliche Begleitung aber mache es möglich, auch damit "souverän" umzugehen: "Vertuschung historischer Faktizität vergrößert den Imageschaden, professionelle Krisenkommunikation verhindert oft Schlimmeres."

Wer vom Ergebnis her denkt, mag gegen eine solche Argumentation nichts einzuwenden haben. Tatsächlich wird ja die historische Wahrheit nicht automatisch gering geschätzt, wo sie allein im Hinblick auf die Imagepflege zählt. Aber sie steht eben nicht mehr im Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses, ist nicht mehr Zweck eines wissenschaftlichen Unterfangens, sondern das Mittel eines marktstrategischen. Das ist legitim, wenn sich entsprechende Firmenchroniken mit ihrer Rolle im "Kommunikations-Mix" der Unternehmens-PR bescheiden. Was aber, wenn sie sich wie die Veröffentlichungen von Gregor Schöllgens universitärem Zentrum einem großen Publikum als Ergebnis wissenschaftlicher Forschung präsentieren?

Schöllgen sieht darin kein Problem. 2007 hat er in seinem Vortrag Die Dienstleister (Untertitel: Von den Aufgaben der Geisteswissenschaften in der modernen Welt) prophezeit, dass der geisteswissenschaftliche Markt degenerieren werde, wenn man ihn nicht den vitalisierenden Kräften von Angebot und Nachfrage aussetze: "Wissenschaft lebt von Aufträgen. In Aufträgen dokumentiert sich Nachfrage." Und wer nicht nachgefragt werde, der habe keine Legitimation. "Wer sich mit dem, was er als Forscher denkt und tut, nicht grundsätzlich auch auf dem freien Markt positionieren kann, muss sich die Frage nach der Legitimation seines Tuns und damit nach der Berechtigung seiner Alimentierung durch die öffentliche Hand gefallen lassen."