Die Nato tötet Familienmitglieder Gadhafis; die Amerikaner erschießen Osama bin Laden; in Marrakesch explodiert eine Bombe in einem Cafe, 16 Menschen sterben, darunter elf Touristen. Verdächtigt wird al-Qaida im Maghreb. Wie reagieren die arabischen Länder auf diese widersprüchlichen Ereignisse? Tahar Ben Jelloun, wichtigster Autor des Maghreb, hat schon vor Jahren darauf aufmerksam gemacht: Die Menschen in den arabischen Ländern erheben sich. Sie lassen sich weder von Bomben noch Despoten länger einschüchtern.

Die ZEIT: Was war Ihre spontane Reaktion auf die Nachricht vom Tod Osama bin Ladens?

Tahar Ben Jelloun: Ich dachte mir: So, nun ist ein Symbol getötet worden. Mehr war er ja nicht mehr. Das heißt leider auch: Das Ende von bin Laden bedeutet keineswegs das Ende von al-Qaida. Wir wissen ja längst, dass das keine zentralisierte Organisation ist. Und womöglich wird sein Tod einige Zellen jetzt erst recht zu neuen Anschlägen provozieren.

Die ZEIT: Befürchten Sie, der Tod bin Ladens, aber auch die Bilder jubelnder Amerikaner könnten in der arabischen Welt antiwestliche Ressentiments erstarken lassen?

Ben Jelloun: Warum? Und wer sollte diese Ressentiments forcieren? Im Westen vergisst man immer wieder etwas sehr Grundlegendes: Die Mehrheit, die große Mehrheit der Opfer islamistischen Terrors waren und sind Muslime in den arabischen Ländern, nicht Amerikaner und Europäer. Warum also fürchtet man immer noch, in Ägypten, Tunesien oder Marokko könnte es zu irgendwelchen Rachegefühlen gegenüber dem Westen oder irgendwelchen Gefühlen der Sympathie für Osama bin Laden kommen? Dieses neue Gefühl der Würde seit Beginn des arabischen Frühlings hat doch nichts mit antiwestlichen Ressentiments zu tun. Hier geht es um die Anerkennung des Einzelnen, darum, dass die Leute endlich Bürger werden und nicht mehr Untertanen sind. Dazu gehört auch, religiösen Ideologien eine Absage zu erteilen.

Die ZEIT: Welche Rolle hat bin Laden in der arabischen Öffentlichkeit überhaupt noch gespielt?

Ben Jelloun: Eine marginale, wenn überhaupt. Die arabischen Demokratiebewegungen dürften bei al-Qaida wahre Wutausbrüche ausgelöst haben, denn diese Bewegungen beziehen sich nicht auf irgendeinen islamistischen oder fundamentalistischen Diskurs, sondern auf die Freiheiten und Rechte des Bürgers. Mit dem Anschlag von Marrakesch wollten die Täter vielleicht einfach nur zeigen, dass es al-Qaida noch gibt.

Die ZEIT: Ein Terroranschlag aus Frustration über den eigenen Bedeutungsverlust?

Ben Jelloun: Al-Qaida hatte ja vor allem am Anfang einen globalen Anspruch, die Errichtung eines weltweiten Kalifats. Doch in Marokko konnte sie nie Fuß fassen...

Die ZEIT: ...aber es gab 2003 die Selbstmordanschläge in Casablanca mit über 40 Toten.

Ben Jelloun: Die wurden nicht durch al-Qaida verübt, sondern durch fanatisierte einheimische Selbstmordattentäter. Der Anschlag von Marrakesch wäre das erste erfolgreiche Attentat von al-Qaida auf marokkanischem Boden. Was nicht heißt, dass sie es nicht schon vorher versucht hätte. Im vergangenen Jahr haben die marokkanischen Behörden zehn Anschlagspläne vereitelt.

Die ZEIT: Wie sehr können Terrorgruppen die Entwicklung in den Ländern des arabischen Frühlings beeinflussen?

Ben Jelloun: Niemand sollte ihr Zerstörungspotenzial unterschätzen. Ägypten und Tunesien stecken mitten in einem Transformationsprozess und sind momentan extrem fragil. Ich fürchte sehr wohl, dass sich al-Qaida dort die nächsten Anschlagsziele suchen wird – schon allein, um zu beweisen, dass sie auch ohne bin Laden weitermachen kann. Ich hoffe sehr, dass ich mich irre.