Die ostwestfälische Stadt Rahden mit ihren beiden Windmühlen, sieben Gesangsvereinen und 16.000 Einwohnern wäre kaum erwähnenswert, hätten es nicht zwei ihrer Söhne zu Bedeutung gebracht: Lars Windhorst, der als Wirtschaftswunderkind mit Kanzler Helmut Kohl um den Globus reiste und danach mit einem spektakulären Konkurs von sich reden machte. Und Kurt Bock, für den – nach einem eher schlagzeilenarmen Vorleben – ab sofort ein Platz im Kanzlerinnenjet reserviert sein dürfte: Am Freitag wird der 52-Jährige Chef von BASF , dem größten Chemiekonzern der Welt.

Nun ist es nicht so, dass man Bock in Rahden zujubelt – Gefühlsausbrüche sind eher selten in der Gegend zwischen Minden und Osnabrück. Und die Sekretärin des Söderblom-Gymnasiums muss überhaupt erst mal blättern, ob sie jemanden dieses Namens in den Akten hat. Dafür erinnert sich Lehrer Manfred Steinmann noch nach Jahren des Ruhestands. Wortkarg bei Windhorst ("hat die Schule ja nicht fertig gemacht"), wird er bei Bock gesprächig. "Extrem engagierter Junge, einer der Jahrgangsbesten, Einser-Abitur", sagt er, als habe die Schule den Sohn eines Hoteliers nicht 1977, sondern erst gestern ins Leben entlassen.

Und Bock selbst? Noch kurz vor der Beförderung scheint dem Finanzvorstand der BASF allzu viel Aufmerksamkeit eher unangenehm. Etwa bei der Vorlage der Bilanz Ende Februar: Noch-BASF-Chef Jürgen Hambrecht räsoniert mit raumgreifenden Gesten über Gott und die Weltkonjunktur. Nachfolger Bock hält den Blick auf den geöffneten Filzstift fixiert und referiert anschließend über Free Cashflow und Wechselkurseffekte.

Zehn Mal ist er mit seiner Frau und den drei Kindern umgezogen

Als er von der Tribüne steigt, wird er von Journalisten umringt. Sie wollen mehr wissen. Am Salatbüfett versuchen sie, seine Zunge mit Smalltalk zu lockern. Was er gerne esse, was man in seiner Heimat koche? Doch er verrät sein Leibgericht nicht. Einer fragt, was er als Chef ändern wolle. Bock blickt sich nach seiner Pressedame um. "Die BASF ist gut aufgestellt, es wird keine Brüche geben".

Das ist keine umfassende Antwort – nicht mal am Tag der Rekordbilanz, an dem der Weltmarktführer mehr Umsatz und mehr Gewinn meldet als je zuvor. Chemie ist eine zyklische Branche. Noch profitiert sie vom Aufschwung. Doch auch dieser Boom wird den Zenit überschreiten. Dann wird wieder über Kosten diskutiert werden, darüber, was sich von den Chemikalien, Kunststoffen und Kunstfasern noch rentiert. Seit fast 150 Jahren leben die Ludwigshafener von Produkten aus Öl – seither aber wächst die Konkurrenz in Amerika, Asien und vor allem Arabien, wo der Rohstoff billig ist. Der Spitzenplatz der BASF ist in Gefahr – und in der Perspektive vielleicht sogar ihre Selbstständigkeit.

Vorgänger Hambrecht hat viel getan, um die Abhängigkeit vom Öl zu reduzieren: Er hat in Katalysatortechnik und nachwachsende Kosmetikrohstoffe investiert – und umgekehrt Kunstdünger und andere Uraltprodukte zum Verkauf aussortiert. Die billigsten Kunststoffe wurden Stück für Stück via Joint Venture entsorgt. Jede Sparte müsse mindestens den Marktzins verdienen, sonst könnte er das Geld der Aktionäre ja besser gleich auf die Bank tragen, so Hambrecht. "Kapitalkostenprinzip" nannte er das. Klang plausibel, war aber neu in dem aus 2600 Kilometer Röhren bestehenden Ludwigshafener Reich, wo jeder Kessel die Produkte des vorherigen weiterverarbeitete. Das Ende der Quersubvention – eine Revolution!

Der Ort, an dem die Umwälzung erdacht und Abteilung für Abteilung akribisch zur Verrechnung gebracht wurde, ist mit schwarzem Teppich ausgelegt und mit Ahornschränken möbliert: das Büro von Kurt Bock in Ludwigshafen.