Die Männer tragen Rucksäcke und Handschuhe. Sie haben spitze, rot-weiße Stangen dabei, außerdem Kompass, Kamera, Messband. Sie pirschen in Zweierteams durchs Gehölz – gerüstet mit Fäustel und Feile. Ihre Gerteln sind so scharf wie Fleischermesser. Mit elektronischem Equipment zielen sie in alle Himmelsrichtungen, peilen Ziele an in den Baumkronen.

Unverdächtig wirken die Gestalten erst, wenn man lesen kann, was auf ihren Westen geschrieben steht: Landesforstinventar. Christoph Düggelin und Paul Koller sind unterwegs, um die Bäume der Schweiz zu zählen. Es gibt davon mehr als 500 Millionen. Das klingt nach einem nie zu vollendenden Werk, doch die Zählmeister haben immerhin neun Jahre Zeit. Außerdem müssen sie nicht jeden einzelnen Baum notieren, sondern sie nehmen nur die Bestände in 6.500 ausgewählten Quadraten mit einer Seitenlänge von jeweils 50 Metern unter die Lupe.

Seit Anfang April sind sie wieder unterwegs, im Rahmen der vierten Erhebung. Das moderne Zielgerät, das sie dabei haben, heißt Vertex, Criterion oder Hypsometer. Die Vokabeln lassen erahnen, dass die Zählarbeit mehr umfasst, als pro Versuchsfeld eine ganze Zahl zu ermitteln. Die Mitarbeiter der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) in Birmensdorf evaluieren innerhalb dieses Inventars im schweizerischen Gehölz den gegenwärtigen Holzvorrat. Sie schätzen den Gesundheitszustand der Bäume ein und die Biodiversität in den einzelnen Lagen. Im Auftrag des Bundes ermitteln sie sogar die Menge an Totholz, die am Boden liegt, die Zahl der frischen Triebe oder die Schäden, die Vandalen, Felsstürze und orkanartige Böen jüngst an ihren Schützlingen hinterlassen haben. Rund 300 Merkmale werden von drei Zweierteams erfasst.

Heute erkunden Düggelin und Koller ein Quadrat am Zugerberg. In Brusthöhe messen sie den Durchmesser einer Weißtanne (23 Zentimeter), sie entdecken Pilzfruchtkörper und Spechtlöcher, diagnostizieren Rindennekrosen und "Gipfeldürre", vermerken kleine Kratzer oder massive Schäden an einem Stamm, hervorgerufen beim Holzschlag. Ihnen entgeht weder der Verbiss durch Wild in einem Jungwald noch der "Fegeschaden", den ein Rehbock hinterlassen hat, und auch nicht die Spuren einer "Erholungsnutzung" in Form einer Feuerstelle. Vermerkt wird ebenso der Bewuchs durch Efeu oder Himbeere, der Grad der Beschattung, die Anwesenheit eines Bächleins.

Die Menge von Daten, die Düggelin, Koller und Kollegen bisher gesammelt haben, birgt Überraschungen. Auffallend ist die schnelle Zunahme: War vor einem Vierteljahrhundert vor allem vom Waldsterben die Rede, so stellen die Forscher heute fest: Der Schweizer Wald liegt nicht etwa siech darnieder. Im Gegenteil: In der Fläche wächst er. Und wie!

Das vom Wald besetzte Areal hat sich seit Anfang dieses Jahrtausends um 600 Quadratkilometer vergrößert, was der Gesamtfläche der Kantone Schaffhausen und Genf entspricht. Auf 12.786 Quadratkilometern steht heute Schweizer Wald – 31 Prozent der Landesfläche. Nicht einmal Vivian und Lothar – der in der Schweiz 10 Millionen Bäume umgeworfen hat – verhinderten mit ihren Kahlschlägen, dass statistisch betrachtet in jedem Jahr das Gehölz die Fläche des Thunersees zurückerobert.

Dieser Feldzug findet vor allem im Gebirge statt, in Graubünden und im Wallis, am deutlichsten im Tessin (siehe auch: www.lfi.ch ). Nicht mehr oder nachlässig genutzte Landwirtschaftsflächen fallen dem sich ausbreitenden Wald anheim. Seit weniger Bauern ihr Vieh zum Sömmern ins Gebirge schicken, hat die Fläche der Alpweiden abgenommen. Erst Büsche, dann Bäume erobern das Gelände zurück, oft in wenigen Jahren. So verschwindet Kulturlandschaft, die der Mensch in 6.000 Jahren erschaffen hat – indem er die Ressource Holz nutzte, Raubbau betrieb, Forste hegte und pflegte und unter dem Strich die Artenvielfalt erhöhte.