"Willkommen in der Avenue of Stars!", ruft der kleine Junge", der Autogrammkarten mit der –"echten!" – Unterschrift von Bruce Lee verkauft. Für hundert Hongkong-Dollar, umgerechnet zehn Euro, gibt’s die Devotionalie, und wer will, kann noch eine gefälschte Rolex dazukaufen. Die Avenue of Stars ist Hongkongs ganz eigene Version von Hollywoods Walk of Fame. Im Stadtteil Kowloon zieht sie sich am türkisfarbenen Pazifik entlang, zwischen den Glasfronten der Shoppingmalls und den Fähranlegern zur Hauptinsel Hongkong Island. Hier haben Hongkongs Filmgrößen ihre überraschend kleinen Hände in den Zement gepresst. Wong Kar-wais Muse Maggie Cheung und die Action-Prinzessin Michelle Yeoh. Der Frauenschwarm Chow Yun Fat und der Kung-Fu-Akrobat Jackie Chan. Am Ende steht wie ein Raubtier auf dem Sprung die "Tigerkralle": Bruce Lee als bronzene Statue, erstarrt in jener Kampfpose, die auf Millionen Video- und DVD-Covern prangt. "Achtzig Hongkong-Dollar für Bruce Lee", flüstert der kleine Junge der Kinotouristin zu. Sechzig? "Bingo!"

In einer Tourismuskampagne wurde Hongkong einmal als Traumfabrik des Fernen Ostens bezeichnet. Doch fielen die Träume hier stets ziemlich handfest aus. Hongkongs Spezialität war vor allem knallharte Unterhaltungsware: Polizeithriller, Gangsterfilme, Kung-Fu-Kino, Helden, die leichtfüßig über Pagodendächer springen und sich mit vier Saltos ins Kampfgeschehen werfen. Hongkongs Filmhandwerker inszenierten so elegant, rasant und innovativ, dass die Traumfabrik auf der anderen Seite des Pazifik sie immer wieder gerne abwarb. Regie-Stars wie John Woo gingen nach Hollywood, um mit John Travolta Face Off oder mit Tom Cruise Mission Impossible II zu drehen. Jackie Chan eroberte mit Rumble in the Bronx die amerikanischen Multiplexe, Quentin Tarantino plünderte und kopierte schon vor Kill Bill das Genre der Martial-Arts-Filme, und Martin Scorsese drehte seinen Oscar-Gewinner The Departed als Remake eines Hongkonger Polizeithrillers.

Es geht um die größte kommerzielle Revolution der Filmgeschichte

"Das ist alles Geschichte!", sagt Albert Lee in seinem Hochhausbüro in der Innenstadt von Hongkong Island. "Vergessen Sie unsere Tradition. Wir sind gerade dabei, uns als Kinometropole neu zu erfinden!" Der Mann muss es wissen. Lee, ganz Gentleman im Anzug, ist einer der einflussreichsten Produzenten der Stadt. Als junger Mann begann er bei der legendären Hongkonger Filmfirma Golden Harvest, die die Kinogeschicke der Stadt von den Siebzigern bis in die Neunziger mit klassischen Kampffilmen und Thrillern prägte und für Stars wie Bruce Lee und Jackie Chan zum kreativen Zuhause wurde. Und nun hat Albert Lee den Film produziert, der in Hongkongs Filmbranche eine Mischung aus fröhlicher Hysterie und Goldgräberstimmung auslöste: Let the Bullets Fly. Zwanzig Millionen chinesische Zuschauer sahen seit Ende vergangenen Jahres den Film des Regisseurs Jiang Wen: eine opulente, mit derbem Schwung und vielen Stunts inszenierte Zwanziger-Jahre-Komödie über eine Handvoll Schlitzohren, die sich in der Provinz Sichuan gegenseitig ausnehmen. Die prominent besetzte Großproduktion, in der auch die Hongkong-Ikone Chow Yun Fat mitspielt, wurde in China zum erfolgreichsten chinesischsprachigen Film aller Zeiten. "Vor unserer Haustür liegt der größte Kinomarkt der Welt", sagt Albert Lee. "Und wir in Hongkong sind nun das Einfallstor zu diesem Reich, das nach Bildern giert."

Vielleicht wird in einer Stadt, die Kino als Investment betrachtet, ja ganz automatisch am Interieur gespart. Jedenfalls stellt man sich das Hauptquartier eines Tycoons anders vor. Angegraute Wände, verschlissene Böden, Großraumbürowaben. Die von Lee geleitete Produktionsfirma gehört zur Emperor Group, einem Imperium aus Uhren- und Juweliergeschäften, Medienunternehmen, Casinos und Immobilienfirmen. Der Emperor-Eigentümer Albert Yeung, vielleicht der mächtigste Mann Hongkongs, könnte selbst eine Figur aus einem Krimi sein. Seine angebliche Verbindung zu den Triaden, dem Hongkonger Pendant der Mafia, ist ein offenes Geheimnis. Bei Prozessen gegen den Geschäftsmann kommt es vor, dass sich Zeugen von einem auf den anderen Tag an nichts mehr erinnern können. Die Besucherin fragt sich, wie wohl sein Büro im obersten Stockwerk des schwarz verglasten Emperor-Gebäudes aussehen mag. Schwarzer Marmor oder die gleichen ausgetretenen Teppiche? Auf der Etage von Albert Lee gibt es jedenfalls nicht einmal eine Kaffeemaschine. Der Chef schickt seine Assistentin nach unten, ins Straßengewimmel von Hongkong, für einen Cappuccino mit Grünteekeksen.

Der China-Boom sei die Rettung von Hongkongs Filmindustrie, sagt Lee. Die Märkte in Singapur, Malaysia, Taiwan und anderswo seien für Hongkong-Filme zusammengebrochen. Der Hongkong-Touch sei nicht mehr angesagt gewesen, es habe sich ausgeballert in den Hochhausschluchten der Stadt.