Als Overdose vor wenigen Wochen Geburtstag hatte, fischte Mikoczy kübelweise Briefe aus der Post, Glückwünsche und selbst gemalte Bilder. Immer noch ersteigern die Menschen für 300 Euro seine Hufeisen auf eBay. Und immer noch stellen Fans unscharfe Schnappschüsse ins Internet und diskutieren seine Genesung. Seit sechs Monaten trainiere Overdose regelmäßig, sagt Mikoczy, und er habe wieder Freude daran gefunden. Aber stimmt das auch? Oder hat Mikoczy den richtigen Zeitpunkt verpasst loszulassen?

Manchmal begegnen er und Ribarski sich jetzt an den Stallungen, der verletzte Stolz lässt beide Männer schweigen. Den Fernsehsendern erteilte Mikoczy Stallverbot, und wenn Journalisten anrufen, lässt er sich verleugnen. Er, der nie einer Kamera aus dem Weg ging, ist vorsichtig geworden. Der Rummel um ein erledigtes Pferd und seinen geltungssüchtigen Besitzer nervt die Menschen in Alag. Selbst die Stallburschen tuscheln: Das wird nichts mehr. Was Overdose erlebt habe, könne ein Pferd brechen.

Am Nachmittag des 17. April steigt die Spannung auf der Rennbahn in Berlin-Hoppegarten, als die Pferde für das Hauptrennen auf die Bahn geführt werden. Acht Herausforderer wollen den gealterten Champ schlagen und damit Ruhm erlangen: die antrittsstarke Stute Fenella Rose, die nur 53 Kilo trägt und deren Trainer sich mit dieser günstigen Marke eine Chance ausrechnet; der Schwede Always Winner, der in Buenos Aires die 1000 Meter einmal in 55 Sekunden lief; der Wallach Sapphire, der letztes Jahr in Paris siegte, vier Außenseiter lauern, und da ist Shot to Nothing, der Bahnspezialist, der zuletzt die Hoppegartener Sprintserie gewann.

Es solle ein Aufbaurennen sein für Overdose, hatte Zoltan Mikoczy gesagt, danach werde er in Royal Ascot starten, aber ein wenig klang es, als spreche er sich selbst Mut zu.

Andreas Suborics, der Jockey, klopft beruhigend Overdose’ Hals, als die Pferde in die Startboxen einrücken. Der Jockey weiß, er soll es so machen wie früher: Overdose’ schnellen Start ausnutzen, nach vorn ziehen und ihm einen Platz an den Außenrails sichern, Overdose nach 300 Metern eine Pause gönnen und ihm dann die Zügel freigeben.

Der Tierarzt hat vorhin ein letztes Mal Overdose’ Hufe geprüft, Zoltan Mikoczy hat sich damit abgelenkt, seine 20-köpfige Entourage zu unterhalten. Und als alles noch ruhig war, sprach ein englischer Pater hoch oben auf der Tribüne ein Gebet in Richtung von Overdose’ Stall: "Heilige Maria, Mutter Gottes", und in seinem Messwein spiegelte sich die Steigung der noch unschuldigen Geraden. Berlin ist nicht Royal Ascot, die 5000 Euro Siegprämie würden nicht einmal Mikoczys Ausgaben decken, und doch hängt alles von diesem Rennen ab.

"Wir werden erfahren, ob sein Herz noch das alte ist", hatte Mikoczy gesagt. Das Herz kann man im Training nicht auf die Probe stellen.

Es ist 16.48 Uhr, als die Startglocke ertönt. Overdose, der eine ungünstige Startbox in der Mitte erwischt hat, ist schnell auf den Beinen, doch außen galoppiert der amerikanische Hengst Xi gleichauf, innen hält sich Fenella Rose an seiner Seite. Overdose galoppiert nicht rund, er wechselt seine Beine. Die Pferde passieren die Senke, als Suborics zu spüren glaubt, dass Overdose endlich seinen Rhythmus findet, 700 Meter noch, und vor ihnen liegt die lang gezogene Steigung. Overdose zieht an die Spitze, Suborics lenkt ihn nach außen, er jagt jetzt dicht am Zaun entlang, und als er die Höhe der Zuschauertribüne erreicht, löst sich ein Schrei aus tausend Kehlen: Overdose explodiert. Einen um den anderen Meter zieht er dem Feld davon, und als Suborics sich umschaut, sieht er die Gegner kleiner und kleiner werden. Hinter ihm kämpfen Sapphire und Shot to Nothing um den zweiten Platz, da wirft Suborics schon Kusshände in die tobende Menge. Ein paar Galoppsprünge später ist Overdose im Ziel.

Overdose habe soeben den Bahnrekord um drei Sekunden unterboten, verkündet der Rennkommentator mit zitternder Stimme. Die Zuschauer erheben sich von ihren Sitzen. Und in Alag bei Budapest sitzt ein kleiner Mann vor seinem Fernseher und wischt sich die Augen.