Manchmal saßen er und Mikoczy bis tief in die Nacht beim Bier und schmiedeten Pläne. In England, dort, wo sie Overdose einst ausmusterten, sollte er triumphieren, in Frankreich, in Amerika. Sie wollten der Welt beweisen, dass sie in Alag das schnellste Pferd der Welt trainieren. In Hamburg gewann Overdose jetzt sogar mit blutender Fessel. In der Slowakei enteilte er so weit, dass die Zielfotografen die anderen Galopper nicht einmal auf dasselbe Bild bekamen. In Ungarn nannte man Overdose jetzt in einem Atemzug mit der legendären Kincsem. Manchmal campierten seine Fans sogar nachts vor dem Stall, und als Ribarski zwei Bodyguards davor postierte, versuchten es die Paparazzi mit Teleobjektiven.

Die Saison 2008 steuerte ihrem Höhepunkt zu, als Ribarski Overdose’ Start für den großen Prix de l’Abbaye in Paris bekannt gab. Zehnmal war er ungeschlagen, noch nie in seinem Leben hatte er ein Pferd vor sich dulden müssen, doch jetzt sollte er gegen die besten Sprinter Europas antreten. Der französische Star Marchand d’Or, der mehrfach auf dem höchsten Level gesiegt hatte, war der Favorit – er ließ die anderen Pferde meist am Start vor, um sie in der Zielgeraden wie ein Zug zu überrollen.

Overdose sprang als Erster aus der Startbox, Andreas Suborics, sein Jockey, steuerte ihn gleich nach innen an die Spitze, und weil er bereits am 100-Meter-Pfosten vorbeigeflogen war, konnte er nicht sehen, dass sich die Box eines Pferdes nicht geöffnet hatte. Als der Starter die Fahne für den Fehlstart schwenkte, war Overdose schon außer Sichtweite. Suborics presste sich an seinen Hals, Overdose jagte die Zielgerade hinunter, doch links und rechts wurde die Menge plötzlich still. Die Uhr zeigte im Ziel sagenhafte 54,5 Sekunden an. Overdose tänzelte wie der Sieger von der Bahn, doch Suborics schlich mit versteinerter Miene zum Absattelring.

Das Drama – ein Schmied schlägt einen Nagel zu tief in den Vorderhuf

Marchand d’Or war von seinem Reiter gleich nach dem Start angehalten worden, das Rennen wurde für ungültig erklärt – nun sollte es drei Stunden später wiederholt werden. Zoltan Mikoczy und Sandor Ribarski entschlossen sich, Overdose, der alles gegeben hatte, nicht noch einmal antreten zu lassen. Später mussten sie zusehen, wie Marchand d’Or sich den Siegerkranz umhängen ließ. 54,5 Sekunden – in exakt derselben Zeit wie Overdose hatte er gewonnen, doch an diesem Nachmittag sprachen die Zuschauer von nichts anderem mehr als von diesem Ungarn. "Overdose kann ohne Zweifel der schnellste Sprinter der Welt sein", schrieb Alan Shuback, der Korrespondent der amerikanischen Daily Racing Form, und Neil Clark von der britischen Racing Post trat Overdose’ Fanclub bei. Ein Rennjournalist, der von einem Pferd schwärmte wie ein Teenager von Justin Bieber.

In Budapest fasste Tivadar Farkasházy, der berühmte Fernsehmoderator, die Empörung seiner Landsleute zusammen, indem er die Annullierung des Rennens mit dem Zusatzvertrag von Versailles von 1920 verglich, in dem die Siegermächte des Ersten Weltkriegs Ungarn mehr als zwei Drittel seiner Fläche nahmen. Im Herbst 2008 waren gerade die Banken kollabiert, die Währung Forint verlor ein Drittel ihres Wertes, doch die Fernsehnachrichten machen mit einem Pferd auf. Als hätten sie nur darauf gewartet, dass endlich wieder etwas die Menschen eint in diesem Land, das den Glauben verloren hatte an sich und seine Moral. Der ehemalige Regierungschef Ferenc Gyurcsány hatte 2006 gestanden, "das Volk belogen und alles Wichtige liegen gelassen" zu haben. Gegen den Oppositionsführer Viktor Orban, den heutigen Ministerpräsidenten, ermittelte die Polizei, weil er sich angeblich in die Computer der Regierungspartei gehackt hatte. Und im April 2008 leiteten die Manager einer großen Versicherung mehr als eine Milliarde Forint auf ihre privaten Konten, das Geld ihrer Kunden.

