Panorama-Schwenk. Böse Kinder lieben Horrorfilme. Die sind schmutzig, hässlich und gemein. Wie das Leben. Wenn die bösen Kinder erwachsen werden, dann drehen manche von ihnen selber Horrorfilme. Mehr oder weniger die gleichen, die sie als böse Kinder so gern gesehen haben. Aber auch wieder anders. Denn sie sind ja erwachsen geworden.

Close-in. Und jetzt stellen wir uns eine Schule vor, in der es nicht die bösen Kinder sind, die die Horrorfilme sehen und später machen, sondern die Besserwisser, die Streber, die Bücherwürmer, die kommenden Rechtsanwälte, Creative-Writing-Tutoren, Journalisten und Archivare. Dann haben wir eine Vorstellung davon, was den Reiz der Scream- Serie in den neunziger Jahren ausmachte: Filme, in denen in einem Ort namens Woodsboro (mindestens) ein Serienmörder mit dem Messer umging, das Gesicht hinter einer Maske verborgen, deren Design an Edvard Munchs Bild Der Schrei erinnert. Seine Opfer fand er vorzugsweise unter den Highschool-Schülerinnen und -Schülern, die neben Partys, Sex und Karriere vor allem Horrorfilme und deren "Regeln" im Kopf hatten. Paradoxerweise wurden die Filme der Scream- Serie genau deshalb so erschreckend und komisch realistisch, weil sie von nichts anderem handelten als davon, wie sich die Fiktionen ins echte Leben fortsetzen (und umgekehrt). So entstand eine bizarre Mischung aus Kleinstadt- und Teenager-Porträt, Filmquiz, Whodunit, Selbstreferenz und Medienkritik. Intelligente Horrorfilme für eine Generation, die das Wort "postmodern" anhand von Fernsehprogrammen, "Midnight Movies", Halloween-Partys und ein paar Brocken Baudrillard und McLuhan buchstabierten. Und die das Leben im Medienzeitalter zugleich geil und zum Kotzen fanden.

Rückblende. In den siebziger Jahren drehten einige richtig böse Kinder, kaum erwachsen geworden, Horrorfilme so voller Zorn und Wucht, dass man ihnen den Ehrentitel "die Fauves", die jungen Wilden des amerikanischen Horrorfilms, verlieh. Sie brachen mit all dem magischen und rituellen Schnickschnack des "gothischen" Horrorfilms und wollten nur eins sein: schmutzig, hässlich und gemein. Wie das Leben in einem Land, das von einem falschen Krieg, von einer falschen Politik und von falschen Werten zerrissen war. Tobe Hooper (The Texas Chainsaw Massacre), George A. Romero (Night of the Living Dead) und Wes Craven (The Hills Have Eyes) brachten den Horror dorthin, wo er hingehört, in die Einkaufszentren, die vergessenen Hinterwälder Amerikas, die gute Nachbarschaft der Vorstädte. Und wie sie das taten, war mit einem Wort: "drastisch".

Zoom. Niemand bleibt für immer jung und wild. Hooper versuchte sich, schlecht und recht, in den Mainstream à la Stephen King einzuschreiben, Romero richtete sich, nachdem er mit großartigen kleinen Filmen ökonomisch Schiffbruch erlitten hatte, in einem hochinteressanten, dynamischen Zombie-Universum ein, und Wes Craven wurde von Film zu Film subtiler. Mit A Nightmare on Elm Street gelang ihm 1984 nicht nur die Kreation einer neuen Horrorgestalt, des "Traummonsters" Freddy Krueger, das mit seinen Rasiermesserklingenfingern die Teenager tötet, wenn sie schlafen (und das in Wahrheit die Gestalt gewordene Schuld der Eltern ist), sondern auch eine gänzlich neue Mischung aus Horror und Zeitbild. Nirgendwo – höchstens noch im Grunge-Rock von Gruppen wie Nirvana – konnte man so viel über das Leben und die Schmerzen weißer Kids der unteren Mittelschicht erfahren. Aus dem Erfolg des Films erwuchs eine Serie, mit der Craven dann nichts mehr zu tun hatte, bis er genau zehn Jahre später mit New Nightmare eine vielleicht ein bisschen allzu raffinierte Film-im-Film-Reflexion vorlegte.

Establishing Shot. 1996 begann Craven mit Scream eine zweite Teenage-Horror-Serie. Der Film war zugleich der erste Auftritt des kommenden Drehbuch-Stars Kevin Williamson, der in allem das Gegenteil der "jungen Wilden" scheint: Ironie statt Zorn, schleichendes Unbehagen statt brüllender Drastik, Medien- statt Körperhorror, nicht der alleingelassene Mensch, sondern die verzwickt funktionierende Gruppe als Protagonist und Objekt der Attacke. Mindestens so gut wie im Kino funktioniert dieses Konzept auch im Fernsehen, wo Kevin Williamson für die erfolgreichen Serien Dawson’s Creek, Glory Days und The Vampire Diaries verantwortlich zeichnet.

Nahaufnahme. Nun also gibt es, wieder ein Jahrzehnt nach dem Abschluss der Trilogie, eine Revision, möglicherweise auch einen Neustart der Serie des Teams Craven/Williamson mit etlichen Figuren und Darstellern von damals. Um die Wirkung eines solchen Filmes nicht zu zerstören, darf man eigentlich so gut wie gar nichts über den Inhalt verraten. Schon gar nichts über die drei bis vier Beginne, das Dutzend Mittelstücke, die jeweils in andere Richtungen zu führen scheinen, und die neue Anordnung der Zutaten, die bekannt sind: der schreckliche Anrufer, der nach den Lieblingsszenen aus Horrorfilmen fragt, das Fernsehen, das sich Woodsboro zur Sensationskulisse macht, die Zusammenkünfte der Kids, in denen über Wert oder Unwert von Genreregeln, über Film-Trilogien und Drehbuchkniffe diskutiert wird, der gefesselte und geknebelte Freund vor der Haustür, die Konfrontation verwirrter Teenager mit sehr verwirrten Teenagern und mit hilflosen Erwachsenen, der gutmeinende Sheriff und seine Leute, die ebenfalls ein bisschen zu viel Fernsehen und Kino in die Wahrnehmung der Welt und ihrer selbst übernommen haben – nichts scheint so wirklich wie Menschen, die die Wirklichkeit verlieren.

Amerikanische Nacht. Der Trick von Scream 4 besteht darin, dass alle Kompositionselemente des Genres und der eigenen Serie (es gibt sogar eine Filmserie namens Stab in der Filmserie namens Scream) wiederholt, variiert und transponiert werden, immer wieder aber teils grausig, teils komisch, teils grausig-komisch aufgebrochen und umgewertet. An welchen Stellen das sehr gut gelungen ist und an welchen es eher ein bisschen fleißarbeitsmäßig daherkommt, darf man, wie gesagt, nicht sagen. Nur den Schluss darf man ohne Weiteres verraten: Es sind eine Menge Leute tot, und es gibt einige mehr oder weniger überraschende Überlebende.

Detail. Zwei Dinge haben sich geändert seit der ersten Scream- Trilogie. Die Regeln des Genres sind schon wieder andere, oder aber, um es mit den Worten eines Protagonisten zu sagen, es gibt keine mehr. Und dann: In den Zeiten von Castingshows und Promi-Wahn spielt man nicht mehr mit den Medien. Man meint es ernst. Blutig ernst.