Von den Wänden des Stalles blättert der Putz, viele der Boxen stehen inzwischen leer, die Grasbahn nebenan ist ein halsbrecherischer Acker, und in die Trainerunterkünfte sind bulgarische Familien gezogen, die sich nichts Besseres leisten können.

"Es ist ein Jammer", sagt Zoltan Mikoczy, als er über das Stallgelände läuft. Einst besaß niemand mehr Pferde pro Einwohner als die Magyaren, das stolze Reitervolk – und heute? Sogar der berühmte Kincsem Park, die herrschaftliche Galopprennbahn im Herzen von Budapest, sollte als Bauland verkauft werden. "150 Jahre alte Bäume, denkmalgeschützte Bauten!", ruft Mikoczy. Das ganze Land wird verhökert: die Ackerflächen an Österreich, ehemalige Staatsgebäude an amerikanische Fast-Food-Ketten. Die berühmte ungarische Staatsoper kann man für Hochzeitsfeiern mieten, und die Budapester Altstadt bewohnen nur noch reiche Ausländer. Das Benzin ist inzwischen so teuer, dass es sogar zur Rushhour kaum noch Staus gibt.

"Nur Overdose hat verhindert, dass der Kincsem Park abgerissen wurde", sagt Mikoczy. Er ist Patriot. Seine Rennfarben sind Rot, Weiß und Grün, wie die ungarische Flagge, und nichts schmerzt ihn mehr, als diesen Niedergang zu erleben. Als Sohn ungarischer Eltern wuchs er in der Slowakei auf, mit seinen beiden Töchtern lebt er nahe der ungarischen Grenze. Es war kurz nach der Wende, 1992, als er zum ersten Mal diese kleine Reitschule besuchte, wo es eine abgeschlossene Sektion mit Rennpferden gab, die ihn neugierig machte. Mikoczy freundete sich mit dem Inhaber an, und es dauerte nicht lange, da begann er, sich die ersten Rennpferde zu leihen. Eines war halb blind, sie liefen erbärmlich, doch Mikoczy genoss es, auf der Tribüne zu sitzen, ein paar Forint zu wetten und ihnen auf der Zielgeraden zuzujubeln. Das Stahlgeschäft, in das er investierte, lief blendend, und immer häufiger trug er sein Geld zu Pferdeauktionen. Nie gab er mehr als 2000 Euro aus, er mochte es, sie zu kaufen wie eine billige Wette, und schon im Jahr 2005 brachte er es auf zwölf Pferde. Der Rennbahndirektor von Bratislava war jetzt sein Freund.

Es war im Oktober 2006, als Mikoczy sich einen Traum erfüllte und zu der berühmten Auktion nach Newmarket flog, nach England, in das gelobte Land des Galoppsports. Der Unterhalt seiner Pferde wuchs sich zwar gerade zu einem Problem aus, doch darüber wollte er jetzt nicht nachdenken, nicht hier an diesem ehrwürdigen Verkaufsring, wo die Pferde an ihm vorbeiparadierten und er ein Bier ansetzte. Schon zum zweiten Mal führte man Katalognummer 94 durch den Ring, einen Braunen ohne Namen. Viele Haare und schiefe Beine sah Mikoczy. Der Vater des Hengstes, Starborough, hatte noch nichts Nennenswertes hervorgebracht, die Mutter Our Poppet war ein einziges Mal auf einem belanglosen sechsten Platz gelandet.

"2000 Pfund", rief der Auktionator, und Mikoczy hob aus Spaß den Arm. Er mag die Atmosphäre bei diesen Auktionen, die Aufregung. Vier Jährlinge hatte er an diesem Tag schon ersteigert, jetzt sei Schluss, hatte er seiner Freundin versprochen, doch die war gerade vor der Tür. "Wer bietet 2500?", rief der Auktionator, niemand hob die Hand, und Mikoczy brach der Schweiß aus. Alle Geschwister des Braunen liefen in den Farben seines Züchters, doch diesen hier hatte man schon als Fohlen aussortiert. "Zum Ersten!", "zum Zweiten!" Der Hammer fiel, der Namenlose war seiner.

Sandor Ribarski, der Zoltan Mikoczys Pferde trainierte, freute sich, als der Transporter mit den Jährlingen aus England eintraf. Fünfmal schon hatte er das ungarische Derby gewonnen, achtmal das nationale Championat, doch wie alle Trainer wartete auch Ribarski auf das große Los. Jetzt musterten seine Augen die Neuankömmlinge, die rückwärts über die Rampe stiegen. An dem schmächtigen Braunen blieb sein Blick nicht hängen: struppiges Fell, armseliger Schweif – und dann noch diese unkorrekten Vorderbeine, ein Musterbeispiel an ungesunder Konstitution! Doch irgendwie lustig fand er ihn, komisch, und deshalb gab er ihm spontan den Spitznamen Mickey Mouse. Den Namen einer Comicfigur. Mit diesem Pferd hatte er nicht viel vor.

Niemand riss sich darum, ihn zu reiten, er hatte etwas Arrogantes, Abweisendes an sich, und weil er keine Männer mochte, teilte Ribarski ihm als Pflegerin ein zierliches Mädchen zu. Die Monate vergingen, und schon bald stellte Ribarski fest, dass der Braune es liebte zu laufen – auch wenn er beim Galoppieren die Vorderbeine eigenartig übereinanderwürfelte, als würde er jeden Moment über sie stolpern. Sobald der Hengst die Bahn sah, beschleunigte er seinen Schritt und spitzte die Ohren. Anfangs belächelten die Reiter seinen Ehrgeiz, doch als er die älteren Pferde ein ums andere Mal im Training hinter sich ließ, meldete Ribarski ihn für sein erstes Rennen an.

Nie zuvor hatten Besitzer und Trainer über seine Zukunft gesprochen, einen offiziellen Namen hatte er immer noch nicht, und nun mussten sie ihn der Rennleitung melden. Orient Express, schlug Ribarski vor, Osmana, fiel Mikoczy ein, Obsession, sagte Mikoczys ältere Tochter, Overdose, die jüngere. Und weil die anderen Namen schon registriert waren, blieb Overdose übrig. Eine ordentliche Platzierung hätte sie gefreut, erinnert sich Ribarski, doch was sich an jenem Sonntag im Kincsem Park abspielte, erzählte man sich noch Wochen danach in Alag. Neugierig hatte Overdose die ungewohnte Umgebung gemustert, all die Menschen im Führring, dann war er unbeeindruckt die Gerade heruntergerasselt, erst sechs, dann zehn, dann 18 Längen legte er zwischen sich und seine Gegner. Es sah aus wie ein Spiel. Tatsächlich waren beinahe 50 Meter ein nie gesehener Vorsprung auf 1000 Metern, auf dieser kürzesten und ehrlichsten aller Distanzen, auf der es keine Taktik gibt und Rennen meist nur knapp ausgehen. Die Zeiger der Uhr blieben bei unglaublichen 58 Sekunden stehen, und weil noch nie ein Pferd in Ungarn schneller gelaufen war, dachte Ribarski zuerst an einen technischen Fehler. Immer wieder sah er sich die Wiederholung des Rennens am Bildschirm an, dann schwor er sich, aus diesem Hengst ein Rennpferd zu machen.

Zu Hause an seiner Wand hängt ein gerahmtes Foto von Overdose. Der Züchter hat es Ribarski aus England geschickt, mit einer Widmung: "Mit Stolz haben wir seine Laufbahn verfolgt. Ohne den behutsamen Aufbau wäre er nicht so weit gekommen."