Omena ist ein Armeleuteessen. Omena – so heißen die kleinen sardinenartigen Fische, die zuhauf im Viktoriasee schwimmen. Aus ihnen kochen die Ärmsten der Armen in Kenia ihren Eintopf. "Der schmeckt ziemlich fischig", sagt Kai Schütz und lacht. Schütz ist Entwicklungsexperte, und wegen Omena war er zwei Jahre lang in Kenia. Die Menschen dort brauchen das Fischfleisch – ohne dessen Protein wäre ihre Kost, die größtenteils aus Maisbrei besteht, zu karg. Daher das Ziel seines Entwicklungshilfeprojektes, den Fischfang am Viktoriasee so zu optimieren, dass die Fischer mehr Geld verdienen und mehr Fisch auf den Märkten landet.

Kai Schütz zog für zwei Jahre nach Nairobi. Zusammen mit zwei weiteren deutschen Entwicklungshelfern und einem 40-köpfigen Team einheimischer Beamter plante der 33-Jährige den Fischfang am Seeufer neu, von der Größe der Netzmaschen bis zur Organisation von Kühltransporten und der Überdachung der Lagerstätten. Bevor sie kamen, dörrte der Fisch bei 35 Grad in der Sonne, und Ziegen stapften über den Fang. Die Fischer fegten ihn mit Besen zusammen. So mischte sich der Fisch mit Steinen, Dreck und Sand. Ihn industriell weiterzuverarbeiten war fast unmöglich, ein Teil war sogar ungenießbar geworden.

Das Projekt von Kai Schütz ist typisch für eine moderne Entwicklungszusammenarbeit, die wie eine Art globale Beratung funktioniert: Entwicklungsexperten unterstützen einheimische Beamte projektweise. Ihr Ziel ist es, sich selbst überflüssig zu machen. "Wir bohren keine Brunnen, sondern planen mit einheimischen Experten vor Ort eine Struktur, wie ein ganzes Wasser- und Abwassersystem funktioniert", erklärt Kai Schütz. So sind Entwicklungsexperten die Vorhut einer Weltgesellschaft, in der soziales Engagement über alle Grenzen ausgetauscht wird.

"Die Entwicklungsländer sind zu Gesprächspartnern geworden", so beschreibt es der Politikprofessor Lothar Brock. Er lehrt Internationale Beziehungen an der Goethe-Universität Frankfurt und arbeitet für die Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung. "Entwicklungszusammenarbeit ist wichtig für den Frieden, weil sie idealerweise den Spielraum für den Umgang mit Konflikten erweitert und damit Gewaltpotenziale abbaut. Auch wenn die Gefahr besteht, dass Konfliktparteien versuchen, die Hilfe auszunutzen", sagt er. Um diese Risiken einzuschätzen, werden Entwicklungsexperten wie Schütz vor der Reise ins Ausland eingehend geschult.

Inzwischen ist Kai Schütz längst aus Afrika in die Zentrale der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) zurückgekehrt. Jetzt arbeitet er in Eschborn bei Frankfurt als Experte für Agrarpolitik. Bei bei dem Bundesunternehmen stieg er über ein Praktikum während seines Politik- und Volkswirtschaftsstudiums ein. Alle sechs bis acht Wochen fliegt er in Sachen Entwicklungszusammenarbeit ins Ausland, zurzeit vor allem in den Kaukasus, nach Osteuropa und Zentralasien. Sein Arbeitswerkzeug ist der Laptop, gerüstet mit SAP-Projektplanungssoftware, einem Mindmap-Programm und Excel. Was genau in einem Entwicklungshilfeprojekt umgesetzt werden soll, handeln die Regierungen aus. "Ich habe nur Änderungsmöglichkeiten innerhalb dieses politisch gesetzten Rahmens", erklärt Schütz. Trotzdem müsse man alles andere als ein Bürokrat sein. Spontaneität und Aufgeschlossenheit sind ihm wichtig.

"Wer sich wie Indiana Jones benimmt, der ist hier falsch"

Im Ausland besteht seine erste Aufgabe meist darin, zuzuhören, bei einem Besuch den Einsatzort kennenzulernen und die Probleme der Einheimischen zu verstehen. Im Büro, das oft in der Landeshauptstadt oder in Ministerien vor Ort liegt, ordnet Schütz seine Ziele und plant die nächsten Handlungsschritte. Abenteuerliche Reiseerlebnisse auf Buckelpisten und in Propellermaschinen gehören natürlich auch zu den Berufserfahrungen. "Aber wer sich wie Indiana Jones benimmt, der ist hier falsch", sagt Schütz. "Wer nicht authentisch ist, kann keine Entwicklungszusammenarbeit machen, weil er nicht ernst genommen wird."