Er kann gut lachen. Aber richtig heiter wird Christoph Blocher an diesem Morgen in seinem Büro in Männedorf, wenn er von seinen Erfahrungen mit den Banken erzählt. "Kürzlich", sagt der Stratege der Schweizerischen Volkspartei (SVP) und blickt noch ganz ernst drein, "kürzlich bekam ich wieder so einen Anlagebrief einer Bank." Lustige Fältchen bilden sich in seinen Augenwinkeln. "Ems-Chemie verkaufen!, stand drin." Jetzt lacht er. "Bachem kaufen!" Ob man wisse, was dann passiert sei? Er lacht wieder. Klar doch: Die Ems-Aktie stieg weiter, während die Titel der Biochemie-Firma Bachem nach unten drifteten.

Er habe schon immer gesagt, dass das Bankengeschäft ein eigenartiges sei: "Man nimmt kurzfristiges Geld zu tiefen Zinsen auf und vergibt es langfristig zu hohen Zinsen."

"Kürzlich", sagt er und lacht schon wieder, kürzlich habe er Oswald Grübel anlässlich einer Fernsehdiskussion getroffen. Dem habe er gesagt: "Alle zehn Jahre gibt es irgendeinen Bankenkrach, wenn es zu gut geht. Vor zehn Jahren mussten Sie die Credit Suisse sanieren, heute sanieren Sie die UBS. In zehn Jahren müssen Sie dann wieder in der CS aufräumen." Aber die Finanzkrise habe auch ihr Gutes. Jetzt seien sich Bankpräsidenten nicht mehr zu fein, um gelegentlich im Fernsehen oder auf einem Podium mit Politikern zu streiten.

Und so hat er wieder mit ein paar kurzen Zügen klargemacht, dass er, Blocher, der heimatverwurzelte Industrielle, und die Zauberlehrlinge der Finanzwelt auf verschiedenen Planeten leben. Die Geldbranche hat zwar starke Vertreter in Blochers Partei: Mit Hans Kaufmann verfügt die SVP über einen hauptamtlichen Finanzprofi (was selten genug ist im Parlament), mit Thomas Matter möchte sie bald einen waschechten Bankier nach Bern entsenden (was noch seltener ist), und mit Peter Spuhler stellte die SVP in einer entscheidenden Phase einen UBS-Verwaltungsrat. Aber der Ruf, Lakaien der Bahnhofstraße zu sein, verfolgt eher die Mitteparteien CVP und FDP.

Als im Frühjahr 2009 einige SVP-Getreue forderten, Christoph Blocher zum Präsidenten der trudelnden UBS zu machen, lehnte er ab. "Fürs Bankgeschäft fehlt mir die nötige Kenntnis", sagte er. "Ich besitze auch keine Bankaktien, weil ich das Funktionieren der Banken nicht richtig verstehe." Das war natürlich maßlos untertrieben. Immerhin hatte derselbe Blocher einst mit seinem Jugendfreund Martin Ebner ein Beteiligungsvehikel wie die Pharma Vision gegründet, seine Ems-Chemie hatte mit raffinierten Finanzanlagen phasenweise mehr verdient als mit den Fabriken, und er selbst saß zwischen 1981 und 1993 im Verwaltungsrat der Schweizerischen Bankgesellschaft (SBG).

Aber während man anderen ihr Engagement für die SBG bis ans Karriereende vorhielt – so Bundesrat Hans-Rudolf Merz und Finma-Präsident Eugen Haltiner –, konnten Blochers politische Gegner dessen SBG-Vergangenheit nie richtig ausschlachten. Denn als der Tornado der Finanzkrise über die Schweiz zog, war es die SVP, die am schnellsten gegen die Machenschaften der Hochfinanz wetterte. Und es war Blocher, der Forderungen auf den Tisch legte, die drastischer tönten als manche Idee der Sozialdemokraten: Großbanken aufspalten, Lohndeckel für den Fall, dass Unternehmen eine Staatsgarantie bekommen müssen – und sobald der Staat gezwungen sei, sich an einer Bank zu beteiligen, gehöre ein Bundesvertreter in den Verwaltungsrat. Bei Reden in Zürich und im Jura drohte er an, notfalls per Volksinitiative flexiblere Strukturen für die Banken durchzudrücken.

Blocher spielt mit den Attacken gegen Hildebrand das Spiel der Banken

Alles Taktik? Schlaue Propaganda? "Nein, das gilt heute wie damals", sagt Christoph Blocher. Doch jetzt, im Frühjahr 2011, wendet sich seine Partei offen gegen das Gesetzespaket, mit dem der Bundesrat die Großbanken unter Kontrolle bringen will. "Die Vorschläge lösen das ›Too big to fail‹-Problem nicht", sagt Blocher. Nachbesserungen seien unumgänglich. Da dem Paket auch von linker Seite aus Widerstand erwächst, könnte die "Too big to fail"-Vorlage auf der langen politischen Bank landen – bestenfalls. Sodass die Schweizer Geldhäuser, statt international höchsten Standards unterworfen zu werden, noch lange weiterwirtschaften könnten wie bisher: mit bescheidener Eigenkapitalbasis, alten Risiken und einer faktischen Staatsgarantie. Sie sind und bleiben so eine Gefahr für uns alle.

Ja, es sieht nach einer Volte aus, die Christoph Blocher da vollzogen hat. Immerhin hatte der SVP-Vizepräsident das ganze Land verblüfft, als er sich am 11. September 2009 im Berner Hotel Bellevue mit SP-Präsident Christian Levrat und Uhrenpatron Nicolas Hayek an einen Konferenztisch setzte. Gemeinsam legten die drei so ungleichen wie einflussreichen Männer ein Manifest vor, das sich gegen die nationale Bedrohung durch die Großbanken richtete. Die Aktion, daran ließ Initiant Hayek keinen Zweifel, sollte vor allem Philipp Hildebrand unterstützen: Der Nationalbanker kämpfte damals noch weitgehend einsam dafür, dass die Schweiz ihre Großbanken entschlossen an die Kandare nehme. Inzwischen aber, im Frühling 2011, wurde ausgerechnet Blocher zum härtesten Kritiker von Hildebrand. Mehr oder weniger offen wünscht er den Rücktritt des Nationalbank-Präsidenten. Und somit muss er sich auch den Einwand gefallen lassen, dass er mit seinen Attacken gegen den wichtigsten Banken-Bändiger letztlich das Spiel der Bahnhofstraße spielt.