DIE ZEIT:Al-Qaida hat in den vergangenen Jahren kaum noch größere Attentate verübt . Man fragt sich beinahe, wer zuerst gestorben ist – die Organisation oder ihr Anführer?

Richard Clarke: Die eigentliche Bedrohung geht heute von den Al-Qaida-Gruppen auf der arabischen Halbinsel, im Maghreb und in Somalia aus. Diese Gruppen sind quicklebendig. Es kann gut sein, dass sie jetzt versuchen, etwas zu unternehmen, um zu beweisen, dass es sie noch gibt.

DIE ZEIT: Die Welt ist also nicht sicherer geworden?

Clarke: Kurzfristig betrachtet, ist sie sogar etwas unsicherer geworden. Operativ hat bin Laden nicht mehr viel gesteuert . Es könnte jetzt aber zu spontanen Aktionen von Einzeltätern kommen. Langfristig glaube ich, dass die verschiedenen Al-Qaida-Gruppen größere Operationen planen werden.

DIE ZEIT: Das heißt, der Tod bin Ladens hat keine Auswirkungen auf al-Qaida?

Clarke: Keine besonders großen, nein. Seine Anhänger werden seinen Tod zunächst in einen Märtyrerakt umdeuten. Und sie werden betonen, dass bin Laden es geschafft hat, den Vereinigten Staaten ein Jahrzehnt lang zu entkommen.

DIE ZEIT: Welchen Einfluss hat der demokratische Frühling in der arabischen Welt auf al-Qaida?

Clarke: Das wissen wir noch nicht! Das Einzige, was wir zu diesem Zeitpunkt mit Gewissheit sagen können, ist, dass al-Qaida unrecht damit hatte, dass es gewaltsame Umstürze braucht. Ob die Menschen in den Revolutionsländern fundamental-islamistische Regime tatsächlich ablehnen, ist hingegen noch nicht klar.

DIE ZEIT: Im Irak spielt der Al-Qaida-Fundamentalismus heute keine große Rolle mehr.

Clarke: Ja, aber jedes dieser Länder ist unterschiedlich. Der arabische Frühling im Jemen kommt al-Qaida ganz gelegen. In Libyen könnte das auch so sein. Und auch in Ägypten kann sich die Regierung immer noch in eine islamistische Richtung bewegen. Zu sagen, der arabische Frühling sei ein herber Schlag für al-Qaida, wäre eine Übertreibung.

DIE ZEIT:In Amerika bejubeln viele Menschen den Tod bin Ladens . Sie auch?

Clarke: Wissen Sie, hier in den USA gibt es die Möglichkeit, dass Angehörige von Mordopfern die Hinrichtung des Täters mitansehen. Aber wenn sie das getan haben, fühlen sie sich immer noch sehr leer. Es ist nicht besonders befriedigend. Ganz ähnlich geht es mir im Moment.