Nur für deutsche Kunden – Seite 1

Vielleicht ist es kein Zufall, dass der Schwankroman über die Schildbürger aus Deutschland kommt. Alles, was sie anpacken, machen sie verkehrt. Und alles, was man ihnen sagt, nehmen sie wörtlich. So erweckt es zumindest den Anschein. "Wie die Schildbürger" verhielten sich die Deutschen auch beim Kauf von Finanzprodukten , findet Achim Tiffe vom Institut für Finanzdienstleistungen: "Sie lassen sich von einem Berater, der an der Tür klingelt, den Sonnenschein in Kisten verkaufen und in die Wohnung tragen." Sie glaubten alles, am liebsten vollmundige Versprechen wie diese: Das Produkt bringt hohe Rendite! Ganz ohne Risiko! Und das Beste: Der Staat gibt noch was dazu!

Warum sonst, fragt Tiffe, würden die Bundesbürger in Produkte investieren, die kaum reguliert seien und so kompliziert, dass kaum noch jemand durchblicke. Jedes Jahr stecken sie Milliarden Euro in Zertifikate, Dach-Hedgefonds, geschlossene Fonds, Genussrechte. Häufig sind das Produkte, die es nur in Deutschland zu kaufen gibt. In anderen Ländern dagegen sind sie für Privatanleger tabu. Der Grund: Die Geschäfte sind zu windig.

Zum Beispiel Zertifikate : In vielen europäischen Ländern dürfen sie nicht an Kleinanleger verkauft werden. Selbst in den in Finanzdingen freizügigen USA gelten die Produkte als zu riskant. Denn mit ihnen wird der Käufer ein Spekulant: Er wettet darauf, dass ein dahinterliegender Basiswert (eine Aktie oder ein Index) steigt und der Herausgeber der Zertifikate derweil zahlungsfähig bleibt. Fährt dieser in die Insolvenz, ist auch das Zertifikat nichts mehr wert. Und es geht noch viel komplizierter.

Der Wirtschaftsrechtler Günter Reiner etwa, Professor an der Helmut-Schmidt-Universität und Richter am Oberlandesgericht Hamburg, unterscheidet zwei Arten von Derivaten : klassische Termingeschäfte, die er für unproblematisch hält. Und Derivate, die an die Kreditwürdigkeit eines Anbieters gekoppelt seien. Letztere seien hoch riskant. "Da gibt es vertragsrechtlich Konstellationen wie bei einem Glücksspiel mit Spieleinsatz", sagt Reiner. Darüber hinaus gibt es Zertifikate, die gleich von mehreren Basiswerten abhängen oder Sonderregeln formulieren, wann Gewinne gekappt oder sogenannte Knock-out-Schwellen erreicht werden. Zudem verzichtet der Kunde bei dieser Anlageform häufig auf Dividenden und regelmäßige Zinsen, zahlt stattdessen aber saftige Gebühren. Und wer ein Zertifikat vor Ablauf der Laufzeit loswerden möchte, kann es nicht einfach auf dem freien Markt verkaufen. Er muss es an den Herausgeber zurückgeben, und dieser bestimmt, zu welchem Kurs er es zurücknimmt.

Hört sich gewagt an? Ist es auch. Jüngst urteilte ein US-Richter: Zertifikate seien "Kredite mit exotischen Rückzahlungsbedingungen" und somit "für einen Privatanleger nicht geeignet". Deshalb gilt in den Vereinigten Staaten die Regel: Nur wenn ein Bankkunde explizit nach einem Zertifikat fragt, darf er in ein solches Papier investieren. Dann, so die Logik, kann der Banker davon ausgehen, dass der Kunde sich über das Produkt informiert hat und über die Risiken Bescheid weiß . In Deutschland dagegen müssen Kunden Zertifikate fast schon ausdrücklich ablehnen, um sie nicht verkauft zu bekommen.

Hierzulande wurden Zertifikate erfunden, nirgendwo ist der Markt liberaler und größer. Mehr als hundert Milliarden Euro stecken in solchen Papieren – das sind etwa jeder zehnte Euro in den Depots und mehr als ein Viertel dessen, was ganz Europa in Zertifikate investiert hat. Es gibt eine halbe Million verschiedener Sorten, die Zahl könnte sich bis 2015 verdoppeln, schätzt die Rating-Agentur Scope. Achim Tiffe vom Institut für Finanzdienstleistungen sieht "aufgrund der vielen Produkte längst keine Vergleichbarkeit mehr" gegeben, Anlegerschützer berichten von einer wachsenden Zahl von Beschwerden über mangelnde Aufklärung beim Verkauf. Man erinnere sich nur an die Zehntausenden deutscher Lehman-Opfer .