Als Overdose nach der Saison heimkehrte, feierten ihn 10000 in der Arena von Laszlo Pap. Sie schwenkten Nationalflaggen und Overdose-Schriftzüge. Bäcker, Polizisten und Ärzte, Menschen, die noch nie auf einer Rennbahn waren, jubelten Overdose zu. Hunderte Hände streichelten ehrfürchtig sein Fell. Dozy nannten sie ihn, und in Alag fuhren jetzt Staatslimousinen über die matschigen Wege zu seinem Stall. Der Parlamentspräsident und die Finanzministerin verteilten 50 Kilo Äpfel und Möhren. Die Universität von Budapest widmete Overdose eine Ausstellung, Andras Kepes, der Fernsehmoderator, drehte einen Film über sein Leben, und Tivadar Farkasházy, der sonst vor sechs Millionen Zuschauern die Regierung kritisiert, verfasste ein Buch über ihn – 300 Seiten über ein Rennpferd.

Es war im April 2009, als Zoltan Mikoczys Welt ins Wanken geriet. Ein letztes Mal wollte er seinen Hengst der Hauptstadt präsentieren, bevor er die Schmach von Paris sühnen sollte. Im Zentrum von Budapest demonstrierten Tausende Menschen gegen die Sparpläne der Regierung, und im ausverkauften Kincsem Park riss Overdose’ Triumph die Massen zu Jubelstürmen hin. Mikoczy feierte bis in die Morgenstunden, doch als er am nächsten Tag in den Stall kam, fand er Overdose mit angewinkeltem Bein in seiner Box. Der Schmied hatte einen Nagel zu tief in das empfindliche Fleisch des Vorderhufes getrieben, Overdose lahmte. Mikoczy ließ sein Pferd in die Normandie fahren, wo Spezialisten es behandelten, doch nachdem der Gasttrainer es zu früh auf die Bahn geschickt hatte, entzündete sich der Huf erneut.

Es sei eine ernste Erkrankung, eine Hufrehe, erklärte der Tierarzt, nicht wenige Pferde sterben daran, viele bleiben für immer lahm. Mikoczy verschiffte Overdose jetzt nach Sussex, England, wo ein Schmied aus Neuseeland seine Hufe mit Kunststoff überzog. Die teure Reha-Anlage erinnerte Mikoczy an ein Fünf-Sterne-Hotel, doch die Laune seines Hengstes verschlechterte sich von Tag zu Tag. Als sie ihn zum Muskelaufbau in ein Schwimmbecken führen wollten, stemmte Overdose die Beine in den Boden und bewegte sich keinen Zentimeter. Zu fünft, schließlich zu zehnt versuchten sie, ihn in das Becken zu zwingen. Overdose schlug aus. Am Ende verletzte er sich, und sie brachten ihn heim nach Alag.

Mikoczys Ersparnisse gingen zur Neige. Doch er begriff sich jetzt als Hüter eines nationalen Schatzes. In die Kameras sprach er staatstragende Sätze, die darin gipfelten, dass er sein Pferd niemals aufgeben werde – es sei ein "Träger von Hoffnungen und Träumen". Auf den Rennplätzen erschien Mikoczy inzwischen in cremefarbenen Anzügen mit Rose im Knopfloch, im Präsidentenpalast hatte man ihm eine Ehrenmedaille verliehen, und es war nicht mehr ganz klar, wer dieses Pferd dringender brauchte: das Land oder sein Besitzer.