Alle ausländischen Kaufangebote hatte Mikoczy abgelehnt, doch als ihm ein ungarisches Firmenkonsortium 2,5 Millionen Euro bot, schlug er ein. Overdose gehörte jetzt zu 50 Prozent einer Bank, einer Versicherung, einem Baukonzern, einer Öl- und einer Immobilienfirma – den fünf größten Unternehmen des Landes. Sie richteten dem Pferd eine Homepage ein – auf Siegerfotos sollte Overdose’ Glanz auf die Manager abstrahlen. Overdose sollte ihr Botschafter sein. Aber was nützt ein Botschafter in einem Stall?

Die Saison 2009 ging zu Ende, und Overdose hatte immer noch keine Rennbahn gesehen. Beinahe täglich fütterte Mikoczy die Journalisten mit neuen Startterminen. Beinahe täglich trat er im Frühstücksfernsehen auf und erklärte anhand von Röntgenbildern Overdose’ Genesungsfortschritte. Irgendwann musste der Tierarzt ihn stoppen. Mikoczy sprach von Hongkong und Dubai, aber noch immer schlich Overdose mit einer Leidensmiene aus der Box, bei jedem Schritt senkte sich sein Kopf.

Als Mikoczy kurz darauf an der rumänischen Grenze verhaftet wurde, verbreiteten sich Gerüchte: Er habe Maschinen einer zahlungsunfähigen Fleischfabrik außer Landes bringen wollen, hieß es; andere munkelten, die Festnahme sei von langer Hand geplant, weil er Kontakte zur slowakischen Mafia habe. Kaum dass er auf freiem Fuß war, rief Mikoczy zur Pressekonferenz nach Alag, und dort spürte er zum ersten Mal, dass man ihm nicht mehr glaubte.

Sein Pferd war gereizt und ausgelaugt, die Saison bereits vorüber, und Sandor Ribarski nahm Overdose mit ins Trainingszentrum von Berlin-Hoppegarten, wo er sich über Winter erholen sollte. Keiner kannte Overdose so gut wie Ribarski – sobald er in seiner Nähe war, richtete Overdose ein Ohr in seine Richtung. Stimmte etwas nicht mit ihm, legte er seinen Kopf auf Ribarskis Schulter. "Wir müssen warten, bis Overdose uns ein Zeichen gibt", diktierte Ribarski in die Blöcke der Journalisten. Der Hengst habe viele Schmerzen durchgemacht. "Das Problem ist nicht der physische, sondern der seelische Zustand, den man erarbeiten muss."

Overdose müsse man bitten, nicht zwingen, sagte Ribarski. Doch als das Frühjahr anbrach, wurde Mikoczy immer ungeduldiger. Bei einem Schneider hatte er schon den Anzug für die Rennen in Royal Ascot in Auftrag gegeben, aber sobald er Starttermine vorschlug, wiegelte Ribarski ab. Der Besitzer drängte, der Trainer bremste. Immer wieder stritten sich die beiden, und im Mai 2010 brachte Mikoczy Overdose schließlich zurück nach Ungarn, in die Obhut eines alten Freundes.

Ribarski sei unberechenbar geworden, sagt Mikoczy. Mikoczy sei seiner Eitelkeit erlegen, sagt Ribarski. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Wahrheit irgendwo in der Mitte liegt.

Wenige Monate später, im August 2010, saß Sandor Ribarski, der ehemalige Trainer, in seinem Wohnzimmer in Alag und schaltete den Fernseher ein. Das große Comeback von Overdose wurde gerade übertragen, das wichtigste Sprintrennen Deutschlands. Eineinhalb Jahre lang hatte die Rennwelt darauf gewartet, doch als die Pferde in die Startboxen einrückten, bockte Overdose. Immer wieder warf er seinen Jockey ab, es schien, als wolle er sich hinschmeißen. Es vergingen zehn Minuten, bis sie Overdose in sein Abteil gezwungen hatten. Aber als die Pferde auf die Zielgerade einbogen, wurde es auf der Tribüne beklemmend still: Jeder sah, wie der Jockey Overdose verzweifelt anschieben musste. Völlig übermüdet wurde er nach hinten durchgereicht, als Siebter lief er über die Ziellinie.

Overdose hatte verloren. Das erste Mal in seinem Leben. Es war das, was Ribarski um jeden Preis verhindern wollte. Er hatte recht behalten, aber er konnte nicht triumphieren.

Es war an einem Herbsttag in Alag, als Zoltan Mikoczy sein Pferd um Verzeihung bat. Nach der Niederlage hatte er zunächst allen anderen die Schuld gegeben – den Starthelfern, dem Jockey, doch jetzt sagt er: "Ich hätte auf ihn hören sollen. Er war noch nicht so weit."

Einen Monat lang hatte Overdose in seiner Box gegen die Wand gestarrt, den Menschen sein Hinterteil zugewandt und jeden gebissen, der ihm nahekam. "Wir haben ihn gedemütigt", sagt Mikoczy leise. An jenem Tag im Herbst schwor er allen Rennplänen ab und ließ sein Pferd hinaus auf die Koppel. Overdose sprang herum wie ein Fohlen und wälzte sich im Dreck. Wochenlang ließen sie ihn die Freiheit genießen, und mit jedem Tag wurden seine Augen klarer.

Im Frühjahr 2011, als die große Linde vor seinem Stall bereits ausgetrieben hat, kommt Overdose morgens von der Bahn, und sein Fell leuchtet. 440 Kilogramm bringt er auf die Waage, die überflüssigen Polster hat er verloren. Overdose ist jetzt sechs Jahre alt, mit sieben hat ein Rennpferd seinen Zenit meist überschritten. Die kommende Saison wird wohl seine letzte Chance sein – aber ist er wieder der Alte?

Fans ersteigern Overdose’ Hufeisen für 300 Euro auf eBay

Mikoczy verbringt nun jede freie Minute im Stall. Er könnte Overdose in die Zucht nehmen, das Risiko meiden. Mit jeder Saison drängen hungrige Talente nach, aber Mikoczy will nicht, dass Overdose so geht: ohne bewiesen zu haben, dass er die Besten schlagen kann.