 

Und auch die Gerichte entscheiden immer häufiger: Wer ausdrücklich eine sichere Geldanlage wünscht, dem dürfen Zertifikate nicht länger empfohlen werden. Eine stärkere Regulierung der Branche zugunsten der Anleger lehnte die Bundesregierung zuletzt ab. Ganz anders argumentiert dagegen die EU-Kommission: "Derivate spielen eine bedeutende wirtschaftliche Rolle, beinhalten aber bestimmte Risiken. Die Krise hat gezeigt, dass die Risiken nicht genügend abgemildert werden."

Auch die nicht regulierten Fonds sind eine deutsche Spezialität. Die Hälfte aller ungeregelten Fonds innerhalb Europas kommen aus Deutschland, vor allem sogenannte geschlossene Fonds. Während diese andernorts nicht mal uneingeschränkt an institutionelle Investoren verkauft werden, werden sie hierzulande in rauen Mengen unter die Privatanleger gestreut. Deutsche Sparer beteiligen sich über sie gern an handfesten Dingen wie Schiffen, Immobilien oder Windparks, insbesondere wenn dabei auch noch die Möglichkeit lockt, Steuern zu sparen. Dass solche Fonds Unternehmensbeteiligungen sind, ist vielen nicht bewusst – und wird den wenigsten auch offen gesagt. Zu Verlusten aber kommt es bei dieser Fondsgattung häufig.

Eben weil der Markt völlig unreguliert ist, zieht er viele Fondsinitiatoren an, die es nicht so genau nehmen – etwa bei der Aufklärung, der Verwendung der Anlegergelder und erst recht nicht bei der Einhaltung von selbst gestellten Prognosen. Floppende Fondsprojekte verursachten jedes Jahr Schäden in Milliardenhöhe, schätzt das Verbraucherministerium und bastelt an neuen Anlegerschutzgesetzen . Dass es die geschlossenen Fonds wirklich abbremsen wird, zeichnet sich derzeit noch nicht ab.

Warum aber ist ausgerechnet Deutschland in Finanzdingen so wenig reguliert? Es ist das Pendel, das noch immer zurückschwingt: Bis weit in die neunziger Jahre war die Bundesrepublik bei Finanzprodukten ein Entwicklungsland. Der angelsächsische Markt etwa war sehr viel weiter entwickelt. Das lag vor allem an der Bundesbank, die die Kontrolle über die Geldmenge unbedingt behalten wollte. Zudem verdienten deutsche Banken prächtig mit klassischen Sparprodukten.

Dann aber drängte die EU auf mehr Einheitlichkeit am Finanzmarkt , dem konnten sich die Bundesbanker nicht länger verwehren. Und so setzte Deutschland sich lieber gleich an die Spitze der Liberalisierung und deregulierte seine Märkte weit mehr als andere Länder. Eine "typisch deutsche Distanzlosigkeit", nennt Finanzexperte Tiffe das. "Wir wollen etwas Gutes, reißen alle Hürden ein – verlieren dabei aber komplett den Blick für die Steuerungsinstrumente."

Und so kommt es auch, dass die deutsche Finanzaufsicht laut Studien schlechter funktioniert als die in anderen Ländern. Sie hat zu wenige Kompetenzen und zu wenig Personal. Und mittlerweile sind die Teilmärkte der Zertifikate und geschlossenen Fonds so groß, dass sie keiner mehr eindämmen will.

Wer sollte es auch tun? Kritiker monieren, dass Finanzindustrie und Politik sich nirgendwo so nahestehen wie hierzulande. Über alle Parteien hinweg. Das sei historisch gewachsen, da könne man heute kaum noch jemandem einen Vorwurf machen. Auch ein überzeugendes staatliches Konzept zum Verbraucherschutz fehle, kritisiert die Europäische Konsumenten Organisation BEUC. Andere Länder wie Großbritannien haben den Anlegerschutz als eines der Oberziele der Finanzaufsicht verankert.

Muss die liberale deutsche Finanzszene demnächst zumindest auf riskante Produkte verzichten, wenn die strikteren EU-Vorgaben kommen? Wohl kaum, denn Großes werden die Richtlinien nicht bewirken. Die Struktur der hiesigen Finanzszene werden sie kaum nachhaltig verändern. Sie werden auch die Verkaufsmacht der großen Struktur- und Finanzvertriebe kaum brechen können, die in anderen Ländern übrigens nie richtig Fuß gefasst haben. Deren Vertreter werden weiter an den Türen klingeln und den Bürgern Kisten verkaufen, in denen angeblich die Sonne steckt.